Orchester begleitet Opernaufführung
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Jean d'Arc / Johanna von Orléans
Jean d'Arc / Johanna von Orléans

01.11.2018

Warum Heilige in Opern selten eine Rolle spielen "Reine Charaktere sind eher langweilig"

Heilige sind für viele Vorbilder, weil sie selbstlos für andere da waren und gar ihr Leben für ihren Glauben riskiert haben. Große Dramen haben sich in ihren Leben abgespielt. Eigentlich eine tolle Vorlage für die Oper. Oder etwa doch nicht?

DOMRADIO.DE: Gibt es Opern, in denen Heilige die großen Helden spielen?

Dr. Christian Geltinger (Chefdramaturg an der Oper Leipzig): Es gibt natürlich einige Opern, in denen Heilige eine große Rolle spielen. Das sind nicht wahnsinnig viele und es sind auch nicht die Heiligen, die wir als "Standard-Heilige" kennen.

Es gibt keine Oper - soweit ich weiß - über den Heiligen Florian oder den Heiligen Georg oder den Heiligen Korbinian. Es gibt Opern über Figuren, die auch irgendwo eine gewisse theatrale Qualität haben, wie zum Beispiel Jean d'Arc, die Jungfrau von Orleans oder François d'Assise, eine Oper von Olivier Messiaen aus dem 20. Jahrhundert. Aber die Heiligen, die wir mit denen an Allerheiligen verbinden, kommen in der Oper relativ selten vor.

DOMRADIO.DE: Was für ein Bild wird von diesen heiligen Menschen entworfen?

Geltinger: Es ist so, dass es lange Zeit in der Oper eine Zensur gab und dass lange Zeit Themen, die mit Heiligen verbunden waren, auf der Opernbühne tabu waren. Wir haben deswegen auch eher Heiligenfiguren auf der Opernbühne, die sicherlich eher ihre Brüche mit sich bringen, weil das natürlich für die Oper spannendere Themen sind als Heilige, die selbstlos ihr Leben geführt haben. So ganz reine Charaktere sind für die Oper eher ein bisschen langweilig.

Es ist so, dass wir tatsächlich auch viele biblische Figuren aus dem Alten Testament in Opern haben. Wenn man da an Moses und Aron oder an Samson und Dalila denkt. Es waren aber dann meistens Oratorien, die beispielsweise von Händel zu Zeiten komponiert wurden, in denen es keine Oper gab, in denen Oper nicht gespielt werden durfte. Beispielsweise in der Fastenzeit war Oper verboten.

Da hat man sich mit Oratorien ausgeholfen, die sich meist um ein Thema aus dem Alten Testament ranken, die aber dann doch irgendwo eine sehr theatralische Form hatten.

DOMRADIO.DE: Wenn man das Ganze mal umdreht: Gibt es denn in der Oper Menschen, die zu Heiligen stilisiert wurden?

Geltinger: Auf jeden Fall. Das ist tatsächlich umgekehrt viel stärker der Fall. Es gibt ein Paradebeispiel bei Charles Gounod, der selbst auch ein sehr gläubiger, katholischer Mensch war und in seiner Oper Margarethe bzw. Faust - die Oper ist unter beiden Titeln bekannt - zum Schluss eine Apotheose für die Margarethe komponiert hat, wenn sie dann sozusagen in den Himmel auffährt.

Es waren oft auch die einfachen Menschen, meistens Frauen, die dann zu Engeln stilisiert wurden und die dann eine Himmelfahrt erlebt haben. Auch in den Opern von Verdi kann man das sehen. Er hat selbst sehr häufig Erfahrungen mit dem Tod gesammelt. Gerade in den Sterbeszenen ist es so, dass man in der Musik regelrecht hören kann, wie die Seelen in den Himmel aufsteigen. Das sind, finde ich, die anrührendsten Momente in den Opern Verdis, wo dann tatsächlich auch deutlich wird, dass die Figuren, die ihre Brüche im Leben haben, die ihre Schwächen und Krisen hatten, so eine Himmelfahrt erleben. Sie erleben in dieser Himmelfahrt sozusagen eine Erlösung, die auch für Menschen auf Erden erlösend werden.

Das Stichwort Erlösung spielt im 19. Jahrhundert gerade in der Oper bei Richard Wagner, aber auch bei Verdi eine große Rolle. Also, dass wir Menschen erlösungsbedürftig sind und dass es dann meistens - leider Gottes - die Frauen sind, die in den Tod gehen, um eine Erlösung herbeizuführen.

DOMRADIO.DE: Was bedeuten Ihnen persönlich als Chefdramaturg die Heiligen oder auch Allerheiligen als Feiertag?

Geltinger: Das ist eine schwierige Frage. Zunächst ist es einmal so, dass ich an Allerheiligen arbeiten muss, weil es in Sachsen kein Feiertag ist. Ich komme ursprünglich aus Bayern. Da geht man natürlich an Allerheiligen auf den Friedhof, was ich nicht machen kann. Man nimmt da den Allerseelen-Tag schon vorweg.

Ansonsten finde ich, dass Allerheiligen schon ein sehr abstrakter Feiertag ist. Zumindest ist er dazu geworden, weil er eben auch durch diese Zusammenlegung mit Allerseelen doch sehr stark von diesem Fest bestimmt wird und man eigentlich schon sehr viel mehr an die Toten gedenkt, als dass man der Heiligen gedenkt.

Ich finde, so ein Kollektiv-Namenstag, um das jetzt mal so ein bisschen ironisch zu formulieren, ist in meiner Vorstellungskraft ein bisschen schwierig.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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