Kinder sitzen vor ihrem Zelt in einem provisorischen Flüchtlingslager.
Kinder sitzen vor ihrem Zelt in einem provisorischen Flüchtlingslager.

14.09.2018

Diakonie-Katastrophenhilfe zur Lage im syrischen Idlib "Wir brauchen eine tragfähige politische Lösung"

Die Katastrophenhilfe der Diakonie rechnet mit bis zu 800.000 Flüchtlingen, sollte der syrische Machthaber Baschar al-Assad die Großoffensive gegen die Rebellen in Idlib starten. Davon betroffen wären auch eine Million Kinder.

DOMRADIO.DE: Die UNO warnt vor einer Massenflucht. Was bedeutet das konkret?

Vera Voss (Leiterin des Syrien-Büros der Diakonie-Katastrophenhilfe): Wenn die Offensive so richtig losgeht, wovon wir im Moment ausgehen müssen, dann rechnen wir mit bis zu 800.000 neu vertriebenen Menschen. Wenn man sich überlegt, dass es im vergangenen halben Jahr eine Million Binnenvertriebene in Syrien gab, dazu jetzt 800.000 neue Vertriebene kommen, dann glaube ich, kann man sich so etwa die Dimension dieser Offensive vorstellen.

DOMRADIO.DE: Wie geht es denn den Menschen in Idlib ganz aktuell?

Voss: Es befinden sich im Moment 2,9 Millionen Menschen in Idlib, davon alleine eine Million Kinder. Die Hälfte, also 1,4 Millionen sind bereits Vertriebene. Diese haben bereits andere Regionen in Syrien verlassen und sind nach Idlib geflohen. Das sind meistens Familien oder auch einzelne Personen, die der Opposition sehr nahestehen. Dementsprechend sind die Bedarfe einfach schon sehr hoch.

Wir haben Zahlen vom 20. August, wo rund die Hälfte der Menschen keine angemessene Unterkunft hat. Das bedeutet entweder sind die Unterkünfte nicht winterfest oder sie sind völlig überfüllt. Auch rund die Hälfte der Menschen ist auf Nahrungsmittelverteilung von Hilfsorganisationen angewiesen.

Wir wissen, dass der Zugang zu medizinischer Versorgung extrem eingeschränkt ist und ungefähr 65 Prozent der Kinder nicht zur Schule gehen können, sondern zum Familieneinkommen beitragen.

DOMRADIO.DE: Was droht den Menschen in der Region, wenn es zu der Offensive der Assad-Truppen kommt?

Voss: Wir müssen leider damit rechnen, dass es massive Angriffe gibt. Auch gezielte Angriffe gegen Schulen und Krankenhäusern, wie wir sie auch bisher schon gesehen haben. Die Angst vor Fassbomben oder Giftgasanschlägen ist groß. Es kommt auf jeden Fall zu neuen Vertreibungen. Damit kommt es auch zu einer Re-Traumatisierung derjenigen, die bereits geflohen sind und alles verloren haben.

Wir befinden uns jetzt im achten Jahr des Krieges, das heißt die meisten haben überhaupt keine finanziellen Ressourcen mehr, um irgendetwas auffangen zu können. Dazu kommt der erschwerte Zugang zu Nahrungsmittel, zu sauberem Wasser und zu medizinischer Versorgung – zu allem, was lebensnotwendig ist. Der Winter steht kurz bevor, es kann also sehr, sehr kalt werden in der Region. All das wird eine Rolle spielen.

DOMRADIO.DE: Jetzt ist in der Diskussion, ob sich die Bundeswehr an einem militärischen Vergeltungsschlag beteiligen sollte. Bringen solche Debatten weiter?

Voss: Nein, ich glaube diese Debatten helfen nicht wirklich. Sie tragen nicht zu einer Deeskalation der Lage bei. Wir als humanitäres Hilfswerk, als Diakonie-Katastrophenhilfe, können zu der Debatte auch nicht viel beisteuern. Diese Entscheidung müssen die deutschen Politiker treffen. Aber wir können nur immer wieder appellieren, dass das, was wir brauchen, eine tragfähige politische Lösung ist. Und vor allem jetzt ganz konkret eine Waffenruhe.

DOMRADIO.DE: Ihre Präsidentin Cornelia Füllkrug-Weitzel hat diese Waffenruhe auch ganz offiziell gefordert. Sie hat gesagt die Kampfhandlungen in der Provinz Idlib müssen eingestellt werden. Nur wie soll es gehen?

Voss: Ja, es ist eine große Herausforderung. Eine Möglichkeit wäre, dass die Türkei ihre Verbindungen zu einigen der Kampftruppen nutzt. Es wird versucht zwischen dem Al-Qaida-Ableger HTS und anderen Kampfverbänden zu unterscheiden, was aber nicht immer ganz einfach ist. Die haben gute Beziehung zur Türkei. Möglich wäre vielleicht, dass die Türkei diese Verbindungen nutzt und darauf einwirkt, dass diese Rebellen abziehen und quasi das Feld räumen. Aber das wird definitiv nicht so einfach werden.

Das Gespräch führte Tobias Fricke.

(DR)

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