Schülerin macht Hausaufgaben
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Prof. Zaborowski, Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar
Prof. Zaborowski, Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar

25.04.2019

ND-Jubiläumskongress: Was ist Bildung? "Es geht weniger um Werte als um eine Haltung"

​Ein katholischer Verband wie der ND definiert sich über das Thema Bildung. Doch was genau ist darunter zu verstehen? Der Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar, Holger Zabarowski, wagt eine Annäherung.

Bereits nach wenigen Minuten steht fest: Mit dem Gastreferenten, der beim ND-Jubiläumskongress zu dem für den Verband zentralen Thema – nämlich "Bildung" – auftritt, haben die Verantwortlichen nicht nur jemanden eingeladen, der das Bildungsprinzip mit mehreren Studiengängen und Lehrtätigkeiten in Freiburg, Basel, Oxford und Washington selbst überzeugend repräsentiert. Sondern vor allem jemanden, der sich schon immer sehr vertieft mit diesem gesellschaftlichen Kernthema auseinandergesetzt hat, obwohl oder gerade weil es, wie er selbst sagt, im aktuellen politischen Diskurs nur eine untergeordnete Rolle spiele.

Professor Dr. Dr. Holger Zaborowski ist Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar und dort Lehrstuhlinhaber für Geschichte der Philosophie und philosophische Ethik. Aus dieser Perspektive heraus interessiert ihn die Frage: Was denn ist eigentlich Bildung? Worin bestehen ihre Herausforderungen? Und was heißt das, wenn sich ein katholischer Verband über den kritisch-intellektuellen Dialog profiliert?

"Wir sollten uns grundsätzlich mit Bildungsfragen viel intensiver beschäftigen und vor allem die Frage nach dem ‚Wozu’ stellen", betont Zaborowski gleich zu Beginn seines Vortrags im Erzbischöflichen Berufskolleg an der Berrenrather Straße. Denn die Frage nach dem Menschen sei untrennbar mit der Frage nach Bildung verbunden. Das sei schon in der Antike und dann auch im frühen Christentum so gewesen, indem von Tugenden – sprich von Haltungen, Weisen des Sich-Verhaltens – gesprochen worden sei. Doch zuletzt habe diese Debatte, werde sie denn überhaupt in der Öffentlichkeit geführt, eher eine Verengung erfahren, so dass Bildung oft mit Ausbildung gleich gestellt werde und der Mensch aufgrund eines wachsenden ökonomischen Drucks zunehmend als Funktions- und Kompetenzträger, aber nicht als einzigartige Person und Ebenbild Gottes in den Blick genommen werde.

Spezialisierung auf Kosten eines Studium generale

"Wenn wir über Bildung sprechen, bewegen wir uns in einem sehr komplexen Netz von Herausforderungen", konstatiert Zaborowski. Dazu zählt der Wissenschaftler den beschleunigten wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, den medialen und den gesellschaftlichen Wandel, die Globalisierung, die einen Wettbewerb mit weltweiten Bildungssystemen mit sich bringe, und ein funktionalistisches Weltbild – also Bildung als Mittel zum Zweck. Auch eine enorme Experimentierlust im Bildungsbereich, die Spannung von Differenzierung und Entdifferenzierung – beispielsweise wenn immer mehr Schulformen aufgelöst werden und stattdessen eine Vereinheitlichung stattfindet – und nicht zuletzt die kontroverse Frage nach dem Proprium des Christlichen und nach katholischer Identität erschwerten in der Gegenwart die Definition eines allgemeingültigen Bildungsbegriffs – auch in kirchlichen Kontexten.

Gerade im schulischen Bereich als einem der wesentlichen Bildungsräume zeigten sich die größten Herausforderungen, analysiert der Hochschuldozent. Die Spezialisierung von Lerninhalten und auch die enorme Beschleunigung – das werde unter anderem an der Reform von G9 zu G8 deutlich, die letztlich unter rein wirtschaftlichen Aspekten erfolgt sei – gingen auf Kosten eines Studium generale. Das Ideal einer allgemeinen Bildung werde immer mehr infrage gestellt, erklärt Zaborowski, der auch Altphilologie studiert hat. So gebe es beispielsweise – anders als früher – schon seit Jahrhunderten keine Universalgelehrten mehr, dafür aber eine wachsende Zahl an Spezialisten, die in ihrem Fachbereich Expertenwissen hätten.

Musische Förderung ist persönlichkeitsbildend

"Wenn die Frage ‚Was bringt mir das?’, also die Frage nach dem unmittelbaren Nutzen von Bildung für die Optimierung des eigenen Lebenslaufs, im Vordergrund steht, entspricht das einem funktionalistischen Weltbild", stellt er fest. Fächer wie Musik, Kunst und Religion kippten dann automatisch hinten über. Denn in der Regel würden ja Chemiker und Ingenieure mehr gebraucht als Musiker. Doch folge man dieser Denkweise, werde Bildung zu einem reinen Wirtschaftsfaktor und es entstehe – gerade angesichts der großen Experimentierfreudigkeit im Schul- und Hochschulwesen – irreversibler Schaden im Bildungsbereich. Schon zu oft sei manche Entscheidung nur auf Verdacht getroffen worden, ohne dass man sich der Folgen bewusst gewesen sei. Dabei sei gerade die musische Förderung persönlichkeitsbildend und schaffe Sozialkompetenzen, die mittlerweile auch in der Wirtschaftswelt unverzichtbar seien.

Populismus auch Folge einer Bildungskrise

"Erschwerend kommt hinzu, dass wir in einer postfaktischen Gesellschaft leben, in der nicht mehr die Wahrheit der eigentliche Bezugpunkt ist, sondern sich das Recht des Stärkeren – als missverstandene Gerechtigkeit – und der Wille zur Macht durchsetzen. Dann zählt, wer in den sozialen Medien die meisten Follower hat", sagt Zaborowski. Doch das dürfe nicht zum Maßstab werden. Sonst löse sich die Wirklichkeit auf und jeder ziehe sich nur noch in seine Blase zurück, um dann Wirklichkeit auf der Grundlage einer ganz eigenen Weltsicht zu definieren, wie das mancherorts bereits geschehe. Nicht zuletzt seien manche Auswüchse des Populismus auch die Folgen einer Bildungskrise, die dazu geführt habe, dass Wirklichkeit subjektivistisch verstanden werde. Dann aber gebe es letztlich keine gemeinsamen Bezugspunkte mehr. Wahrheit wird zu einer Illusion.

Bildung bedeutet, Haltungen einüben

"Dabei hat der Mensch eine große Sehnsucht nach Wirklichkeit, nach ‚Einwohnung’, nach einem Sich-Beheimaten in der Welt und einem Sich-Vertrautmachen mit dem, was wir Wahrheit nennen. Das christliche Bildungsverständnis", so Zaborowski, "ist ein vermittelndes Verständnis von Wirklichkeit, bei dem auch vermeintliche Gegensatzpaare wie Glaube und Vernunft, Individuum und Gemeinschaft, Fakten und Ethik oder Natur und Geist einander nicht ausschließen, sondern in einer guten Spannung aufeinander bezogen existieren können." Bildung bedeute, dass Menschen Haltungen einübten, aus denen heraus sie handelten. "Das ist sehr viel mehr, als nur Werte zu haben. Und dazu gehört dann auch, die ‚alten’ Tugenden wie Besonnenheit, Weisheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit neu in die Gesellschaft hinein zu übersetzen." Bei Bildung gehe es daher weniger um Wertevermittlung als vielmehr darum, Vorbild zu sein und Haltung zu zeigen. Auch die christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe seien Haltungen, die eingeübt werden könnten, wenn es dafür Vorbilder gebe. Und ein solches Vorbild zu sein, stelle an jeden Einzelnen Anfragen.

Ein neuer christlicher Humanismus ist gefragt

"Bildung setzt ein Leben in Gemeinschaft voraus." Auch das ist einer der zentralen Sätze von Zaborowski. Es reiche nicht aus, Bücher über Gerechtigkeit zu lesen. "Wer gerecht sein will, braucht dafür ein Vorbild, an dem er lernen und eine Haltung einüben kann." Die radikalste Haltung zeige letztlich die Botschaft des Kreuzes mit einer totalen Hingabe und dem Dasein für andere. "Wenn wir uns jenseits der Selbstoptimierung, jenseits von gesellschaftlichen Reduktionismen und jenseits des heute so verbreiteten Willens zur Macht positionieren wollen, müssen wir einen neuen christlichen Humanismus begründen, in dessen Mittelpunkt der Mensch als Ebenbild Gottes steht – so wie er ist – und nicht als Leistungsträger", mahnt der Gast aus Vallendar abschließend. "Dafür müssen wir Formen der Gemeinschaftsbildung fördern und Räume schaffen, in denen wir Vorbilder treffen, diese Haltungen entwickeln und Tugenden einüben können." Neben der Familie, der Kirchengemeinde oder auch der Schule sei gerade auch der ND eine solche Tugendgemeinschaft, in der Menschen – alt und jung, mit unterschiedlichsten Biografien und Lebenswegen – als Christen Haltungen entwickeln und sich dabei gegenseitig unterstützen können.

Beatrice Tomasetti
(DR)

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