Mariä-Namen-Kathedrale in Minsk
Mariä-Namen-Kathedrale in Minsk
Archivbild: Papst Franziskus und Präsident Lukaschenko während einer Audienz im Vatikan im Jahr 2016.
Archivbild: Papst Franziskus und Präsident Lukaschenko während einer Audienz im Vatikan im Jahr 2016.

06.01.2021

Spekulationen über die Umstände der Heimkehr des Minsker Erzbischofs Entgegenkommen des Papstes an Lukaschenko?

Kaum durfte der Minsker Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz wieder in sein Heimatland reisen, nahm der Papst seinen Rücktritt an - pünktlich zum 75. Geburtstag. In Belarus wird über einen Deal mit dem Machthaber spekuliert.

Das Schicksal des Minsker Erzbischofs Tadeusz Kondrusiewicz bewegt viele Katholiken in Belarus sehr. In einer beispiellosen Strafaktion hatte Diktator Alexander Lukaschenko ihm vier Monate lang die Wiedereinreise in sein Geburtsland Belarus untersagt, nachdem der Erzbischof für wenige Tage Polen besucht hatte. Erst als Papst Franziskus den belarussischen Machthaber per Brief bat, den Vorsitzenden der Bischofskonferenz nach Minsk heimkehren zu lassen, kam grünes Licht.

Getrübte Freude über Heimkehr Kondrusiewiczs

Doch die Freude der Gläubigen über Kondrusiewiczs Rückkehr in die Hauptstadt an Heiligabend schlug in Enttäuschung um, als Franziskus am 75. Geburtstag des Geistlichen kurz danach dessen Rücktritt annahm. Bischöfe sind kirchenrechtlich angehalten, zu diesem Zeitpunkt ihren Amtsverzicht anzubieten. Nicht selten verlängert der Papst allerdings Amtszeiten um ein paar Jahre.

"Wie alle Katholiken in Belarus habe ich mich sehr gefreut, dass unser Erzbischof zurückgekommen ist", sagte die Minsker Historikerin Iryna Kalinovich gegenüber der ID-Redaktion. Bei den Gottesdiensten mit ihm am 24. und 25. Dezember hätten viele geweint. "Aber die Nachricht über seinen sofortigen Rücktritt hat viele Gläubige traurig gemacht. Wir nehmen an, dass dies der Preis für seine Heimkehr ist", sagt die Katholikin. "Trotzdem sind wir stolz auf ihn und ihm für seine Menschlichkeit dankbar."

Lukaschenko statuiert Exempel

Lukaschenko statuierte an Kondrusiewicz offenkundig ein Exempel, damit sich die katholische Kirche mit Kritik an ihm zurückhält. Ihm ging gegen den Strich, dass der Erzbischof und auch andere katholische Geistliche Menschen verteidigten, die gegen den Machthaber und die vermutlich gefälschte Präsidentenwahl von Anfang August protestierten. Kondrusiewicz betete etwa vor dem Minsker Gefängnis, in dem inhaftierte Regierungskritiker nach eigenen Angaben gefoltert wurden. Allzu gerne hätte der Erzbischof die Häftlinge besucht. Das aber wurde ihm nicht erlaubt.

Lukaschenko beschuldigte die katholische Kirche daraufhin, Propaganda gegen ihn zu betreiben. Kondrusiewicz habe sich Anweisungen aus Warschau geholt, behauptete er. Der Erzbischof betonte dagegen, er unterstehe nur dem Papst und keiner Regierung.

Umstände des Rücktritts bleiben ungewiss

Kondrusiewicz äußerte sich nicht näher zu den Umständen seines Rücktritts, sondern verwies lediglich auf das Kirchenrecht. Bei einer Messe in der Minsker Kathedrale gab er selbst bekannt, dass der Papst seiner Bitte entsprochen habe, ihn von seinen Pflichten zu entbinden: "Es ist Realität. Wir können nicht darum herumkommen." Er bat, seinen Nachfolger mit offenen Herzen zu empfangen. "Die Kirche soll leben. Menschen verändern sich, aber die Kirche bleibt", fügte er hinzu.

Zeitgleich mit dem Rücktritt gab der Vatikan auch die Ernennung eines Administrators für das Bistum Minsk bekannt. Wobei die Personalie einigermaßen überrascht. Denn Kazimierz Wielikosielec, Weihbischof in Pinsk im Südwesten des Landes, ist der älteste amtierende Bischof in Belarus. Er wurde am 5. Mai 1945 in der Nähe von Brest geboren, mehr als ein halbes Jahr vor Kondrusiewicz. Und anders als bei diesem hatte Franziskus Wielikosielecs Amtszeit an dessen 75. Geburtstag um zwei Jahre verlängert.

Druck auf die katholische Kirche in Belarus

Der Weihbischof zeigte sich gegenüber dem belarussischen Kirchenportal catholic.by denn auch überrascht von seiner Ernennung: "Das ist ein großes Vertrauen in meine bescheidene Person. Dafür bin ich Papst Franziskus dankbar." Mit besonderer Kritik an Lukaschenkos Repressionen gegen die Demokratiebewegung fiel er bislang nicht auf. Der Minsker Weihbischof Juri Kasabutski (50), der Kondrusiewicz während dessen viermonatiger Zwangsexilzeit im Erzbistum vertreten musste, hatte dagegen beklagt, "dass versucht wird, Druck auf die katholische Kirche in Belarus auszuüben". Er sprach Anfang September von einer "Verfolgung der Kirche".

Die nächste wichtige Personalentscheidung in der belarussischen Kirche ist die Wahl eines neuen Vorsitzenden der Bischofskonferenz. Seit Kondrusiewicz in den Ruhestand getreten ist, leitet der derzeitige stellvertretende Vorsitzende, Bischof Aleksander Kaszkiewicz (71) von Grodno im Westen, kommissarisch den Episkopat.

Gab es einen Deal zwischen Lukaschenko und dem Vatikan?

Lukaschenko hofft nach eigenen Angaben auf eine Einladung in den Vatikan. Bereits 2016 hatte er den Papst besucht und ihn nach Belarus eingeladen. Ende Dezember würdigte er Katholiken als "Menschen von einer besonderen Prägung". Wörtlich sagte er: "Sie haben uns nie irgendwelche Probleme bereitet. Ich dachte, dass wir für sie etwas Gutes tun können, indem wir die Rückkehr ihres Erzbischofs gestatten. Herr Kondrusiewicz stellt doch keine Bedrohung mehr dar." Bei seiner Entscheidung habe er "keine Hintergedanken" gehabt.

In Belarus allerdings sehen das viele anders. Die Rede ist von einem Deal zwischen Lukaschenko und dem Vatikan. Auffällig ist jedenfalls: Die Bischöfe hielten sich zuletzt mit Kritik an der Regierung zurück. Und Franziskus sagt seit Monaten nichts zu Belarus - zur Enttäuschung vieler Belarussen.

Oliver Hinz
(KNA)

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