Viktor Orban
Viktor Orban

10.09.2021

Kritik an der Instrumentalisierung des Papstbesuchs in Ungarn Nur eine Prestigefrage?

Papst Franziskus besucht am Wochenende den Eucharistischen Weltkongresses in Budapest und trifft dort wohl auch Ministerpräsident Viktor Orbán. Die Journalistin Kornélia Kiss beleuchtet die Hintergründe einer schwierigen Reise.

DOMRADIO.DE: Was bedeutet der Besuch von Papst Franziskus für Ihr Land und die Christen?

Kornélia R. Kiss (Journalistin bei der "Magyar Hang", Budapest): Der ganze Eucharistische Weltkongress ist natürlich von großer Bedeutung für die Christen und auch der Papstbesuch. Die Gesellschaft in Ungarn ist jedoch so gespalten und vielleicht gar nicht unabhängig davon, dass die Regierung bewusst eine polarisierende Politik führt und dass auch der Papstbesuch und der Weltkongress zu einer politischen Frage wurde.

Einerseits freuen sich die Christen natürlich über diese Möglichkeit. Andererseits wird der Kongress von der Regierung stark unterstützt und wird in regierungskritischen Kreisen oft als Orbáns Veranstaltung verstanden, als ob es auch keine regierungskritischen Christen in Ungarn geben würde.

Auf der Seite der Regierung, also in regierungsnahen Kreisen, gibt es diese Vorstellung, dass regierungskritische Christen eigentlich keine wahren Christen sind. Denn wer Christ ist, sollte die Orbán-Regierung unterstützen. Aus diesem Grund wird sogar der Papst in der regierungsnahen Öffentlichkeit wegen seiner Aussagen über Migration harsch kritisiert.

DOMRADIO.DE: Vor der Reise hat es Schwierigkeiten gegeben. Kritik gibt es von Seiten regierungsnaher Intellektueller in der Presse besonders für den Umgang von Papst Franziskus mit Geflüchteten oder Homosexuellen. Ist der Regierung der Papstbesuch inzwischen doch wichtig?

Kiss: Ich muss betonen, dass diese Kritik gegenüber dem Papst nicht für Regierungspolitiker gilt, sondern eher für die Umgebung der Regierung, also für regierungsnahe Intellektuelle. Für die Regierung ist dieser Besuch eine Prestigefrage. Sie hofft wohl darauf, dass sie einen politischen Gewinn realisieren kann.

Der Papst ist ein wichtiger internationaler Akteur. Außerdem stellt sich die ungarische Regierung gerne als Verteidiger des Christentums dar. Die Opposition und die regierungskritische Öffentlichkeit erwartet von Papst Franziskus wohl eher eine kritische Haltung gegenüber Viktor Orbán und seiner Regierung.

DOMRADIO.DE: Wie beurteilen Sie dann vor diesem Hintergrund das Zusammentreffen vom Papst mit Ministerpräsident Orbán?

Kiss: Ich denke, es ist wichtig, dass es dieses Mal nicht um einen Landesbesuch des Papstes geht, sondern darum, dass der Papst den Weltkongress besucht, der in Ungarn stattfindet. Ein Treffen mit dem Staatschef und Regierungschef wäre vielleicht nicht zwingend notwendig gewesen.

Es gab früher Presseinformationen darüber, dass dieses Treffen doch nicht stattfinden wird. Ich denke, dass der Papst in diesem Fall logischerweise eher eine unpolitische Botschaft verbreiten möchte, weil es ja um eine kirchliche Veranstaltung geht. Nach Ungarn zu kommen und sich nicht mit Viktor Orbán zu treffen, wäre meiner Meinung nach eine klare und sehr starke politische Botschaft gewesen.

Stattdessen wird ein kurzes Treffen - eine halbe Stunde lang angeblich im Museum für Bildende Künste - mit dem Staatspräsidenten János Áder und mit dem Ministerpräsidenten Viktor Orbán stattfinden. Über den Inhalt des Gespräches werden wir wahrscheinlich nicht viel erfahren.

Wichtiger ist vielleicht, was der Papst in seiner öffentlichen Predigt sagen wird. Wird er ausschließlich über Glaubensfragen reden oder auch über gesellschaftliche Fragen, über die gesellschaftliche Mission der Kirche?

DOMRADIO.DE: Sie haben gesagt, es sei Viktor Órbans Veranstaltung. Inwiefern unterstützt ihn Papst Franziskus dadurch vielleicht auch unfreiwillig?

Kiss: Diesen Besuch kann man auch als Unterstützung interpretieren, weil es nicht um einen Landesbesuch geht, sondern um den Weltkongress. Deswegen bin ich der Meinung, dass dieser Besuch und das Treffen weniger politische Bedeutung hat als es sonst bei einem Landesbesuch der Fall wäre.

DOMRADIO.DE: Die ungarische Familienministerin Katalin Novák hat den Thomas-Morus-Preis erhalten und vergangene Woche aus diesem Grund eine Audienz beim Papst gehabt. Welche Bedeutung hat diese Auszeichnung?

Kiss: Zur Verleihung dieses Preises gehört auch dazu, dass die Ministerin bei einer Audienz beim Papst Franziskus dabei war, so wie auch andere Delegierte aus anderen Ländern. Den Preis hat die Ministerin offiziell für ihre Leistungen zur Stärkung von Familien und der Förderung von Eheschließungen bekommen.

Mir scheint es so, dass das es nicht ausgeschlossen ist, dass die Familienpolitik der ungarischen Regierung, dass man die Familien unterstützen sollte, die Kinder, die sie sich wünschen, tatsächlich zu kriegen, in katholischen Kreisen Sympathie auslösen kann; so wie zum Beispiel das "Hungary Helps"-Programm, in dessen Rahmen Ungarn die verfolgten Christen in der Welt unterstützt.

Jedoch wird die Haltung der ungarischen Regierung oft als widersprüchlich kritisiert und es wird oft auch die Frage gestellt, inwiefern eine Politik, die im großen Teil auf Feindbilder und auf die Polarisierung der Gesellschaft baut und die Konsens, Verständnis und Differenzierung kaum kennt, als christlich bezeichnet werden kann.

Das Interview führte Katharina Geiger.

(DR)

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