23.07.2016

60 Jahre Telefonseelsorge - Weltkongress in Aachen Die "Ohren Gottes"

Sie sind die "Ohren Gottes", sagt der Präsident der Diakonie, Pfarrer Ulrich Lilie. Telefonseelsorger kümmern sich seit 60 Jahren um Menschen, die Hilfe suchen. Sie hören zu und sind rund um die Uhr erreichbar, denn "jeder hat ein Recht auf Sorgen".

Gerade angesichts der Schießerei in München, sei es "umso notwendiger, dass wir ein Ohr haben für die Nöte und Ängste der Menschen", so der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode Samstagvormittag in Aachen. Er äußerte sich bei einer Veranstaltung zum 60-jährigen Bestehen der Telefonseelsorge in Deutschland auch zu den Geschehnissen in München und bekundete den Opfern und Angehörigen seine Anteilnahme. Die Welt scheint aus den Fugen geraten! Die Ängste und Unsicherheiten wachsen!"

Bischof Bode würdigte die Telefonseelsorge als "Netzwerk der Hoffnung". Es habe sich in Deutschland und international "verborgen und verlässlich, ökumenisch und verbunden mit vielen Menschen guten Willens gebildet". Die Gründung der "Lebensmüdenberatung" vor 60 Jahren in Berlin sei eine der besten Ideen gewesen, so der Vorsitzende der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz.

Ein Ohr zum Ausheulen

Aus dem Keim sei eine Frucht mit psychosozialer Innovationskraft gewachsen, "die neben Evangelisch und Katholisch, Ost und West noch so manche weitere Grenze überwand".

"Jeder Mensch braucht ein Ohr, in das er jammern kann", zitierte Bode ein portugiesisches Sprichwort. Viele Menschen lebten "entfremdet von sich selbst, entfremdet von ihrer Umgebung oder eben neuerdings in immer größerer Zahl als Fremde aus anderen Ländern und Kulturen unter uns".

Hilflosigkeit aushalten

Der Präsident der Diakonie, Pfarrer Ulrich Lilie, würdigte in dem ökumenischen Gottesdienst im Aachener Dom die Mitarbeiter der Telefonseelsorge als "Zuhörspezialistinnen und –spezialisten". Wenn Menschen dem Leid anderer Aufmerksamkeit schenkten, seien sie "die Ohren Gottes".

Lilie betonte, dass viele Telefonseelsorger mit lebensmüden Anrufern zu tun hätten und oft Hilflosigkeit aushalten müssten. Rund eine Million Menschen weltweit kämen jährlich durch Suizid zu Tode und damit "viel mehr als durch Terrorangriffe, die uns in diesen Tagen so entsetzen".

Telefonseelsorge in Deutschland

Den Gottesdienst besuchten viele Experten, die in den Tagen zuvor am Weltkongress der Telefonseelsorge teilgenommen hatten. Zentrales Thema der rund 200 Veranstaltungen war die Suizidvorbeugung. Zu dem Kongress kamen seit Dienstag etwa 1.600 Vertreter aus 33 Ländern.

In Deutschland sind rund 8.000 Ehrenamtliche und 200 Hauptamtliche in der Telefonseelsorge der Kirchen engagiert. Laut katholischer und evangelischer Kirche in Deutschland nahm die Telefonseelsorge in der Bundesrepublik 2015 etwa 56.000 Gespräche entgegen, in denen Menschen das Thema Suizid zur Sprache brachten.

(KNA, epd)

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