Luftballons mit dem Portrait von Deniz Yücel
Luftballons mit dem Portrait von Deniz Yücel
Der Türkei-Korrespondent der "Welt", Deniz Yücel
Der Türkei-Korrespondent der "Welt", Deniz Yücel

16.02.2018

Flörsheimer Pfarrer erleichtert über Freilassung von Deniz Yücel Vorsichtiges Aufatmen in der Heimatstadt

Die Verhaftung von Deniz Yücel hatte die deutsch-türkischen Beziehungen in eine schwere Krise gestürzt. Jetzt legt die Justiz eine Anklageschrift vor und lässt Yücel frei. Der katholische Pfarrer seiner Heimatstadt Flörsheim ist erleichtert.

DOMRADIO.DE: Wie groß ist denn in Ihrer Gemeinde die Erleichterung über die angekündigte Freilassung des "Welt"-Korrespondenten Deniz Yücel?

Sascha Jung (Katholischer Pfarrer von Flörsheim): Die Erleichterung ist spürbar da. Wobei natürlich alle auch hoffen, dass Deniz Yücel ganz schnell ausreisen kann und nach Deutschland zurückkehren wird, um in seiner Geburtsstadt Flörsheim sein zu können. Erst dann stellt sich ein Gefühl der endgültigen Sicherheit ein.

Im Moment ist noch vieles unklar. Darf er überhaupt ausreisen? Wie werden die konkreten Bedingungen von der Türkei formuliert werden, die mit seiner Freilassung verbunden sind? Das sind noch so viele Fragezeichen, auf deren Klärung wir bald hoffen. Grundsätzlich ist das Zeichen, dass jetzt mit seiner Freilassung gesetzt ist, für alle, die sich hier über ein Jahr lang engagiert haben, ein großartiges Gefühl und ein Moment der Erleichterung.

DOMRADIO.DE: Nun war Deniz Yücel ja nicht Mitglied der katholischen Gemeinde von Flörsheim. Trotzdem haben Sie sich oft an den Mahnwachen beteiligt. Warum?  

Jung: Die Flörsheimer stehen zusammen – auch fernab jeder Frage von Religion und Konfession. Wenn es um etwas geht, dann wird gemeinsam für eine Sache eingestanden. Dieser Akt der Solidarität war eben auch bei Deniz Yücel ganz schnell zu spüren gewesen. Viele aus meiner katholischen Gemeinde kennen die Familie persönlich, weil man Kontakt hat. Es gibt in Flörsheim einen deutsch-türkischen Freundeskreis - von städtischer Seite organisiert - weil wir auch eine Partnerstadt in der Türkei haben. Über diesen Kreis hinweg kam der Akt der Solidarität für die Mahnwachen.

Für mich war es eine ganz klare Sache, mich solidarisch mit einem Mitbürger zu zeigen – auch mit den Menschen aus meiner Gemeinde, denen auf der Seele brannte, dass jemand in der Türkei unter diesen Unrechtsstrukturen leidet und Opfer der Willkür der Justiz geworden ist.

DOMRADIO.DE: Sie kennen die Familie von Deniz Yücel und haben die Schwester bei der letzten Mahnwache am Aschermittwoch noch getroffen. Hat sie immer daran geglaubt, dass er wieder frei kommt?

Jung: So, wie sie aufgetreten ist und wie sie gesprochen hat, war da eine große Hoffnung, dass ihr Bruder frei kommen wird. Unser Bürgermeister Michael Antenbrink, der quasi auch Initiator dieser Mahnwachen gewesen ist, hat immer am Ende gesagt, dass man hoffe, sich in vier Wochen nicht wieder treffen zu müssen. Das hat er auch am Aschermittwoch gesagt. Es ist immer in unterschiedlichen Stufen die Hoffnung auf Freilassung zum Ausdruck gebracht worden.

Als Deniz im September aus der Isolationshaft freigelassen wurde, war das ein kleines positives Zeichen. Das waren immer vorsichtige Schritte, die uns in der Hoffnung immer haben stärker werden lassen. Aber gerade am Mittwoch hatten wir zum einen den Jahrestag der Verhaftung, die Mahnwache hier in Flörsheim und am Abend die Pressemitteilungen über das Treffen der Kanzlerin mit dem türkischen Ministerpräsidenten Yildirim. Da war natürlich auch wieder Ernüchterung zu spüren, weil wir uns deutlichere Zeichen gewünscht haben.

Es gab immer auch ein Auf und Ab beim Hoffen. Aber die Familie war betont kämpferisch und hat uns damit auch ein bisschen motiviert, die Hoffnung nicht zu schnell fallen zu lassen.

DOMRADIO.DE: Flörsheim ist ein 20.000-Seelen-Städtchen in der Nähe von Mainz, da kennt man sich vermutlich gut. War die Verhaftung von Deniz Yücel oft ein Thema?  

Jung: Ja, von Anfang an war das ein Thema. Man hat das natürlich aus der Presse verfolgt, was in der Türkei nach dem Putsch gelaufen ist. Plötzlich war das aber ganz nah, weil jetzt einer betroffen war, den man kannte oder dessen Familie hier lebt. Dann war das ganz oft Thema bei öffentlichen Diskussionen, aber auch im privaten Raum.

Das wurde aber zweigespalten diskutiert. Auf der einen Seite hat man mitgelitten und gehofft, dass er frei kommt. Auf der anderen Seite hat man auf seine Berichterstattung aber auch etwas kritischer geschaut. Dabei hat man festgestellt, dass er sich nicht nur mit dem PKK-Führer getroffen hat, was ihn unter Terrorverdacht brachte. Er hatte sich auch gegenüber Deutschland kritisch geäußert. Die Frage war, wie man damit umgehen soll? Daran schloss sich die weitere Frage an, inwieweit eine Solidaritätsaktion in diesem Fall gerechtfertigt ist. Das wurde schon auf verschiedenen Ebenen in Flörsheim heiß diskutiert.

Aber am Ende konnte man gut über die eigenen kritischen Punkte ihm gegenüber hinwegsehen und konnte sagen: Dass er nun in Haft ist, ist nicht in Ordnung; da muss man Zeichen setzen. Dies war in der Öffentlichkeit ganz oft der Fall – auch an Fastnacht, was in Flörsheim ein ganz großes Thema ist. Der Fall Yücel war bereits in der Kampagne im vergangenen Jahr ein Thema, aber auch in diesem Jahr durch die Einblendungen seines Gesichts mit der Forderung, ihn sobald wie möglich frei zu lassen.

Das Interview führte Silvia Ochlast.

(DR)

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