Kirche der Geister im Sudetenland
Kirche der Geister im Sudetenland
Petr Koukl (l.) neben "Geistern"
Petr Koukl (l.) neben "Geistern"
Land-Art im Sudetenland
Land-Art im Sudetenland

22.10.2017

Landart-Projekte beleben im Sudetenland verlassene Dörfer Die Kirche der Geister

Wer sich ahnungslos in diese Kirche begibt, bekommt den Schock seines Lebens: Denn in den Bänken sitzen keine Gläubigen, sondern "Geister". Das Kunstprojekt ist mehr als eine Reminiszenz auf die ehemaligen Bewohner des Sudetenlandes.

"Mein Haus ist ein Bethaus, Luk 19,46" - der Bibelvers ist gerade noch zu entziffern. Ein "Bethaus" ist die Sankt-Georgskirche im westböhmischen Dorf Lukowa aber schon lange nicht mehr: Die Wandfarbe ist längst blass geworden und perlt ab, der Stuck fällt von der Decke, und die Apsis muss mit Gerüsten gestützt werden. "Während einer Beerdigung 1968 ist das Dach eingebrochen. Seitdem war die Kirche verschlossen, und kein Gottesdienst ist darin mehr gefeiert worden", sagt Petr Koukl beim Aufschließen. Ganz leer steht sie dennoch nicht.

Gesichtslose Besucher in den Bänken

In den Bänken sitzen weiße Gestalten, manche von ihnen stehen. Die Kapuzen ihrer Gewänder haben sie tief ins Gesicht gezogen. Und bei näherem Betrachten klafft ein schwarzes Loch, wo ein Gesicht sein müsste. Geisterhaft wirken die gesichtslosen Kirchenbesucher.

Koukl, der ehrenamtlich die Schlüssel zur Kirche bewahrt, kann sich nach jeder ersten, schreckhaften Reaktion der Besucher ein Schmunzeln nicht verkneifen. Eine Kunstinstallation eines Bildhauerstudenten sei das, klärt Koukl auf. "Die Idee war es, die Aufmerksamkeit von Besuchern auf die Kirche und ihren schlechten Zustand zu lenken."

"Meister der Geister", steht auf Koukls Pullover geschrieben, den er von Touristen aus Bayern bekommen hat. Längst ist die Siedlung mit rund einem Dutzend Häusern auf halben Weg zwischen Pilsen (Plzen) und Marienbad (Marianske Lazne) zu einem kleinen Publikumsmagneten geworden, den jedes Jahr rund 3.000 Gäste aufsuchen.

Zur Popularität beigetragen hat auch der Kulturhauptstadttitel, den Pilsen 2015 getragen hat. Denn die "Geisterkirche" war Teil des offiziellen Programms.

Seit der Flucht verlassen

"Lukova ist ein typisches Dorf im Sudetenland und steht für die Probleme der Region", sagt Klara Salzmann. Als Landschaftsarchitektin interessiert sie weniger die Geschichte des einst von Deutschen bewohnten Sudetenlandes als vielmehr die kulturelle Landschaft, die sie mit Landart-Projekten wie in Lukova in den Fokus rückt. Viele der Dörfer seien seit der Flucht und Vertreibung der Deutschen verlassen, die Kirchen verschlossen und verfallen.

Nicht nur die Poltik treibt die Frage um, wie die ehemals deutschen Häuser und Kirchen in der Region gerettet werden können. Die Geisterkirche von Lukova ist dabei nur ein Beispiel, wie die Dörfer im Sudetenland, die in der Zeit der kommunistischen Tschechoslowakei wegen ihrer deutschen Geschichte oft bewusst verkommen sind, bewahrt und wieder attraktiv werden können.

Landart-Künstler, Landschaftsarchitekten und Schnitzer stellen etwa jährlich während eines deutsch-tschechischen Festivals in Königsmühle in Nordböhmen die bewegten Schicksale der ehemaligen Bewohner in den Vordergrund, indem die alte Bausubstanz der Dörfer in die Kunstprojekte einbezogen wird.

Von den 800 Dorfkirchen rund 200 verlassen

"Vor dem Krieg lebten in Lukova mehr als hundert Bewohner. Heute sind wir fünf", erklärt Petr Koukl. Nicht eingerechnet die Wochenendbesucher aus Prag, denn die meisten Häuser in Lukova und im Sudetenland sind heute sogenannte Datschen, also Wochenenddomizile von Städtern. Diese Gäste interessieren sich selten für die kulturelle Landschaft und die Kirchen, beobachtet Salzmann.

Dass von den 800 Dorfkirchen in der Region Pilsen rund 200 verlassen sind, liege nicht nur daran, dass Tschechien als eines der säkularsten Länder Europas gilt und nur einer von zehn Tschechien überhaupt einer Kirche angehört, glaubt die Landschaftsarchitektin. "Die Tschechen identifizieren sich nur selten mit den alten Dörfern, in denen früher Deutsche gelebt haben", nennt Salzmann einen weiteren Grund.

Genau hier setzen Landart-Projekte wie die "Geisterkirche" von Lukova an. Auf den ersten Blick wirkt die Installation des Künstlers Jakub Hadrava gruselig. Doch die Intention Hadravas war es nicht, Menschen zu verschrecken, wie er in einem seiner seltenen Zeitungsinterviews erklärte. Bevor er sich an die Arbeit machte, setzte eine intensive Beschäftigung mit der schon im 14. Jahrhundert erbauten Kirche ein und natürlich mit der Region.

Platzhalter für die Seelen

"Die Figuren stellen die Geister der Sudetendeutschen dar, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Lukova lebten und jeden Sonntag zum Beten in diese Kirche kamen", erklärt der Künstler. Das Werk solle zeigen, dass dieser Ort eine Vergangenheit habe und ein Teil des alltäglichen Lebens gewesen sei. Anfangs waren es nur neun Skulpturen aus Gips.

Nach und nach kamen immer mehr dazu, inzwischen sind es 32, die der Kirche ihren eigensinnigen Charakter verleihen.

Verstärkt wird die schaurige Stimmung der Geister durch die verfallene Kirche und die ausgestellten kleinen Bildchen, wie sie früher auf Gräbern angebracht wurden, und Grabtafeln aus deutscher Zeit. Neben der Kirche befinden sich auf dem umliegenden Friedhof weitere Gräber mit Inschriften in deutscher Sprache. Alle stammen aus der Zeit vor 1945.

Installationen fürs Geschäft

Die Kunstinstallation erfüllt aber nicht nur den Zweck eines Gedenkraumes für die alten Dorfbewohner. Ein wenig geht es auch ums Geschäft, gibt Petr Koukl zu. "Mit dem Geld, dass die Besucher da lassen, wollen wir die Kirche renovieren", sagt der Schlüsselwärter.

Tatsächlich wird das Spendenaufkommen auf der Internetseite aufgeführt, allein 2016 spendeten die 2.860 Besucher rund 115.000 Kronen, umgerechnet 4.500 Euro. Für tschechische Verhältnisse eine nicht geringe Summe.

Die Spenden sorgen dafür, dass die schaurige Stimmung auch langfristig erhalten bleibt. Demnächst steht etwa eine Dachsanierung an, die den Erhalt der Kirche sichern soll. Die Geister werden in jedem Fall in der Kirche verbleiben. "Sie gehören einfach hierher", sagt Petr Koukl. "Schließlich helfen sie bei der Sanierung."

(KNA)

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