Erste TV-Debatte zwischen Trump und Biden
Erste TV-Debatte zwischen Trump und Biden
Andreas G. Weiß
Andreas G. Weiß
Donald Trump, Präsident der USA, spricht während der ersten Präsidentschaftsdebatte
Donald Trump, Präsident der USA, spricht während der ersten Präsidentschaftsdebatte
Joe Biden, Präsidentschaftskandidat der Demokraten, während der ersten Präsidentschaftsdebatte
Joe Biden, Präsidentschaftskandidat der Demokraten, während der ersten Präsidentschaftsdebatte

30.09.2020

Religionswissenschaftler zur ersten TV-Debatte im US-Wahlkampf Welche Rolle spielt Religion im Rede-Duell?

Die erste TV-Debatte im US-Präsidentschaftswahlkampf zwischen Präsident Donald Trump und Herausforderer Joe Biden war von Chaos geprägt. Der Theologe Andreas G. Weiß ordnet das Duell ein und erklärt, welche Rolle die Religion dabei spielte.

DOMRADIO.DE: Viele Kommentatoren sprechen von einer der chaotischsten Debatten der vergangenen Jahre. Was ist Ihr Eindruck?

Dr. Andreas G. Weiß (Theologe und Religionswissenschaftler, Direktor-Stellvertreter des Katholischen Bildungswerks Salzburg): Ich bin auch der Meinung, dass man es wahrscheinlich nicht als Debatte bezeichnen kann, was sich da in der vergangenen Nacht abgespielt hat. Dennoch glaube ich auch, dass es zu erwarten war.

Die beiden Kandidaten, die da aufeinandergetroffen sind, haben ihre Strategie eigentlich jeweils sehr gut auffangen können. Trump hat sich gewohnt angriffslustig gezeigt, Joe Biden eher als der zurückhaltende Staatsmann, sehr diplomatisch. Dass ihm an der einen oder anderen Stelle der sprichwörtliche Kragen geplatzt ist, war dann doch überraschend. Aber ich glaube, das Duell hat auch sehr gut sichtbar gemacht, auf was wir uns in den nächsten Wochen einstellen können.

DOMRADIO.DE: Zunächst wollte sich jeder mit seiner Strategie präsentieren. Aber wie und worum ging es denn dann inhaltlich?

Weiß: Das TV-Duell war ja so aufgebaut, dass es sechs Themenblöcke zu jeweils 15 Minuten gab. Es ging um Sicherheit, es ging um die Neubesetzung des Obersten Gerichtshofs. Es ging um das Gesundheitswesen, also eigentlich alles klassische Themen der US-Politik, die aber vor dem Hintergrund dieses Jahres mit der Coronavirus-Pandemie eine völlig neue Relevanz bekommen haben.

Zugleich aber weiß man auch, und das ist das Interessante aus religionswissenschaftlicher Sicht, dass in diesem Wahljahr das religiöse Bekenntnis vor allem Joe Bidens eine zentrale Rolle spielt. Dies versucht auch immer wieder das republikanische Wahlkampfteam von Donald Trump auszunutzen. Also wenn es besonders um die Richter-Besetzung jetzt geht, dürfte es kein Zufall sein, dass nun Amy Barrett als gläubige Katholikin ins Rennen gehen wird um die Neubesetzung des Postens am Obersten Gerichtshof. Das geschieht schon alles aufgrund einer bestimmten Taktik.

DOMRADIO.DE: Hat man denn von dieser Thematik da gestern in der Nacht auch etwas mitbekommen, neben all den anderen Themen, die da noch besprochen worden sind?

Weiß: Ja, es wurde explizit angesprochen von Joe Biden, dass der Richterposten erst dann besetzt werden sollte, wenn der neue Präsident gewählt ist. Das war ja auch 2016 die Argumentationsstrategie von den Republikanern, als Barack Obama den Posten des damals verstorbenen Richters Antonin Scalia nachbesetzen wollte. Interessanterweise schwenken aber die Republikaner natürlich jetzt um und wollen den Richterposten so schnell wie möglich besetzen.

Diese Debatte ist bereits sehr emotionalisiert. Wenn man sich die politische Sachlage ansieht, dann muss man sagen: Ja, Donald Trump ist der gewählte Präsident. Es ist sein gutes Recht, dass er eine Nachfolge für eine verstorbene Richterin vorschlägt und der Senat darüber abstimmt. Dass Donald Trump in seiner Amtszeit nun drei oberste Richterposten zu besetzen hatte, ist natürlich sehr einseitig, aber das ist nun einmal ein Faktum.

DOMRADIO.DE: In fünf Wochen wird der neue oder auch der alte amerikanische Präsident gewählt. Wenn jetzt am Ende eines solchen Schlagabtauschs, wie wir ihn in der Nacht erlebt haben, eigentlich in der Hauptsache übrig bleibt, dass sich da zwei ältere Herren verbal sehr extrem bekämpft haben: Wem nützt denn so etwas mehr jetzt im Wahlkampf, auch in den kommenden Wochen?

Weiß: Ich denke, dass es für Donald Trump vor allem darum ging, seine Themen, seine Schlagworte wieder zu platzieren, um bei seinen Kernwählern zu punkten. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass er sehr viele der Wechselwähler überzeugt hat.

Joe Biden kam da sehr viel gelassener rüber und als ein diplomatischer Staatsmann. Also jene Bevölkerungsgruppen, um die sich beide Kandidaten abseits ihrer Kernwählerschaft besonders bemühen müssen, wurden in meinen Augen von Joe Biden eher angesprochen, da er sich nicht in diese Angriffstaktik, in diese Aggressivität hineinziehen hat lassen.

DOMRADIO.DE: Beide haben schon mal eine erste Duftmarke gesetzt in diesem ersten TV-Duell. Es folgen ja noch zwei weitere. Da werden sicherlich auch wieder inhaltliche Schwerpunkte gesetzt. Was meinen Sie, in welche Richtung das dann geht?

Weiß: Nach wie vor wird natürlich die Coronavirus-Pandemie und damit verbunden die Gesundheitspolitik in den USA im Zentrum stehen. Aber auch die Besetzung der Richterposten wird ein Kernthema sein. Donald Trump wird auch in Zukunft versuchen, vor allem in der katholischen Wählergruppe zu punkten, indem er einerseits eine restriktive Abtreibungspolitik – auch bei der Richter-Besetzung – propagiert und andererseits Joe Biden als den nicht glaubwürdigen Katholiken hinstellt.

Das hat man in den vergangenen Wochen bereits oftmals gesehen, dass das zurzeit die Strategie der Republikaner ist, wenn es um Religionspolitik geht.

Das Interview führte Carsten Döpp.

(DR)

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