11.05.2019

Katholische Wissenschaftler ringen um Antworten Gibt es einen gerechten Krieg?

Wie schaffen wir Frieden, wie sichern wir Frieden? Kann es einen gerechten Krieg geben? Fragen wie diese sind heute aufgrund weltweit existenter Krisenherde aktueller denn je. Ein katholisches Insitut sucht Antworten.

DOMRADIO.DE: Mit Fragen der Friedensschaffung- und sicherung beschäftigen sich die Forscher am Institut für Theologie und Frieden in Hamburg, dem wissenschaftlichen Institut der Katholischen Militärseelsorge. Militär und Frieden, wie geht das denn zusammen?

Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven (Leitender Direktor des Instituts für Theologie und Frieden, ithf, in Hamburg): Die Frage kann ich verstehen. Es ist historisch so gewachsen, dass die Militärseelsorge an der Herausforderung des Friedens das größte Interesse hat, weil Militärpfarrer aus allen deutschen Diözesen zur Begleitung von deutschen Soldaten in die Kasernen geschickt werden. Und die Soldaten fragen natürlich, was denn die Kirche zum Dienst des Soldaten, zur Gefährdung des Friedens und zur Frage, wie man Frieden sichern kann, zu sagen hat.

Unsere Aufgabe ist es, hier einen Beitrag zu leisten, dass der folgende wichtige Satz aus den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils inhaltlich unterfüttert wird: "Die Soldaten sollen Diener der Sicherheit und Freiheit aller Völker sein - nicht nur des eigenen Volkes."

DOMRADIO.DE: Und was bedeutet das konkret für Ihre Forschung?

Justenhoven: Die Grundidee ist, dass wir als wissenschaftliches Institut in die gesellschaftliche und politische Debatte hineinwirken. Das tun wir in einem Netzwerk innerhalb der katholischen Kirche und in der Ökumene. Es geht um die ganz konkret sich heute stellenden Fragen der Herausforderung, der Gefährdung des Friedens. Wir versuchen aus einer Perspektive als Christen, als Kirche und als Wissenschaftler, Theologen und Philosophen, diese Fragen zu diskutieren. Wir möchten ein Stück Expertenwissen in die kirchliche und gesellschaftliche Diskussion einbringen.

DOMRADIO.DE: Welche ganz konkreten Fragen stehen denn gerade auf der Agenda ihrer Wissenschaftler?

Justenhoven: Die größte Herausforderung sind die neuen Autokraten, die sich für unsere Verhältnisse irrational in Ost und West gebären. Offenkundig erleben wir gerade einen dramatischen Umbruch dessen, was wir als Weltordnung kennengelernt haben. Neue Mächte steigen auf, neue Fragen kommen. Wir erleben Radikalisierungen an allen Orten. Und die Frage ist, wie man angesichts dieser sehr unübersichtlichen Lage überhaupt noch davon reden kann, dass wir so etwas wie eine Friedensordnung schaffen wollen.

DOMRADIO.DE: Gibt es eigentlich einen gerechten Krieg?

Justenhoven: Ich bin ein Verfechter der These, dass die Rede vom gerechten Krieg falsch ist. Wir haben seit Beginn des 20. Jahrhunderts zumindest was die Diktion aus Rom angeht - und seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges auch in Deutschland und vielen anderen Ländern - sehr klar, dass eine Legitimation eines Krieges als gerechter Krieg per se nicht das Ziel von Politik sein darf. Und damit natürlich auch nicht das Ziel von Ethik sein kann.

Wir müssen darüber nachdenken, wie man angesichts von heutigen Gefährdungen Frieden herstellen und Frieden sichern kann. Und dann muss man leider sagen: Wir leben in einer Welt - da brauchen wir nicht nur in den Nahen Osten zu schauen -, in der der Verzicht auf mitunter auch gewaltbewährte Sicherheit zu noch größerem Chaos führt. Das heißt, jede Form der Gewaltanwendung muss sich letztlich an dem Ziel orientieren, Frieden herzustellen. Dann geht es nicht um den gerechten Krieg, sondern um den Versuch, im äußersten Fall durch die Anwendung von Gewalt noch größere Gewalt zu verhindern. Im Idealfall geschieht das innerhalb eines Staates durch die Ausübung des staatlichen Gewaltmonopols. Zwischen den Staaten haben wir dieses Maß an Ordnung nicht. Und da ist letztlich der einzelne Staat zurückgeworfen auf sich, um im äußersten Fall defensive, verteidigende Gewalt anzuwenden.

Wir sind durch die Versuche in den Neunzigern sehr ernüchtert, als internationale Gemeinschaft gemeinsam in andere Länder zu intervenieren, um ein größeres Maß an Gewalt zu verhindern. Hier ist die Staatengemeinschaft durch die Erfahrungen, die wir gemacht haben, sehr zurückhaltend geworden.

DOMRADIO.DE: Wo sehen Sie da die Möglichkeiten der Kirchen, Frieden zu fördern und Krieg zu vermeiden?

Justenhoven: Wir haben mit dem jetzigen Papst einen Idealfall, der uns noch einmal sehr nachdrücklich darauf verweist, zu fragen, was unsere Aufgabe als Kirche sein kann. Nämlich einerseits an der öffentlichen politischen Debatte teilzunehmen, aber gleichzeitig doch eine sehr deutliche Orientierung an der Figur Jesu Christi zu halten. Vielleicht auch noch schärfer als wir das in den letzten Jahrzehnten getan haben, den Unterschied zur Politik zu markieren.

Politik muss die Freiheit und die Sicherheit des jeweiligen Volkes im Blick behalten. Kirche muss darüber hinaus noch das, was vielleicht realistischerweise unmöglich erscheint, im Blick behalten, nämlich wie wir angesichts von Unrecht und Gewalt trotzdem ein Mehr an Frieden und Mehr an Gerechtigkeit hinkriegen können - über das hinaus, was realistischerweise Politik erreichen kann. Kirche muss an diesem mehr festhalten und dieses mehr in Erinnerung rufen.

Ich glaube das ist eine ganz wichtige Aufgabe von Kirche.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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