Rechtsextremismus in Deutschland
Rechtsextremismus in Deutschland

07.11.2018

Studie legt rechtsextreme Einstellungen der Deutschen offen Forscher beklagen "Flucht ins Autoritäre"

Muslime überfremden Deutschland, Juden "passen nicht zu uns", Sinti und Roma sind kriminell: Eine neue Autoritarismus-Studie der Universität Leipzig zeigt erschreckende Weltbilder der Deutschen – vor allem dort, wo es eigentlich wenig Vielfalt gibt.

Ausländerfeindlichkeit, Abwertung von Minderheiten, Antisemitismus: All dies stellt nach einer aktuellen Studie ein großes Problem in Deutschland dar. Manch rechtsextreme Tendenz habe in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen, in anderen Bereichen schlügen Haltungen zunehmend in Gewalt und konkrete Handlungen um, warnen die Autoren.

Oliver Decker und Elmar Brähler leiten die "Leipziger Autoritarismus-Studie". Alle zwei Jahre befragen sie seit 2002 die deutsche Bevölkerung repräsentativ nach ihren autoritären und rechtsextremen Einstellungen - zuletzt im Mai und Juni 2018. Ausgewertet haben die Wissenschaftler der Universität Leipzig die Antworten von 1.918 West- und 498 Ostdeutschen.

"Flucht ins Autoritäre"

Vor zwei Jahren sorgten die Forscher noch für viel Furore und auch manche Kritik, als sie ihrer Erhebung den - durchaus als Kampfansage zu verstehenden - Titel "Die enthemmte Mitte" gaben. Nun wenden sich die Autoren also noch mehr dem Autoritarismus zu, um "stärker an die Ursachen zu kommen", wie Decker erklärt. "Flucht ins Autoritäre" lautet der aktuelle Titel, und die Ergebnisse dürften genauso Aufregung - und vielleicht auch Kritik - hervorrufen.

Die Ausländerfeindlichkeit hat laut Studie zuletzt wieder zugenommen und fast frühere Werte erreicht. 24,1 Prozent stimmten aktuell allen vorgelegten Aussagen gegen Ausländer zu. Bei älteren Erhebungen lag dieser Anteil allerdings auch schon bei mehr als 25 Prozent.

Ein Drittel sieht Deutschland derzeit "in einem gefährlichen Maß überfremdet". Das scheint meist jedoch weniger mit der Wirklichkeit zu tun haben: Denn je geringer der Migrantenanteil in einem Bundesland sei, desto größer das Gefühl der Überfremdung, erklärte Studienleiter Brähler. Einzige Ausnahme dieser Regel sei Bayern.

Die Studienautoren warnen zudem vor einer zunehmenden Abwertung bestimmter Gruppen: Muslime, Asylbewerber oder Sinti und Roma. In diesem Bereich äußern sich sogar Mehrheiten ablehnend und rechtsextrem. So fühlten sich rund 56 Prozent "durch die vielen Muslime als Fremde im eigenen Land". 44 Prozent wollen Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagen.

Vorurteile gegen Sinti und Roma

Ebenfalls eine Mehrheit von um die 60 Prozent hat nach eigenen Angaben Probleme mit Sinti und Roma in ihrer Umgebung. Vorurteile gegenüber dieser Minderheit finden ebenfalls große Zustimmung - was nicht zuletzt den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma alarmiert, der vor "antiziganistischer Hetze" warnt. Antisemitismus bleibt laut Studienleiter Decker ebenfalls ein großes Problem, vor allem, weil es eine wachsende Gewaltbereitschaft gebe.

Im Osten stimmen in den meisten Fragen deutlich mehr Menschen autoritären und rechtsextremen Meinungen zu als im Westen. Eine geschlossen rechtsextreme Einstellung haben in Ostdeutschland 8,5 Prozent der Menschen und 5,4 Prozent in Westdeutschland. Die Studienleiter erklären sich das vor allem mit sozialen Unterschieden und dem Wegzug vieler gut ausgebildeter Menschen.

Die Forscher machen verschiedene Faktoren aus, die rechtsextreme Haltungen begünstigen können: etwa einen autoritären Charakter, das heißt die Neigung, sich Autoritäten zu unterwerfen und zugleich die Abwertung anderer durch diese zu fordern. Rund 40 Prozent der Deutschen zeigten solche Merkmale. Auch eine fehlende Anerkennung als Person oder Bürger, der Bildungsgrad und Gewalterfahrung als Kind hätten Einfluss auf die eigene Einstellung, heißt es.

Bereits vor zwei Jahren hatte die Studie die AfD als neue politische Heimat für Rechtsextreme ausgemacht. Ihren Befund erneuerten die Autoren dieses Mal: Häufiger als Wähler anderer Parteien zeigten Wähler der AfD ausländerfeindliche oder antidemokratische Einstellungen.

Kirchenzugehörigkeit im Blick

Die Zugehörigkeit zu einer der beiden großen Kirchen hat laut Studie hingegen keinen nennenswerten Zusammenhang auf die Verbreitung rechtsextremer Haltungen. Es gibt laut Erhebung keinen Unterschied zur Gesamtgesellschaft.

Studienleiter Brähler gibt angesichts der Ergebnisse insgesamt zu bedenken, dass mit der Befragung nicht erfasst werde, was die Menschen tatsächlich dächten. Erfasst werde lediglich, was die Menschen von sich offenbarten.

Alexander Riedel
(KNA)

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