Paris auf der Landkarte
Kann Macrons politischer Kurs Europa verändern?
Staatspräsident Emmanuel Macron
Emmanuel Macron
Michael Kuhn, COMECE
Michael Kuhn, COMECE

09.05.2018 - 00:00

COMECE-Stellvertreter zu Macrons Kurs und Europas Zukunft Auf einer Linie mit dem Papst

Emmanuel Macron wird am Donnerstag der Karlspreis für sein mutiges Vordenken verliehen. "Europa braucht wieder eine Vision", sagt Michael Kuhn von der COMECE und erklärt, wie Macrons Politik und die kirchliche Soziallehre dazu beitragen. 

DOMRADIO.DE: Sie sind gerade in Köln zu Gast – waren gestern Abend Teilnehmer bei einer Diskussionsrunde hier im Domforum. Der Titel lautete: "Wohin steuert Europa? Macrons Initiative – Deutsche Reaktionen". Wohin steuert denn Europa mit diesem französischen Präsidenten?

Michael Kuhn (stellvertretender Generalsekretär der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft COMECE): Das ist eine gute Frage. Auf jeden Fall kann Europa nicht so bleiben, wie es ist. Ich glaube, dass Emmanuel Macron bei allen Fragen, die seinen Kurs umgeben, trotzdem einen neuen Aufbruch gewagt hat.

DOMRADIO.DE: Vor zwei Jahren wurde Papst Franziskus mit dem Karlspreis ausgezeichnet für sein Pontifikat für Frieden und Verständigung. Kann da Emmanuel Macron mithalten?

Kuhn: Ich glaube, bei der Preisverleihung für Emmanuel Macron ist es ein bisschen so wie bei der Nobelpreisverleihung für Barack Obama: Es ist mehr ein Versprechen in die Zukunft hin als die Ehrung für etwas, was er schon getan hat.

DOMRADIO.DE: Macron erneuert Europa, wird aber in Frankreich für seine Sozialpolitik scharf kritisiert. Auf der einen Seite erneuern, auf der anderen spalten – schließt sich das nicht aus?

Kuhn: An dieses Versprechen ist geknüpft, dass Europa wieder ein Ziel, eine Vision braucht. Ich denke, wir sind in Europa der Technik verhaftet. Was uns ein bisschen verloren gegangen ist, ist die Frage: Wo wollen wir mit diesem Europa hin? Emmanuel Macron mit seinen Reden in Athen und an der Sorbonne hat gezeigt, wo Europa hingehen könnte, ohne dass er das schon ins Konkrete hat umsetzen können.  

Wenn wir den Wahlkampf nehmen und letztlich das Ergebnis der Wahl, das ihn zum Präsidenten gemacht hat, dann ist klar, dass es einen Riss in der französischen Gesellschaft gibt. Emmanuel Macron versucht zu vermitteln, dass wir in Europa eine soziale Säule brauchen.

Auf der anderen Seite sind die Strukturen in Frankreich verkrustet. Das heißt, damit Europa sich bewegen kann, muss sich auch Frankreich bewegen. Diese Verbindung, die Macron macht – auf der einen Seite, Europa mehr ins Soziale zu bewegen und auf der anderen Seite gleichzeitig die über Jahrzehnte verfestigten Strukturen Frankreichs aufzubrechen – bildet eine Spannung. Diese beiden Dinge, die zusammengehören sind vielleicht für uns paradox, aber ich denke, es ist durchaus notwendig, was er hier tut.

DOMRADIO.DE: Häufig sind Menschen, die alte Strukturen aufbrechen, nicht gerade beliebt oder? 

Kuhn: Richtig, Macron ist nicht gerade beliebt – vor allem, wenn die alten Strukturen für die Menschen sehr komfortabel sind – und er sagt: Wir müssen uns verändern, wenn wir in Zukunft bestehen wollen.

DOMRADIO.DE: Was sagen die Kirchen zu Macrons Sozialpolitik?

Kuhn: Da ist zuerst einmal festzustellen, dass Macron interessanterweise einen großen Schritt auf die Kirchen zugegangen ist. Am 9. April hat in Paris ein Treffen stattgefunden zwischen Macron, der Bischofskonferenz und katholischen Intellektuellen. Da hat er klar gemacht, dass Frankreich die Katholiken und ihr Engagement in den verschiedensten Bereichen – auch im sozialen Engagement – braucht. Außerdem sagte er, dass die bisherige, ich nenne sie mal laizistische Ideologie in Frankreich falsch gewesen ist; dass man stattdessen alle Menschen einbeziehen müsse. Macron erkennt auch das Engagement der Katholiken im sozialen Bereich und möchte dem Geltung verschaffen.

Auf der anderen Seite haben sich die Bischöfe zu diesen Fragen noch nicht klar geäußert. Im Bereich der Migrationspolitik hat Macron in seiner Rede vor den Bischöfen klar gemacht, dass die Linie, die Papst Franziskus vorgibt, auch für ihn eine Linie ist: Wir müssen diejenigen, die zu uns kommen, aufnehmen, aber auch mit Maß und Klugheit vorgehen. Er versucht eine Balance zu erreichen, die auch die französischen Bischöfe vorgeben. 

DOMRADIO.DE: Und dafür bekommt er morgen den Karrlspreis verliehen. Als Denkanstoß für die Zukunft – kann man das so nennen?

Kuhn: Ich würde sagen als Denkanstoß für die Zukunft und natürlich in gewisser Weise auch als Aufforderung, das, was er entworfen hat, auch schrittweise mit seinen europäischen Partnern umzusetzen. 

(DR)

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