Unterstützer von US-Präsident Trump stürmen das Kapitol
Unterstützer von US-Präsident Trump stürmen das Kapitol
Dr. Olaf Waßmuth, Leiter des Referats Südeuropa und Auslandstourismus bei der EKD
Dr. Olaf Waßmuth, Leiter des Referats Südeuropa und Auslandstourismus bei der EKD

07.01.2021

Ex-Auslandspfarrer entsetzt über Washingtoner "Worst Case" "Barbarensturm aufs Allerheiligste der US-Demokratie“

Wütende Trump-Anhänger stürmen das US-amerikanische Kapitol. Die Bilder haben weltweit Menschen verstört. Einer von ihnen: Olaf Waßmuth. Er war bis 2018 Seelsorger der evangelischen deutschsprachigen Gemeinde in Washington.

DOMRADIO.DE: Sie haben einen besonderen Bezug zu Washington, denn sie haben dort von 2012 bis 2018 als Auslandspfarrer die evangelische deutschsprachige Gemeinde betreut. Mit welchen Gefühlen haben Sie aus der Ferne den Sturm aufs Kapitol gesehen?

Olaf Waßmuth (Leiter des Referats Südeuropa und Auslandstourismus bei der EKD): Wir haben das wie viele andere auch aus der Ferne in den Medien verfolgt, aber uns sind natürlich diese Orte, diese Gebäude sehr vertraut. Es ist im Grunde genommen unfassbar, was da passiert ist, unvorstellbar. Washington ist ja eine sehr saubere, ordentliche und auch sehr sichere Stadt, hat man immer das Gefühl. Es ist alles wunderbar geregelt, es gibt Sicherheitskräfte an jeder Ecke. Dass dort praktisch das Chaos ausbricht, das ist absolut unvorstellbar.

DOMRADIO.DE: Sie haben vor Ort miterlebt, wie Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde – und dann auch seine ersten beiden Regierungsjahre noch hautnah. Wundert Sie das, was passiert ist?

Waßmuth: Nein, es wundert mich nicht wirklich. Es hat mich schockiert, aber nicht überrascht. Im Grunde genommen wusste man schon seit 2015, als er sich um das Präsidentenamt beworben hat, wer er ist, man konnte ahnen, was er vorhat. Also wer sagt, das sei jetzt überraschend gekommen, der hat irgendwie nicht richtig zugehört.

Als er dann 2016 tatsächlich gewählt wurde, sind wir aus allen Wolken gefallen; in Washington selbst hat er nur 4 Prozent der Stimmen bekommen. Die Amerikaner, mit denen ich zu tun hatte, verstanden die Welt nicht mehr. Sie verstanden nicht, wie ein Mensch wie Donald Trump in dieses Amt kommen kann, mit einer solch populistischen Rhetorik, mit all den Dingen, die er in den vergangenen vier Jahren an den Tag gelegt hat und von denen im Grunde nichts wirklich überraschend kam.

Das, was da passiert ist, war aber sicher der "worst case", der schlimmste Fall, den man sich 2016 vorstellen konnte. Das es jetzt tatsächlich so weit gekommen ist, ist einfach schockierend.

DOMRADIO.DE: Den Berichten nach waren die weitaus meisten der Trump-Anhänger aus anderen Landesteilen angereist. Halten Sie es für möglich, dass sich doch auch viele Washingtoner unter die Demonstranten gemischt haben?

Waßmuth: Nein, das glaube ich nicht. Washington DC ist eine liberale, aufgeklärte, gebildete Stadt. Da leben viele Menschen, die mit Donald Trump nichts zu tun haben wollen, das hat sich auch nicht geändert. Ich glaube, dass die Menschen in Washington das eher als eine Art Barbarensturm erlebt haben, der sich da über ihre Stadt ergossen hat. Donald Tump selbst ist de Stadt ja auch fremd geblieben im Grunde genommen.

DOMRADIO.DE: Sie waren parallel zu den Ereignissen über Social Media mit Freunden und Kollegen vor Ort verbunden – was haben Sie da an Reaktionen erlebt?

Waßmuth: Wir haben das im Grunde parallel mit den Freunden vor Ort miterlebt. Die waren sehr erschrocken, die haben Angst gehabt. Einer meiner ehemaligen Kollegen, dessen Kirche nur etwa 500 Meter vom Kapitol entfernt ist, hat berichtet, wie dort die Horden an seiner Kirche vorbeizogen. Er hat erzählt, dass seine Gemeindemitglieder zum Teil im Kapitol arbeiten und hat sich große Sorgen gemacht. Es wurde über Internet zum Gebet für die Menschen dort im Kapitol aufgerufen, weil keiner wusste, wie weit das noch eskalieren könnte.
 
DOMRADIO.DE: Das Kapitol ist ja nicht einfach irgendein Gebäude, sondern symbolisch höchst aufgeladen. Außerdem sieht es aus wie eine Kirche, erinnert gar an den Petersdom…

Waßmuth: Und das ist natürlich kein Zufall. Es ist ja bekannt, dass der katholische Theologe Gilbert Chesterton einmal gesagt hat: "Amerika ist eine Nation mit der Seele einer Kirche".  Dass es so etwas wie eine amerikanische "civil religion", also eine Zivil-Religion gibt, wonach die Institutionen Amerikas einen religiösen Glanz ausstrahlen, das sieht man in Washington fast an jeder Ecke. Das Kapitol ist dem Petersdom nachempfunden.

Dann sind da die großen "Heiligen"-Figuren: Abraham Lincoln, Thomas Jefferson, Martin Luther King, zu ihnen schaut Amerika wie zu Heiligen auf. Dann wird die Verfassung in so einer Art Heiligen Gral aufbewahrt. Die amerikanischen Kinder sprechen jeden Morgen ihr Bekenntnis zur Nation wie ein Glaubensbekenntnis. Amerika hat wirklich eine sakrale Beziehung zur eigenen politischen Identität.

DOMRADIO.DE: Ist diese sakrale Beziehung jetzt kaputt gegangen?

Waßmuth: Ich glaube, sie ist in der Tat schwer beschädigt worden durch das, was da passiert ist: Dass ein wütender Mob das Allerheiligste der amerikanischen Demokratie gestürmt hat. Ich denke, dass das auch viele der Wählerinnen und Wähler Donald Trumps geschockt hat. Das geht zu weit, auch nach deren Auffassung.  

DOMRADIO.DE: Unter Trumps Anhängern waren und sind bekanntlich viele konservative Christen. Sie glauben also, dass der ein oder andere von ihnen über diese Bilder in seiner Begeisterung für Trump ins Zweifeln gerät?

Waßmuth: Die Frage ist da natürlich, inwieweit sie Trump dafür verantwortlich machen. Das werden wir in den nächsten Tagen sehen. Die politische Diskussion in den USA ist so aufgeladen und läuft so schwarz-weiß, dass zu befürchten steht, dass sich da jetzt keine Verbesserung abzeichnen wird. Aber ich könnte mir schon vorstellen, dass manche sich von dieser Art politischer Auseinandersetzung und dem, was Trump in den letzten Wochen an den Tag gelegt hat, abgestoßen fühlen und sich davon distanzieren.  

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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