Gedenkstätte für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma
Gedenkstätte für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma

16.05.2019

Vergeblicher Widerstand von Sinti und Roma in Auschwitz Was genau vor 75 Jahren passierte, ist bis heute unklar

Sinti und Roma versuchten, der Tötung im KZ Auschwitz zu entgehen – vergeblich. Im Sommer 1944 ermordeten die Nationalsozialisten 4.000 Kinder, Frauen und Alte. Zuvor waren die Männer in andere Lager verschleppt worden.

Sinti und Roma waren im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in einem eigenen Abschnitt inhaftiert: in der Sprache der Nationalsozialisten im Bereich "B II e" - dem sogenannten Zigeunerlager. Am Abend des 16. Mai 1944 ordneten die Aufseher eine Blocksperre an. Etwa 6.000 inhaftierte Sinti und Roma durften die Baracken nicht mehr verlassen. "Die dort versammelten Zigeuner hatten sich mit Messern, Spachteln, Brenneisen und Steinen bewaffnet und warteten auf das weitere Geschehen", berichtet der politische Gefangene Tadeusz Joachimowski, der die Ereignisse im Zigeunerlager dokumentierte.

Etwa 50 mit Maschinengewehren bewaffnete SS-Männer umstellten laut Joachimowski die Unterkünfte der Sinti und Roma, die in den Gaskammern ermordet werden sollten. Der Widerstand der Gruppe habe die SS-Männer irritiert, sie brachen die Aktion ab. "Der erste Versuch, die Zigeuner zu liquidieren, ist gescheitert", notiert Joachimowski. Sein Bericht wurde in das später erstellte Standardwerk über die Ereignisse in Auschwitz aufgenommen, das alle verfügbaren Dokumente der SS, Gestapo sowie Akten der Nürnberger Prozesse enthält.

Systematisch diskriminiert und entrechtet

Historiker der Gedenkstätte Auschwitz veröffentlichten vor kurzem allerdings einen Aufsatz, der die Darstellung eines erfolgreichen Aufstands relativiert. Die Forschung stütze sich hauptsächlich auf Joachimowskis Aussage, weitere Berichte seien erst später entstanden. Zudem gehen die Autoren davon aus, dass sich ein solches Ereignis im Lager verbreitet und mehr Gefangene nach dem Krieg davon erzählt hätten. Die Historiker bezweifeln zudem, dass die SS-Männer eine Konfrontation mit kaum bewaffneten Gefangenen gescheut haben sollen. Es wäre ihnen möglich gewesen, alle Inhaftierten zu erschießen.

Klar ist: Sinti und Roma wurden in Deutschland mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 systematisch diskriminiert und entrechtet. Rund 30.000 lebten damals in Deutschland. Ab Februar 1943 wurden sie gezielt nach Auschwitz deportiert. SS-Reichsführer Heinrich Himmler hatte verfügt, "Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner und nicht deutschblütige Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft" innerhalb weniger Wochen nach Auschwitz zu bringen. Bereits am 8. Dezember 1938 hatte Himmler die "endgültige Lösung der Zigeunerfrage" als politisches Ziel formuliert.

Verdichtete Darstellung der Erlebnisse

Wie viele Sinti und Roma dann im Mai 1944 im Zigeunerlager Auschwitz gefangen waren, ist nicht vollständig dokumentiert. Es waren sicher mehrere tausend aus ganz Europa. Und wahrscheinlich ist, dass sie wiederholt mitbekamen, wie Menschen aus ganzen Lagerabschnitten ermordet wurden.

Ihnen war bewusst, dass sie jederzeit getötet werden können, sagt der Berliner Holocaust-Forscher Stephan Lehnstaedt. Das Narrativ eines Aufstands könnte eine verdichtete Darstellung der Erlebnisse sein, vermutet der Historiker. In der Erinnerung vermische sich zuweilen Gelesenes und Gehörtes mit eigenen Erlebnissen. "Das passiert unterbewusst", betont Lehnstaedt. Die Überlebenden seien überzeugt, sich daran zu erinnern.

Akt des Widerstands

Wenig sei von und über Sinti und Roma während der NS-Zeit überliefert, sagt der Historiker. Wenige von ihnen hätten ihre Erlebnisse verschriftlicht – wohingegen es Zeugnisse von Juden gebe. Problematisch sei auch, dass Deutschland den Mord an den Sinti und Roma lange nicht anerkannte und erst spät mit der Forschung begonnen wurde. Selbst wie viele Sinti und Roma die Nationalsozialisten ermordeten, ist unklar. Der Zentralrat spricht von rund 500.000, andere von mindestens 180.000 Menschen.

Belegt ist, dass arbeitsfähige Sinti und Roma im Frühjahr und Sommer 1944 von Auschwitz in andere Lager gebracht wurden. Zurück blieben etwa 4.000 Menschen, vor allem Kinder, Frauen und Alte. Sie alle wurden im August in den Gaskammern ermordet und sollen sich stark dagegen gewehrt haben.

Historiker Lehnstaedt spricht mit Blick auf die Berichte der Widerstandsaktion von einem – verglichen etwa mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto im April 1943 – "niedrigschwelligen Akt der Eskalation", über den wenig überliefert sei. Den Berichten nach zu urteilen würde er heute eher von einem Akt des Widerstands, nicht aber von einem Aufstand sprechen.

Anna Fries
(KNA)

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