Beim "Aschermittwoch der Künstler" ging es um die Umnutzung von Kirchen
Beim "Aschermittwoch der Künstler" ging es um die Umnutzung von Kirchen
Kardinal Woelki spricht ein Wort des Dankes
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Weihbischof Rolf Steinhäuser und Prälat Ludwig Schöller
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Referent Professor em. Albert Gerhards
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Bildhauer Egbert Verbeek und Künstlerseelsorger Josef Sauerborn
Bildhauer Egbert Verbeek und Künstlerseelsorger Josef Sauerborn

15.02.2018

Künstler beschäftigen sich mit Profanierung von Kirchen Leerraum – Spielraum – Zwischenraum

Der Bonner Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards sprach beim "Aschermittwoch der Künstler" über das Potenzial und die Chancen nicht mehr für die Liturgie benötigter Sakralgebäude.

Was tun, wenn Kirchen leer stehen und nicht mehr ihrer eigentlichen Bestimmung dienen? Schließen, leer räumen, gar abreißen oder umwidmen? Für alle diese Alternativen gibt es mittlerweile in unmittelbarer Nachbarschaft wie im europäischen Ausland spektakuläre und auch verstörende Beispiele. Vielleicht ist gerade deshalb auch das mediale Interesse daran so groß. Denn noch kommt es einem Tabubruch gleich, heilige Orte zu entweihen, aus ihnen Wellness-Tempel, Discos mit pseudo-religiösem Touch samt Kerzen- und Weihrauchduft oder eine "Digital Church" wie in Aachen zu machen, wo ein Digitalisierungsunternehmen auf Business und Event setzt und einen sogenannten "Co-Working-Space", also einen gemeinschaftlichen Arbeitsplatz für kreative Köpfe, unter einem Spitzbogengewölbe eingerichtet hat.

Ein "herausforderndes Thema" befand auch der Künstlerseelsorger des Erzbistums Köln, Prälat Josef Sauerborn. Denn er setzte die Auseinandersetzung mit dem Nutzen einer Umnutzung von Kirchen auf die Tagesordnung des diesjährigen "Aschermittwochs der Künstler" und vertraute sie damit einem Forum an, das sich genuin mit der Konzeption und Einrichtung von kirchlichen Versammlungsräumen auskennt. Und so sprach vor etwa 300 Vertretern aus allen künstlerischen Bereichen ein Kenner seines Fachs, der emeritierte Liturgiewissenschaftler Professor Albert Gerhards von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn, unter der Überschrift "Leerraum – Spielraum – Zwischenraum" über innovative Ideen, gelungene Beispiele, aber auch gescheiterte Versuche und stellte sich der definierten Herausforderung aus theologischer Sicht.

Sakrale Dimension 

Ausgehend von der These, dass Gottesdienstversammlungen zwar grundsätzlich auch in jedem Container möglich wären, Raumqualität mit Sinn für Atmosphärisches für die Menschen aber zunehmend in allen Lebensbereichen einen wachsenden Stellenwert einnimmt, entwickelte der Referent ein überzeugendes Statement für den – wie auch immer gearteten – Erhalt einer sakralen Dimension in Kirchengebäuden, auch wenn in ihnen keine Sonntagsmesse mehr stattfindet und sie in eine andere Trägerschaft übergehen oder einen neuen Besitzer finden. "Auch außerhalb des Gottesdienstes – vielleicht dann sogar noch mehr als in seinem Verlauf – können Kirchenräume Symbol Gott-menschlicher Begegnung sein", argumentierte Gerhards und führte als Beleg dafür die Aachener Fronleichnamskirche von Rudolf Schwarz an. Denn der Versammlungsraum sei nicht nur "Behältnis für soziale Interaktion, sondern Leerraum im Sinne eines Erwartungsraums möglicher Gotteserfahrung". Weil die eigentliche Füllung der vom Geist Gottes geleitete Gott-menschliche Dialog sei, bedürfe es für den Kirchenraum der "gefüllten Leere". Doch diese Leere stehe für Stille. "Und in der Stille ist Gott", so der Liturgieexperte. Es könne nicht allein darum gehen, Berechnungen nach dem Kosten-Nutzen-Modell anzustellen und eine solche "Heilsökonomie" auf das Gottesdienstangebot der sonntäglichen Eucharistiefeier zu reduzieren und dementsprechend den Kirchenraum nur zu diesem Anlass zu öffnen.

Dass dann aus einem solchen Leerraum, aber auch tatsächlich leer geräumten Raum ein "Spielraum" werden könne, machte Gerhards am Beispiel des Kölner Doms während des Weltjugendtags 2005 und der Innenstadtkirche St. Severin deutlich, wo die Gemeindemitglieder im vergangenen Jahr ihre Kirche einmal ohne Bänke neu erkunden konnten. "Spiel" im weitesten Sinne gäbe es aber auch in sogenannten Kunstkirchen, Kulturkirchen, Jugendkirchen und Citykirchen. Fraglich sei aber dann, ob sie wegen ihrer gezielten Ausrichtung noch als "sakrale Räume" wahrgenommen würden, gab Gerhards zu bedenken. Hinzu komme, dass solche Kirchen, wie Pax Christi in Krefeld, wo es gezielt um die Begegnung von Kirche und Kunst geht, oder auch St. Peter in Köln, St. Helena im Bonner Norden und die Umwandlung von St. Johann Baptist in das Jugendpastorale Zentrum "Crux", von einer großen ehrenamtlichen Initiative lebten. Grundsätzlich betonte Gerhards: "Es ist sicher riskanter, einen Kirchenraum zu öffnen, als ihn zuzuschließen." Und: "Wir sollten Kirchenräume nicht zu schnell aus der Hand geben, stattdessen ihr diakonisches Potenzial erkunden."

Neue Aufmerksamkeit und Sinngebung

Der Liturgiewissenschaftler macht in der Gesellschaft als aktuelle Gegenbewegung zur Globalisierung der Orientierung eine zunehmende Suche nach Verortung, Beheimatung und Identität fest, worauf die Kirche mit Beziehungsarbeit reagieren müsse, so seine Empfehlung. "Dies bedeutet aber, die vorhandenen Kräfte vor Ort zu sammeln und zu stärken." So retteten in den weitgehend entchristlichten Landstrichen der Mark Brandenburg oder Mecklenburg Vorpommerns unzählige Trägervereine verwaiste Dorfkirchen. Im Erzbistum Köln gäbe es ebenfalls bereits zahlreiche solcher Angebote, wo Gemeindemitglieder in Eigenregie handelten. So auch bei der mit öffentlichen Mitteln geförderten Kölner Initiative "Pfarr-rad" zur Erkundung der Sakralbaulandschaft der näheren Umgebung. "Dadurch erhalten mitunter fast vergessene Landkirchen als Radwege-Kirchen eine neue Aufmerksamkeit und Sinngebung."

Nützen sollte eine Umnutzung von Kirchen nicht nur den Investoren, mahnte Gerhards. Jahrzehntelange Erfahrungen mit verschiedenen Kirchenräumen, die nicht mehr (ausschließlich) für die Liturgie gebraucht würden, insbesondere auch künstlerische Projekte in solchen Räumen, sensibilisierten für die hohen Potenziale, die weitaus mehr Menschen zugute kommen könnten, als man mit den klassischen Angeboten erreicht. "Umgenutzte oder teilumgenutzte Kirchen können der Sendung der Kirche möglicherweise mehr dienen als mancher Kirchenraum, der nur gelegentlich für eine Messfeier aufgesperrt wird. Voraussetzung ist allerdings ein Engagement der Gemeinde oder einer christlichen Initiative als Träger oder zumindest Mitträger eines Nutzungskonzepts, das die transzendenten Dimensionen des Raums wahrt."

Die in der Öffentlichkeit geführte Umnutzungsdebatte mache auf eine neue Weise deutlich, dass Kirchenräume vor allem Zwischenräume sind: Räume der Begegnung im Sinne des dreifachen Hauptgebotes, der Gottes-, Nächsten- und Selbstbegegnung. "Die gegenwärtige Problemlage der Kirche kann und sollte dazu anregen, aus der Not eine Tugend zu machen, die Kirchengebäude als Leer-, Spiel- und Zwischenräume neu zu entdecken und sie zu Kristallisationspunkten der pastoralen Sendungsräume zu machen", unterstrich der Theologe. Jeder Kirchenraum spreche weiterhin seine eigene Sprache. Mit einer Profanierungsfeier und einem Kaufvertrag sei die Kirche noch nicht aus dem Schneider. Gerade jetzt wäre ihr "Inter-esse" gefragt, ihr Dazwischensein im Zwischenraum von Himmel und Erde, Gott und Welt, und zwar um des Menschen willen. "Denn dafür ist sie da, und für nichts sonst."

 

(DR)

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