16.03.2018

Islam-Experte kritisiert Aussage von Horst Seehofer "Ich finde es unerträglich"

Der neue Innenminister Horst Seehofer ist der Meinung, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Mit so einer Aussage werde Politik auf dem Rücken einer Minderheit gemacht, findet der Islam-Experte im Erzbistum Köln, Thomas Lemmen.

DOMRADIO.DE: Wie finden Sie diese Äußerung?

Thomas Lemmen (Referat Dialog und Verkündigung des Erzbistums Köln): Ich finde es unerträglich, dass wieder auf dem Rücken einer Minderheit Politik gemacht wird, und zwar eine Politik, bei der Seehofer und Erdogan einer Meinung sind.

DOMRADIO.DE: Nun fügt Seehofer in dem Interview an, die Muslime gehören selbstverständlich zu Deutschland. Finden Sie diese Unterscheidung nicht diskutierenswert?

Lemmen: Das Grundgesetz und die Landesverfassungen sprechen überhaupt nicht von einzelnen Religionen, sondern sie garantieren die Religionsfreiheit, die Ausübung des Bekenntnisses, und da wird nicht zwischen der einen oder anderen Religion differenziert. Und von daher ist diese Aussage vor dem Hintergrund des Grundgesetzes vollkommen überflüssig.

DOMRADIO.DE: Es ist ja auch ein bisschen komisch zu sagen, die Muslime wollen wir, aber den Islam nicht...

Lemmen: Muslime sind ja nicht erst seit 20 oder 30 Jahren in Deutschland, sondern die Geschichte des Islam reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Da gab es die ersten Spuren islamischer Gemeinden und es gab ja nun auch durch die ganze Geschichte hindurch immer wieder wechselseitige Kontakte. Und ich denke, das kann man nicht einfach so trennen. Hier wir und dort die anderen. Sondern wir leben in einer globalen Welt, in der die Beziehungen zueinander Teil unserer Realität sind.

DOMRADIO.DE: Seehofer sagt weiterhin: Wir sollten nicht aus falscher Rücksichtnahme auf unsere landestypischen Gebräuche und Traditionen verzichten. Sehen Sie dafür Anzeichen?

Lemmen: Man muss ja umgekehrt sagen, dort, wo jetzt christliche Werte zur Disposition stehen, sind Muslime und Vertreter anderer Religionen unsere Unterstützer und Verbündeten.

DOMRADIO.DE: Zum Beispiel?

Lemmen: Als es um die Abschaffung christliche Feiertage ging, also darum ging, nicht mehr von St. Martin oder Nikolaus zu sprechen, haben die Muslime gesagt: "Moment mal. Darin sehen wir keine Gefahr, sondern im Gegenteil. Diese Werte, die diese Feste vertreten, die können wir gut unterstützen.' Also da sehe ich überhaupt keine Anzeichen für.  

DOMRADIO.DE: Gestern erst haben Vertreter der Muslime in Deutschland eine mangelnde Solidarität in Deutschland beklagt, nachdem es mehrere Anschläge auf Moscheen in Deutschland und eine Morddrohung gegen den Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime gegeben hatte. Heute nun diese Äußerung. Welche Wirkung haben solche Worte?

Lemmen: Ich befürchte, dass diese Äußerung all denen recht gibt, die sagen "Der Islam gehört nicht zu Deutschland", die sich mit der islamischen Präsenz in unserem Land und mit den Muslimen nicht anfreunden können und dann in solchen Aussagen auch noch mal eine Rechtfertigung für ihre Haltungen oder für ihre Parolen finden. Von daher war das  – meines Erachtens – in der jetzigen Zeit das falsche Signal.

DOMRADIO.DE: Ist das Fischen am rechten Rand?

Lemmen: Das mag so sein. Gut, jetzt muss man sagen, dass CSU-Politiker oder auch verschiedene andere Innenminister diese Position immer schon vertreten haben. Das ist nichts Neues. Aber es hilft nichts. Es gibt denen Recht, die das genauso sehen.

DOMRADIO.DE: Warum führt eigentlich der Satz "Der Islam gehört zu Deutschland" auch acht Jahre nachdem er gesagt wurde, immer noch zu so erbitterten Kontroversen, obwohl fast zwei Millionen Türken hier leben? Was sagt das aus über unsere Gesellschaft?

Lemmen: Das sagt aus, dass wir in diesem Prozess der Integration des Islams und der Integration von Muslimen noch nicht ans Ende gekommen sind, sondern noch immer darin stecken.

DOMRADIO.DE: Manche würden jetzt argumentieren "von beiden Seiten"?

Lemmen: Es ist ja tatsächlich auch so, dass es Muslime wie Nichtmuslime gibt, die sagen "Wir gehören hier nicht hin". Aber die große Mehrheit der Muslime in Deutschland – davon bin ich überzeugt – ist hier angekommen, lebt hier und hat seine Heimat hier, wenngleich sie auch noch anderswo Familie oder Beziehungen in der Heimat haben. Diese Debatte ist also eigentlich überflüssig. Man sollte stattdessen schauen, wie man tatsächlich die Fragen des Zusammenlebens konstruktiv lösen und klären kann, anstatt durch solche Parolen im Grunde für unnötige Aufregung zu sorgen.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

Sommer-Gewinnspiel

Ab dem 15. Juli wochentäglich: unser multimediales Sommer-Gewinnspiel. Kirchengeräusch anhören, erraten und gewinnen!

Im Video: Täglicher Gottesdienst

Sehen Sie hier den täglichen Gottesdienst aus dem Kölner Dom. An Werktagen ab 9 Uhr, an Sonn- und Feiertagen ab 12 Uhr in der Mediathek.

Der gute Draht nach oben!

Tageskalender

Radioprogramm

  • Tageskalender
  • 23.08.
06:30 - 10:00 Uhr

DOMRADIO Der Morgen

  • In Hoffnung auf Beistand von oben: FC-Andacht vor erstem Heimspiel
  • Wochenkommentar des Chefredakteurs: Urteil Kardinal Pell
  • Superbilk - Ferienfreizeit für Kids in Düsseldorf
10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Neuss steht Kopf – Eine Millionen Besucher zu Schützenfest erwartet
  • #PrayforAmazonas – Adveniat zu dramatischen Waldbränden in Brasilien
  • „Religions for Peace“ – Konferenz am Bodensee geht zu Ende
10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Neuss steht Kopf – Eine Millionen Besucher zu Schützenfest erwartet
  • #PrayforAmazonas – Adveniat zu dramatischen Waldbränden in Brasilien
  • „Religions for Peace“ – Konferenz am Bodensee geht zu Ende
15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Betend in die neue Saison – FC-Andacht heute im Kölner Dom
  • Margot Käßmann – Berufung in den World Council von "Religions for Peace"
  • Ausflug in Amsterdamer Geheimkirche
15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Betend in die neue Saison – FC-Andacht heute im Kölner Dom
  • Margot Käßmann – Berufung in den World Council von "Religions for Peace"
  • Ausflug in Amsterdamer Geheimkirche
19:00 - 22:00 Uhr

DOMRADIO Der Abend

  • Margot Käßmann – Berufung in den World Council von "Religions for Peace"
  • „Religions for Peace“ – Konferenz am Bodensee geht zu Ende
  • #PrayforAmazonas – Adveniat zu dramatischen Waldbränden in Brasilien
  • Neuss steht Kopf – Eine Millionen Besucher zu Schützenfest erwartet
22:00 - 22:30 Uhr

DOMRADIO Nachtgebet

Heutiges Evangelium:
In dieser Woche zu Gast:
In dieser Woche zu Gast:

DOMRADIO.DE auch auf Alexa

Gottesdienste, Nachrichten und das Evangelium – jetzt täglich auch auf Ihrem Echo und Echo Show!

Wort des Bischofs

Der geistliche Impuls von Kardinal Woelki. Jeden Sonntag neu.

Wochenkommentar

Der DOMRADIO.DE Chefredakteur blickt auf die Woche.

Kostenlose Radio-App für iPhone und Android

Nehmen Sie Ihr DOMRADIO.DE mit wohin Sie wollen und wann immer Sie Lust haben. Funktionen: Nachrichten, Podcasts, Mediathek, Wecker, Sleep-Timer, Bluetooth, Chromecast, AirPlay, CarPlay, Android Wear…

Der tägliche Impuls von Weihbischof Puff

Morgenimpuls mit Schwester Katharina

Schwester Katharina Hartleib aus Olpe begleitet Sie mit spirituellen Impulsen in den Tag. (Achtung: Sommerpause ab 1. Juli)