Helge Burggrabe
Helge Burggrabe

23.04.2015

Neues Oratorium von Helge Burggrabe vor der Uraufführung Einmaliges Zusammenspiel von Musik, Kirchenraum und Licht

Lux in tenebris – Licht in der Finsternis – so heißt das neue Oratorium des Komponisten Helge Burggrabe. Er hat es als Hommage an den Hildesheimer Dom geschrieben. Im domradio.de-Gespräch erklärt Burggrabe, was ihn zu dem Werk inspiriert hat.

domradio.de: Ein mittelalterliches Gebäude, Musik, Licht, Percussion, gesprochene Worte... Ihre Komposition kommt so ganz anders daher wie viele andere klassische Werke. Kann man bei Ihrem Oratorium noch von einem Musikwerk sprechen oder ist das eher zusammen mit dem Dom ein Gesamtkunstwerk?

Helge Burggrabe, Komponist: Es ist eindeutig ein Musikwerk, die Musik ist immer noch im Mittelpunkt. Aber ich finde es spannend, auf klassische Formen zurückzugreifen und diese dann, wie jetzt beim Oratorium, auszuloten und die Grenzen etwas zu weiten. Beim Hildesheimer Werk habe ich das gesprochene Wort hinzugenommen und auch Licht- und Videokünstler beauftragt. Aber alles, was dazukommt, muss dienen. Es soll keine Show werden. Im Mittelpunkt steht die inhaltliche Aussage. Oratorium heißt ja übersetzt 'geistliche Erzählung' und diese Erzählung mit der Sprache der Musik steht im Mittelpunkt.

domradio.de: Sie sind sozusagen Wiederholungstäter, Sie haben schon oft eigene Werke in Kathedralen, unter anderem im Kölner Dom mit Licht, Klang und Wort aufgeführt. Warum halten Sie mittelalterliche Kathedralen für so geeignet für die Verbindung von Licht, Sprache und Musik?

Burggrabe: Ich denke, weil diese Kathedralen schon als Gesamtkunstwerke konzipiert sind. Die Baumeister damals haben nichts Geringeres versucht als den großen Baumeister 'Gott' im Kleinen zu wiederholen. Was er im Großen in seiner Schöpfung, im Kosmos erschaffen hat, das haben sie versucht, möglichst genau zu studieren, um diese Gesetzmäßigkeiten im Kleinen zu wiederholen wie in einem Brennspiegel. Dadurch sind diese wunderbaren Kathedralen entstanden, vor allem in der Zeit der Gotik. Die Zisterzienser haben zum Beispiel die Überzeugung gehabt, dass das Bauwerk durch seine Proportionen an sich schon „Gottesdienst“ ist und insofern eigentlich gar nicht mehr viel Schmuck oder Bilder braucht. Wenn man die architektonischen Proportionen genauer untersucht, dann merkt man, dass es letztlich meist Zahlenproportionen sind, die auch musikalischen Intervallen zugrunde liegen. Und da finde ich es nun spannend, die Brücke zu schlagen zwischen diesen alten Gesamtkunstwerken, die unsere Kultur bereichern und mit denen wir ja leben, auch in Form von Messen und Liturgien, und einem neu geschriebenen Werk, das eben auch als Gesamtkunstwerk angelegt ist.

domradio.de: Wenn man eine mittelalterliche Kirche so sieht, wie schafft man es dann daraus, Musik für das Heute zu schreiben? Also, dass die Menschen in diesem alten Bau, die ja jetzt leben, eine Verbindung zwischen der Musik, die modern ist und dem alten Bau herstellen können?

Burggrabe: Ich glaube, dass wir als heutige Menschen ein Traditions- und Geschichtsbewusstsein haben wie noch nie zuvor. Die verschiedenen Musikstile sind präsent, ebenso die verschiedenen Architekturstile und insofern kann man genau damit arbeiten. In der Musikebene greife ich Kompositionsstile aus anderen Zeiten auf, beispielsweise Gregorianik oder frühe Mehrstimmigkeit, die aus der entsprechenden Zeit dieser Bauwerke stammt. Diese verbinde ich dann mit neuerer Tonsprache und das entspricht eigentlich unserem heutigen Dasein: Wir sind gewohnt, diese Brücke zu schlagen und leben in der Tradition und aus der Tradition heraus. Sie gründet uns, sie ist das Fundament für unser heutiges Leben. Aber es kommen natürlich auch neue Erkenntnisse, neue Einflüsse, neue künstlerische Strömungen dazu und genau aus dieser Verbindung von Tradition und Moderne schöpfe ich. Davon lebt das Werk.

domradio.de: Der Hildesheimer Dom, seine fertiggestellte Renovierung und das Bistumsjubiläum sind der Anlass für das Werk. Der Dom hat eine komplizierte Entstehungs- und Baugeschichte. Viel ist gebaut, geplant, verworfen, aber eben auch zerstört worden. Wie sehr hat die bewegte Geschichte des Hildesheimer Domes ihr Werk bestimmt?

Burggrabe: Mein Werk geht aus diesem Bauwerk hervor, das heißt, am Anfang muss ich mich erstmal mit dem Bauwerk beschäftigen. Ich setze mich hinein, lese natürlich viel und unterhalte mich mit Menschen, die schon lange mit diesem Bauwerk umgehen, wie beispielsweise mit Weihbischof Hans-Georg Koitz, der auch den Umbau wesentlich geprägt hat. Das Ganze fließt dann hinein in das Thema und letzten Endes in die Komposition. In Hildesheim ist es so, dass der renovierte und jetzt wieder eröffnete Dom im Grunde genommen wieder sehr an die Romanik anknüpft. Der Raum ist jetzt sehr schlicht und klar, das Thema Licht ist dort sehr präsent vor allem durch die hellen Fenster. „Reduktion“ ist ein Wort, das mir da vor allem einfällt. Insofern bietet es auch wunderbar Raum, der Dom ist sozusagen nicht zugestellt und aus diesem leeren Raum heraus konnte ich dieses Werk gut entwickeln.

domradio.de: Beim Hildesheimer Dom ist auch auffällig die Ausstattung. Es gibt ganz besondere Ausstattungsstücke im Hildesheimer Dom, zum Beispiel die uralte Bernwardtür und Sie haben mir vorab verraten, das diese Bernwardtür ganz wichtig für die Konzeption Ihres Werkes, für das Oratorium ist.

Burggrabe: Das stimmt. In diesem leeren Raum sind jetzt ganz besondere Gegenstände platziert worden, die eine Achse bilden. Es beginnt im Westen mit der Bernwardtür, die hat mich sehr fasziniert. Eine Bronzetür als Halbrelief mit biblischen Szenen darauf, die nicht zu Unrecht weltberühmt ist. Wenn man die archetypischen Figuren näher anschaut, dann werden diese so richtig lebendig. Es ist wirklich zeitlose Kunst und da hatte ich sehr früh schon die Idee, dass diese Bernwardtür eine sehr große Rolle spielen sollte. Die biblischen Szenen, die auf dieser Tür dargestellt sind, bilden nun den roten Faden des Werkes 'Lux in Tenebris'.

domradio.de: Titel ist eben 'Lux in Tenebris' - Licht in der Finsternis - warum ist dieser Gegensatz Licht und Finsternis in Ihrem Oratorium so wichtig?

Burggrabe: Auslöser dafür war ein weiteres besonderes Kunstwerk im Hildesheimer Dom, nämlich der Heziloleuchter. Dieser Leuchter stellt das ’himmlische Jerusalem’ dar, misst sechs Meter im Durchmesser, hat zwölf goldene Tore und obendrauf 72 Kerzen. Ich dachte, das muss das Zielbild des Oratoriums sein. Die Frage war nur: ’Was müsste davor erzählt werden, damit der Leuchter wie eine Vision am Ende des Werkes stehen kann?’ Und da fiel mir auf, dass man die 16 Szenen der Bernwardtür immer in Bezug zu Licht und Finsternis setzen und interpretieren kann. Das Paradies zu Beginn ist dann beispielsweise ’Lumen de Lumine’, Licht vom Lichte, also der pure Lichtraum, der göttliche Raum.

Es folgt das Herausfallen von Adam und Eva aus dem Paradies und ihr Ankommen auf der Erde und damit das Ankommen in der Dualität zwischen Licht und Finsternis. Der Tiefpunkt der Bernwardtür ist schließlich der Brudermord von Kain und Abel, der zu einem Kernthema des Werkes wurde. Wenn ich im Bruder nicht mehr den Bruder erkenne und ihn umbringe, dann entspricht das in der Licht-Metapher einer wirklichen Umnachtung. An diesem Punkt zeigt sich für mich die absolute Aktualität des Werkes angesichts von Fundamentalismus, Fanatismus bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen weltweit. Das alles ist nur möglich, wenn ich abspalte. Oder positiv gesagt: wenn ich im Bruder den Bruder erkenne, dann ist Fanatismus nicht mehr möglich, dann kann man nicht mehr nur schwarz/weiß sehen. Ich finde die Beschäftigung mit diesem Thema essentiell für unsre Zeit.

Im Oratorium wird dieser Tiefpunkt des Brudermordes dann so weiter geführt, dass Gott sich entscheidet sich, Mensch zu werden, weil es das Elend sozusagen nicht mehr weiter mit ansehen kann. Das ist die Menschwerdung des Lichtes in Form von Jesus Christus. An der Stelle kommt das bekannte Wort aus dem Johannes-Evangelium 'Ich bin das Licht der Welt' ins Spiel. Gott selbst ist das Licht, er ist Mensch geworden und das Licht lebt mitten unter uns und wir sind jetzt aufgerufen, dem zu folgen oder auch nicht. Das ist in der Wahlfreiheit des Menschen angelegt. Aus der Geschichte wissen wir, dass schon vor 2.000 Jahren nicht alle dem Licht folgten, sondern es im Gegenteil sogar bekämpften und Jesus Christus gekreuzigt worden ist. Das Licht wird also nicht unbedingt von den Menschen gesehen und beachtet, sondern ist immer wieder hoch gefährdet in dieser Welt. Aber es ist mitten unter uns und die Möglichkeit der Nachfolge ist da.

Das Interview führte Mathias Peter. Das gesamte Interview können Sie als Audio anhören.

(dr)

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