In 100 Tagen verlässt Großbritannien die EU - oder auch nicht
In 100 Tagen verlässt Großbritannien die EU - oder auch nicht
England hat eine reiche Chortradition
Brexit in London

23.07.2019

In 100 Tagen verlässt Großbritannien die EU - oder auch nicht "Brexit scheitert an Kommunikation"

Seit Juni 2016 versuchen Politiker, den britischen EU-Ausstieg vorzubereiten - ohne Erfolg. Zum Glück, sagt der Germanist Christophe Fricker. Seine These: Der Brexit ist tot, ermordet durch mangelnde Kommunikation.

Seit gut 1.100 Tagen schlägt sich die westliche Welt mit ihm herum, und in genau 100 Tagen soll er umgesetzt sein: Der Beschluss Großbritanniens zum Ausstieg aus der EU. Am Brexit-Referendum vom 23. Juni 2016 haben sich schon viele Politiker in Brüssel und London die Zähne ausgebissen, allen voran Ex-Premier Theresa May. Sie wird vor allem mit ihrem stets wiederholten "Brexit means Brexit" im Gedächtnis bleiben.

"Politische Führung ohne Formulierung funktioniert nicht"​

Genau mit solchen Floskeln habe sie "Kommunikationsverweigerung zum Programm" gemacht, sagt der Germanist Christophe Fricker, der in England promoviert wurde und die Insel bestens kennt. "Aber politische Führung ohne Formulierung funktioniert nicht", so Fricker im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Der Brexit sei damit Geschichte, zeigt sich der 41-Jährige überzeugt. Doch die wachsende Spaltung auf der Insel werde auch durch Sprachverwirrung deutlich: dem "Leavish" der Brexiteers und dem "Remainish" der EU-Befürworter. "Die Akteure der aktuellen ideologischen Schlacht verwenden teilweise dieselben Wörter mit entgegengesetzter Bedeutung", sagt der Sohn deutsch-französischer Eltern.

"Britisch" im Kontext von Katastrophen

Beispielsweise nutzten die EU-Befürworter den Begriff "britisch" vor allem im Kontext von Katastrophen, während er für EU-Skeptiker eine selbstbewusste, triumphalistische Bedeutung habe. Damit klaffe auch die britische Gesellschaft mehr und mehr auseinander. Allerdings hätten viele Leute auch ein Interesse an Spaltung und Abgrenzung, so der Autor, der dies selbst in England hautnah erlebte. "Während der EM 2004 war mein Auto immer beschmiert. Mit der WM 2006 hat sich das gewandelt, außerdem war 2005 Angela Merkel Bundeskanzlerin geworden, die in Großbritannien gefeiert wurde - genau wie Aldi und Lidl, die das Deutschlandbild verbessert haben."

Doch auch das aufpolierte Image der Nachbarn habe die Briten nicht von Europa überzeugen können. So nennt Fricker die 48 Prozent EU-Befürworter vom Juni 2016 geradezu einen Erfolg Europas. Denn anders als in Deutschland habe es auf der Insel nie ein positives Europa-Narrativ gegeben. Insofern sei auch die kürzlich von britischen Autoren wie Ken Follett und Jojo Moyes für Herbst angekündigte "Charme-Offensive" in der Rest-EU verfehlt: "Mir scheint das in diefalsche Richtung zu gehen - denn Handlungsbedarf besteht ja in Großbritannien selbst", so Fricker.

Suche nach einer neuen Sprache

Die Liebe der Deutschen für alles Englische sieht er nicht in Gefahr. "Man ist verwundert und vielleicht auch beleidigt durch den Brexit, aber das Bild von Großbritannien gerät nicht ins Wanken - während das Land gerade vor die Hunde geht." Dass Scharfmacher wie Boris Johnson und Nigel Farage noch das Ruder in Richtung Brexit herumreißen, hält er für wenig wahrscheinlich. Denn ihnen fehle die Kompetenz für ein solch "verwaltungstechnisch, wirtschaftlich und auch emotional hochkomplexes Unterfangen".

Wie lässt sich aber das Thema Brexit mit Anstand abwenden? Man müsse aufhören, das Ergebnis des Referendums als "Befehl" zu bezeichnen, empfiehlt der Autor. "Es war ein Vorschlag, der danach lange geprüft wurde. Und man stellt fest: Es geht nicht. Es gibt keinen Austritt, bei dem Großbritannien stärker wird - und bei dem es keine Toten gibt, gerade in Nordirland." Einigkeit hält er dennoch für illusorisch. "Die Suche nach einer neuen gemeinsamen Sprache muss weitergehen."

Positionierung für Europa

Frickers Appell: "Wir müssen uns für das europäische Friedensprojekt positionieren; und zwar nicht nur über Wachstumszahlen, sondern darüber, dass Europäer nicht mehr aufeinander schießen." Das tue er auch im Umgang bei seinen britischen Freunden. So habe ihm kürzlich bei einer britischen Gartenparty eine Dame gesagt, Frau Merkel sei ja ganz nett, aber der Brexit müsse jetzt mal kommen, der neue Premierminister werde ihn endlich umsetzen. "Da habe ich geantwortet - freundlich, höflich, aber bestimmt: Nein, ich hoffe, dass das nicht passiert; ich glaube, es wäre besser, wenn Großbritannien in Europa bliebe, wenn wir zusammenblieben. Darauf hat die Dame ihr Glas fallen gelassen", berichtet der Autor. "Wir brauchen keine Fußnoten, sondern mehr Engagement, mehr Lust auf Europa."

Sabine Kleyboldt
(KNA)

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