9. Oktober 1989: "Wenn etwas passieren würde, dann in Leipzig"
9. Oktober 1989: "Wenn etwas passieren würde, dann in Leipzig"
Nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche in Leipzig beginnt die Montagsdemo
Nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche in Leipzig beginnt die Montagsdemo

09.10.2019

Zeitzeuge erinnert sich an friedliche Revolution vor der Wende "Seelische Verletzungen, Entsetzen und Wut"

Die "Montagsdemos" vor 30 Jahren brachten die Wende für die Menschen in Ostdeutschland. Der Leipziger Superindentent Martin Henker hat während des Umbruchs Inhaftierte unterstützt - und später Gewalttaten dokumentiert und aufgearbeitet.

DOMRADIO.DE: Am 9. Oktober 1989 beten zunächst Tausende in den Leipziger Kirchen für die Freiheit und demonstrieren im Anschluss friedlich für ein Ende des SED-Regimes. Es war mit rund 70.000 Menschen die damals größte Demonstration, sie gilt als wegweisend für die spätere Wende. Wie haben Sie diesen 9. Oktober 1989 erlebt?

Martin Henker (Superintendent des evangelisch-lutherischen Kirchenbezirks Leipzig): Ich war 1989 Jugendpfarrer in Dresden für die Evangelische Kirche. In Dresden ist es ja so gewesen, dass am 8. Oktober aus einer der vielen Demonstrationen heraus ein Gespräch entstand. Mein katholischer Kollege Frank Richter hatte mit einem weiteren Kaplan eine Initiative ergriffen und mit Leuten der Staatssicherheit verhandelt. Es ging darum, dass die Demonstrationen friedlich beendet werden könnten, wenn der Oberbürgermeister von Dresden am nächsten Tag mit einer Gruppe von Demonstranten sprechen würde. Das wurde dann zugesagt und vereinbart.

Der 9. Oktober war dann der Tag, an dem in den Dresdner Kirchen ziemlich hektisch Info-Veranstaltungen über die Ergebnisse dieses Gespräches vorbereitet wurden. Der 9. Oktober war auch der Tag, wo das Dresdner Stadtjugend-Pfarramt erstmals offiziell Kontakt- und Beratungsstelle für die Angehörigen von Verhafteten und Vermissten wurde und von acht Uhr an auch mit Hochdruck in Anspruch genommen wurde.

Und es war der Tag, wo abends - ich war zu diesem Zeitpunkt in der Kreuzkirche bei einer der Informationsveranstaltungen - die Meldung aus Leipzig weitergegeben wurde, dass viele, viele Menschen dort demonstriert hätten und dass alles friedlich geblieben sei.

DOMRADIO.DE: Als Dresdner Stadtjugendpfarrer waren sie im Herbst 1989 auch Berater für Angehörige von Inhaftierten und Freigelassenen. Wie müssen wir uns diese Arbeit damals vorstellen?

Henker: Wir hatten einen Besprechungsraum im Jugendpfarramt, in dem wurde in jeder Ecke eine kleine Beratungssituation geschaffen - kleine Tische, wo ehrenamtliche Freiwillige saßen, die von heute auf morgen diese Aufgabe übernommen hatten. Dort fanden dann praktisch drei, vier Wochen lang von früh bis abends Beratungsgespräche statt. In denen haben wir über Rechtsgrundlagen informiert oder Juristen vermittelt. Wir hatten auch die Adressen von einigen Psychologen, die bereit waren, die Verhafteten nach ihrer Freilassung zu beraten und zu begleiten, um mit dem Erlebten umgehen zu können.

Das eigentlich Schlimme oder Anstrengendste war, diese Geschichten von tiefer seelischer Verletzung, Entsetzen und Wut anzuhören. Es kam immer wieder vor, dass da Frauen und Männer saßen, die nicht weiter sprechen konnten und anfingen zu weinen. Manchmal dauerte es mehrere Minuten, bis ein Gespräch überhaupt fortgesetzt werden konnte. Das war ziemlich anstrengend und eine schwierige Situation, auch für die, die diese Gespräche geführt haben.

DOMRADIO.DE: Sie gehörten dann später auch der unabhängigen Untersuchungskommission zur Aufklärung von Gewalttaten der Staatsorgane gegenüber den Demonstranten an. Ist dieses Thema der Untersuchung und der Aufarbeitung immer noch präsent bei Ihnen, jetzt nach 30 Jahren?

Henker: In diesen Tagen kommen natürlich die Erinnerungen immer wieder. Das war eine Idee, die wir am 7. und 8. Oktober hatten, als in der Kreuzkirche die Menschen begannen, uns ihre Geschichten zu erzählen, dass wir sagten: Das muss aufgeschrieben werden. Es weiß keiner, wie es ausgeht und was wird. Wir baten dann von Anfang an die Angehörigen, den Inhaftierten zu sagen, sie sollten bitte aus dem Gedächtnis heraus einen Bericht darüber schreiben, was sie erlebt hatten.

Zum Schluss hatten wir über 400 solcher Berichte - fast alle mit Name und Adresse unterzeichnet. Und als die ersten Erzählungen und Berichte kamen, war uns klar: Es gibt jetzt eine Möglichkeit, die Gewalttätigkeit des Systems, die Verletzung von elementaren Menschenrechten - den Umgang der Kommunisten mit Andersdenkenen, wie wir es damals nannten - zu dokumentieren.

Dieses Material zu sammeln, war für die damalige Zeit ein gewagtes Unterfangen. Wir rechneten mehrfach damit, dass die Staatssicherheit versuchen würde, an diese Berichte heranzukommen.

Im Dezember begann die paritätisch besetzte Untersuchungskommission dann mit ihrer Arbeit - besetzt mit 13 von der Stadt benannten Vertretern und 12 Vertretern der Kirchen. Vor allem für die Vertreter der Staatsmacht war es unglaublich, dass Dinge wie Demütigungen, Gewaltanwendung, psychische Drohung und Instrumentalisierung in ihrem geliebten sozialistischen Staat überhaupt denkbar waren. Der erste schwierige Akt war deshalb, mit den kommunalen Vertretern überhaupt darüber zu sprechen und, dass sie das, was passiert war, an sich heran ließen.

Später wussten wir: In Dresden sind über 1.300 Personen in diesen Tagen verhaftet worden. Viele vollkommen Unbeteiligte wurden von Sicherheitskräften einfach wahllos auf der Straße überfallen, geschlagen und angegriffen. Das zu untersuchen war, denke ich, damals notwendig. Wenn auch das Ergebnis sehr, sehr dürftig war.

Das Interview führte Carsten Döpp.

(DR)

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