26.08.2021

Taliban wollen laut Welthungerhilfe weiter humanitäre Hilfe Sorge um Binnenflüchtlinge

Die Taliban haben die Deutsche Welthungerhilfe und weitere Hilfsorganisationen aufgefordert, die humanitäre Arbeit in Afghanistan fortzusetzen. Unterdessen haben auch Experten den Westen zum Engagement für die Menschen vor Ort aufgerufen.

Die Welthungerhilfe habe zwei ihrer Außenbüros im Norden in Jawzjan und Samangan sowie das Zentralbüro in Kabul wieder eröffnet, sagte der Afghanistan-Direktor der Hilfsorganisation, Thomas ten Boer, am Mittwochabend dem Magazin "Spiegel". "Wir wollen und müssen den Menschen helfen. Was wir dafür nun von der neuen Regierung brauchen, ist Klarheit: Was wollen sie und was erwarten sie von uns?"

Ten Boer erläuterte, die Welthungerhilfe sei mit 173 Ortskräften im Land tätig. "Keiner von ihnen wurde meines Wissens bisher von der Bundesregierung kontaktiert und darüber informiert, ob und wann sie ausgeflogen werden. Leider kann ich nicht mehr für sie tun, als in Kontakt zu bleiben."

Sorge um Binnenflüchtlinge

Nach Angaben des Entwicklungs-Experten befinden sich mehr als 13 Millionen der rund 32 Millionen Menschen in Afghanistan in akuter Ernährungsunsicherheit, haben also nicht zuverlässig ausreichend zu essen. Seit Monaten lebten Binnenflüchtlinge in informellen Lagern rund um die Hauptstadt in desaströsen Verhältnissen, zwischen Müllhalden und ohne medizinische Versorgung, stabile Unterkünfte und Schulbildung für die Kinder.

Auch Regierungsangestellte hätten seit Monaten keinen Lohn erhalten. "Wir müssen die Menschen jetzt dabei unterstützen, ihre Häuser wieder aufzubauen. Denn in zwei, drei Monaten haben wir Winter - und der ist hier bitterkalt. Bei minus 20 Grad können die Menschen nicht in Zelten oder notdürftigen Behausungen überleben."

Das größte Problem der Hilfsorganisationen seien nicht die Taliban, sondern geschlossene Banken und mangelndes Benzin, sagte ten Boer weiter. Es sei weiter möglich, auf dem Landweg Güter in das Land zu bringen. "Wenn wir in großem Umfang Nahrungsmittel oder andere Hilfsgüter verteilen möchten, können wir die Lieferanten nicht bezahlen. Selbst wenn wir das Geld aus Deutschland überweisen würden, könnte die Person vor Ort nicht sehen, dass es auf ihrem Konto angekommen ist, geschweige denn das Geld abheben."

Engagement für Afghanistan auch nach Evakuierungen gefordert

Fachleute für Friedens- und Entwicklungsfragen haben den unterdessen Westen zu einem anhaltenden Engagement für die Menschen in Afghanistan aufgerufen. Das Interesse an dem Land dürfe nach Abschluss der Evakuierungsmaßnahmen nicht enden, forderte die Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Karin Kortmann, am Mittwoch bei einer digitalen Veranstaltung des ZdK und der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen. Die frühere Staatssekretärin für wirtschaftliche Zusammenarbeit verwies darauf, dass Deutschland auch mit vielen anderen Ländern kooperiere, in denen eine Demokratisierung "allenfalls Zukunftsmusik" sei.

Kortmann rief dazu auf sicherzustellen, dass Deutschland auch nach der Bundestagswahl am 26. September und den folgenden Koalitionsverhandlungen mit Blick auf Afghanistan "außenpolitisch handlungsfähig" bleibt. Auch dürften die in der Bundesrepublik aufgenommenen afghanischen Hilfskräfte der Bundeswehr und weiterer Institutionen nicht nur provisorisch untergebracht, sondern müssten weitestmöglich mit Rücksicht auf ihre Kompetenzen integriert werden.

Zudem müsse der Bundestag in den rechtlichen Regelungen für die Aufnahme von Flüchtlingen den Familienbegriff so ausweiten, dass er den gesellschaftlichen Gegebenheiten in Afghanistan Rechnung trage.

Die Leiterin der Außenstelle der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Kabul, Ellinor Zeino, betonte, zunächst sei eine Evakuierung aller Mitarbeitenden der Einrichtung vorrangig. Unter den afghanischen Ortskräften internationaler Einrichtungen seien jene besonders gefährdet, die für ausländische Sicherheitskräfte und Medien gearbeitet hätten.

Misereor will Bildungsarbeit fortsetzen

Der Geschäftsführer für internationale Zusammenarbeit des katholischen Hilfswerks Misereor, Martin Bröckelmann-Simon, berichtete, die Bildungsarbeit mit Mädchen und Frauen könne derzeit teils noch per Internet fortgesetzt werden. Er warb dafür, mit regionalen Taliban-Führern über eine Fortführung solcher Initiativen zu verhandeln.

Auch der Friedens- und Konfliktforscher Arvid Bell (Harvard) plädierte für eine grundsätzliche Bereitschaft zu Verhandlungen mit den Taliban. So solle sich auch die Bundesregierung dafür einsetzen, dass "Horrorszenarien" wie bürgerkriegsähnliche Zustände in Afghanistan vermieden werden.

(KNA)

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