Vielerorts fast ausgestorbene Straßen in China
Vielerorts fast ausgestorbene Straßen in China

08.02.2020

Coronavirus bringt Chinas Millionenstädte zum Stillstand Prämie fürs Anschwärzen

Mit rigorosen Maßnahmen versuchen Chinas Behörden, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Unterdessen macht die Nachricht vom Tod Li Wenliangs die Runde. Der Arzt hatte als erster vor der Erkrankung gewarnt.

Franz Herz sitzt in seiner Wohnung und wartet, dass die Zeit der Quarantäne vorübergeht. Er ist nicht krank, aber er ist nach dem 30. Januar in Peking eingereist; Herz, Lehrer an der deutschen Auslandsschule in der chinesischen Hauptstadt, hatte ein paar Ferientage in Vietnam verbracht; als er Anfang Februar zurückkam, war Peking, wo es sonst auf den Bürgersteigen, in den Geschäften und Parks nur so vor Menschen wimmelt, leer.

"Es ist fast schon unheimlich", sagt Herz. Jeden Morgen muss er sich nun bei seiner Hausverwaltung melden und angeben, ob er Fieber hat. "Wer nach dem 30. Januar zurückgekommen ist, muss 14 Tage zu Hause bleiben. Man kann zwar einkaufen oder spazieren gehen, sollte es aber unterlassen. Die Hausverwaltungen führen über alle Personen eine Liste."

Leben nur noch in den eigenen vier Wänden

Doch auch diejenigen, die davon nicht betroffen sind, verlassen ihre Wohnungen kaum. "Alle Veranstaltungen in Peking, ja wohl im ganzen Land sind derzeit abgesagt, auch die Messen und sogar zum Teil die Hochzeiten. Begräbnisse dürfen nur im allerengsten Familienkreis stattfinden. Beim Kauf von Bahntickets muss man seine Telefonnummer angeben, um im Fall einer Nachsuche auffindbar zu sein", erzählt Herz. Leben findet nur noch in den eigenen vier Wänden statt.

Auch die Schulen bleiben geschlossen, zunächst hieß es, bis zum 17. Februar, nun bis auf unbestimmte Zeit. Die Lehrer sind angewiesen, den Kindern den Stoff per E-Mail zukommen zu lassen. "Ich bin also beschäftigt, kann lesen und etwas länger schlafen", nimmt Herz die Situation mit Gelassenheit. "Vieles, was an Maßnahmen in China ergriffen wird, scheint aber doch reiner Aktionismus zu sein, der ins Leere geht."

Die unabhängige Internetzeitung "Hong Kong Free Press" berichtet, dass in mehreren Millionenstädten in der Provinz Zhejiang die Bewohner über Lautsprecher aufgefordert werden, zu Hause zu bleiben, Masken zu tragen und sich regelmäßig die Hände zu waschen. In Zhumadian darf pro Haushalt nur eine Person alle fünf Tage die Wohnung verlassen, um Erledigungen zu machen. Außerdem werden Bargeldprämien ausgelobt für Meldungen über Personen, die aus Hubei, der Coronavirus-Hochburg, die Stadt betreten.

Auch Dörfer und Apartmentanlagen errichten Barrikaden, um Außenstehende abzufangen. Zur besonders gemiedenen Berufsgruppe gehören derzeit die Zustelldienste, weil diese mit vielen Menschen in Kontakt kommen und sich potenziell leicht anstecken könnten. Weltweit steigt unterdessen die anti-chinesische Stimmung.

In Schlagzeilen ist vom "Gelben Alarm" die Rede, in den Sozialen Medien werden die Chinesen als schmutzig und Bioterroristen beschimpft; Urlaubsregionen, die sich ansonsten über die zahlungskräftigen Gäste freuen, fordern: "Bleibt in eurem Land. Wir wollen euch nicht." Und in Hongkongs Supermärkten kommt es aus Angst vor dem Virus zu Hamsterkäufen; Reis und Artikel des täglichen Bedarfs wie Toilettenpapier werden knapp.

Bei Autobauern stehen Bänder still

Der Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung in China, aber auch andere Länder, die von der chinesischen Zuliefererindustrie abhängen und im Gegenzug Waren und Dienstleitungen dorthin exportieren, ist bislang noch nicht absehbar. Tatsache ist, dass die chinesischen Neujahrsferien per Direktive vieler Provinzregierungen bis zu diesem Wochenende verlängert wurden. In manchen Regionen und Metropolen wie Peking und Shanghai gilt auch in der nächsten Woche weiter: Homeoffice.

Bei Autobauern wie BMW und VW stehen die Bänder still, Fluggesellschaften, darunter Lufthansa, fliegen das Land bis Ende Februar nicht mehr an, in manchen Provinzen soll die Verbindung sogar erst wieder im April aufgenommen werden. Experten fürchten, dass die Wirtschaft in China um mindestens zwei Prozent einbrechen könnte.

Ausgerechnet derjenige, der vor all dem gewarnt hat, der Arzt Li Wenliang aus Wuhan, ist nun selbst Opfer des neuartigen Coronavirus geworden. Der 34-jährige Mediziner hatte Ende Dezember befreundete Kollegen auf eine Häufung von Fällen einer mysteriösen Lungenkrankheit aufmerksam gemacht und war daraufhin von der örtlichen Polizei wegen Verbreitung von Gerüchten einbestellt worden.

Am Donnerstag starb er in einem Krankenhaus an den Folgen der Infektion.

Stefanie Ball
(KNA)

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