Bundeskanzlerin besucht Altenheim in Paderborn
Bundeskanzlerin besucht Altenheim in Paderborn
Ferdi Cebi, Pfleger (l-r), Bundeskanzlerin Angela Merkel und Martin Wolf, Vorstand vom St. Johannisstift
Ferdi Cebi, Pfleger (l-r), Bundeskanzlerin Angela Merkel und Martin Wolf, Vorstand vom St. Johannisstift
Altenpfleger Ferdi Cebi
Altenpfleger Ferdi Cebi

16.07.2018

Angela Merkel zu Besuch in Paderborner Pflegeheim "Gute Pflege braucht Geld"

Dass Angela Merkel beruflich Menschen beim Essen hilft, kommt wohl nicht besonders oft vor - an diesem Montag aber schon. Die Kanzlerin besuchte das Paderborner Pflegeheim St. Johannisstift und packte auch selbst mit an.

"Ich begebe mich in vertrauensvolle Hände", sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und schaut lächelnd zu Ferdi Cebi. Sie in sommerlichem Grün, er in weißem Pfleger-Dress. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg in die Altenhilfe des Paderborner St.

Johannisstifts, wo Cebi arbeitet. Von den Balkonen aus rufen Bewohner und deren Verwandte aufgeregt "Frau Merkel, hallo, Frau Merkel!" und winken. Die Kanzlerin winkt zurück.

Der Besuch - Ein Versprechen aus dem Wahlkampf

Die Begrüßung auf dem Gelände der evangelischen Einrichtung fällt damit deutlich herzlicher aus als jene davor: Gut 20 AfD-Anhänger haben sich auf der Straße aufgebaut und skandieren "Merkel muss gehen". Gegendemonstranten versuchen, die Protestierenden zu übertönen.

Den Besuch hatte Merkel Cebi bereits im vergangenen Jahr in einer TV-Sendung während des Wahlkampfs versprochen, um sich ein Bild vom Alltag im Pflegeberuf zu machen. Es habe ein wenig gedauert, dieses Versprechen umzusetzen, räumt die Kanzlerin ein. Jetzt ist sie also da - und packt sogar selbst mit an. Sie hilft, einer älteren Dame das Essen anzureichen und sucht das direkte Gespräch mit den Menschen. Das habe ihn überrascht, aber auch gefreut, berichtet Cebi später.

"Ein schöner Rücken kann auch entzücken."

Beim anschließenden gemeinsamen Kaffeetrinken mit den Heimbewohnern bleibt kein Platz frei. Applaus brandet auf, als Merkel den Raum betritt. Gut 40 Senioren sitzen in Grüppchen zusammen, vor ihnen stehen Kaffee und Streuselkuchen. Kanzlerin Merkel macht die Runde.

Allen die Hand zu schütteln würde zu lange dauern, erklärt sie, und klopft stattdessen überall einmal auf den Tisch, um dann doch noch hier und da Zeit für einen kurzen Austausch zu finden. Dabei hatte sie zuvor noch gescherzt, dass sie es vermutlich nicht schaffen werde, mit jedem persönlich zu sprechen. Da gelte der Grundsatz: "Ein schöner Rücken kann auch entzücken."

"Gute Pflege braucht Geld."

Doch zum Kaffee gibt es mehr als nur unverbindlichen Small-Talk. Martin Wolf, Sprecher der Stiftung St. Johannisstift, redet Tacheles: "Gute Pflege braucht Geld." Er kritisiert, dass die Pflegekassen zu wenig der Kosten übernähmen. Auch Cebi meldet sich zu Wort. Als Rapper Idref, in dessen Songs es oft auch um das Thema Pflege geht. Als er die Zuhörer auffordert, die Arme zu heben, macht auch die Kanzlerin mit. "Pflege ist mehr als Waschen, wenn Du dabei ihre Seele berührst", rappt Cebi und fügt hinterher bedauernd hinzu, dass die Pflege ein zu schlechtes Image habe. Es gehe um mehr, als den Menschen hinterherzuräumen und ihnen einen Mindestmaß an Sauberkeit und medizinischer Betreuung zu bieten.

Unverständnis bei der Kanzlerin

Es seien gerade die zwischenmenschlichen Kontakte, die ihm in seinem Beruf besonders viel bedeuteten, betont Cebi. Merkel geht darauf ein: Die Pflegeberufe müssten attraktiver werden.

"Aber Werbung und Attraktivität helfen nicht, wenn es keine gute Bezahlung gibt, wenn es keine gute Ausbildung gibt und wenn es keine vernünftigen Arbeitszeiten gibt." Sie sehe keinen Grund, weshalb jemand, der Menschen pflegt, nicht genauso viel - "wenn nicht sogar ein wenig mehr" - verdienen solle als jemand, der in einer Bank arbeite oder Maschinen bediene, so die Kanzlerin.

"Konzertierte Aktion Pflege"

Merkel verweist in diesem Zusammenhang auf die neu gestartete "Konzertierte Aktion Pflege" der drei Bundesministerien für Familie, Gesundheit und Arbeit. Ziel sei es, in ganz Deutschland vergleichbare Standards zu haben. Dabei stehe die gesamte Regierung in der Verantwortung und nicht nur die drei an der Aktion direkt beteiligten Ministerien.

Pflege nennt Merkel angesichts des demographischen Wandels in Deutschland eine Zukunftsaufgabe, der sie sich in ihrem Amt als Kanzlerin weiter stellen wolle. In der Altenhilfe des St. Johannisstifts findet sie mit diesen Worten Zustimmung. Von den AfD-Anhängern vor dem Pflegeheim ist inzwischen nichts mehr zu hören.

(KNA)

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