Wohin steuert die Türkei?
Wohin steuert die Türkei?

14.09.2017

Viele Türken glauben an Verschwörung gegen ihr Land Angst vor finsteren Mächten gewachsen

Juden, Freimaurer, der Westen oder die Finanzkonzerne - sie alle bevölkern die Verschwörungsfantasien vieler Türken. Derlei Bedrohungsängste haben Tradition im Land. Auch unter seinen führenden Repräsentanten.

Die Erde ist doch keine Scheibe. Das räumte Tolgay Demir, stellvertretender Vorsitzender der AKP-Jugendorganisation in Istanbul, schließlich ein. Noch am 1. September hatte er auf der Partei-Website einen Artikel veröffentlicht, der ernsthaft argumentierte, die Erde sei flach. Freimaurer hätten die Welt mit ihrer Theorie vom runden Planeten zum Narren gehalten und die Menschen zu Sklaven eines kapitalistischen Systems gemacht.

Verschwörungstheorien florieren in der Türkei, nicht erst seit Erdogan. Die Weltsicht, wonach ständig geheime - meist vom Ausland gesteuerte - Mächte in der Türkei ihre finsteren Machenschaften betreiben, um die Nation zu schwächen, sind auch in linken und kemalistischen Kreisen weit verbreitet: Zionisten, Kapitalisten, Freimaurer, die CIA, Angela Merkel, Kurden oder der russische Geheimdienst - sie alle arbeiten beständig an der Schwächung der türkischen Nation.

Verschwörungstherorien haben Ursprung im Osmanischen Reich

Ihren Ursprung haben diese Theorien zum einen in der Endphase des Osmanischen Reiches und der Neugründung der Türkei, als sich das Land einer Vielzahl von Feinden gegenübersah, und in der später rasant einsetzenden Urbanisierung, die viele Menschen aus ihrem überschaubaren Dorfkontext riss und in anonyme Städte warf. So hatte Istanbul noch in den 1950er Jahren eine Million Einwohner, heute sind es rund 16 Millionen. Viele davon haben kaum eine Bildung und sind empfänglich für krude Schuldzuweisungen.

Gerade in den vergangenen Jahren werden Verschwörungstheorien auch von hochstehenden Politikern verbreitet. So wiederholte Melih Gökcek, langjähriger Bürgermeister von Ankara, erst im Juli wieder seine These, wonach ausländische Mächte - in erster Linie die CIA - hinter dem Erdbeben in der Ägäis stecken. Ziel sei es, die türkische Wirtschaft zu schwächen.

Putschversuch 2016 befeuerte Verschwörungstheorien

Auch die Theorie, wonach Deutschland den Bau des neuen Flughafens verhindern will, weil dieser angeblich das Drehkreuz Frankfurt schwächt, erfreut sich großer Beliebtheit. Befeuert wurden viele Verschwörungstheorien durch den Putschversuch vom 16. Juli 2016. Während manche Linke der Meinung sind, der Putsch sei inszeniert gewesen, vermuten Erdogan-Anhänger, die Gülen-Bewegung habe von Amerika oder Deutschland aus die Strippen gezogen. Demnach steckten auch hinter den Gezi-Protesten 2013 Gülen-Anhänger und ausländische Mächte.

Auch Erdogan ist Verschwörungsthesen zugetan

Auch Präsident Erdogan ist pseudowissenschaftlichen Thesen zugetan. Er widerspricht hartnäckig der ökonomischen Tatsache, dass hohe Zentralbankzinsen notwendig sind, um die Inflation einzudämmen. Seiner Meinung nach führen niedrige Zinsen zu mehr Wirtschaftswachstum und somit auch zu geringeren Preissteigerungen. Er sieht eine "internationale Zinslobby" am Werk, die die Inflation in der Türkei auf zwölf Prozent gesteigert habe.

Ein ehemaliger Zentralbank-Gouverneur sagte dazu, dies würde bedeuten, "die ökonomische Literatur der vergangenen 350 bis 400 Jahre zu ignorieren". All dies könnte man als spinnertes Rauschen einer sonst durchaus rationalen Gesellschaft abtun. Auch die türkische Zentralbank ist formal unabhängig, und hat sich bisher dem Drängen des Staatsoberhauptes widersetzen können.

Hang ins Irrationale heftige Konsequenzen

Leider hat der Hang ins Irrationale aber auch handfeste Konsequenzen. So wurde zum Beispiel die Evolutionstheorie dieses Jahr aus den Lehrplänen gestrichen und soll ab 2019 nicht mehr unterrichtet werden. Dafür hatte sich der Präsident persönlich ausgesprochen. Weiter verschärft werden dürften diese Tendenzen durch die Entlassung und Inhaftierung Tausender Professoren und Journalisten. Nicht zuletzt findet seit dem fehlgeschlagenen Putsch vom vergangenen Jahr und den darauffolgenden "Säuberungen" ein Brain-Drain statt. Viele junge, säkulare und gut ausgebildete Türken verlassen das Land.

Und schließlich beschädigen die Verschwörungstheorien das Vertrauen der Türken untereinander. So rangiert das Land auf Skalen, die das zwischenmenschliche Vertrauen messen, auf einem der Schlussplätze. Trotzdem gibt es in der Türkei, auch in der Regierungspartei AKP, noch viele rational denkende Menschen, sodass sich "Flat Earther" Demir schnell zum Gespött der sozialen Medien machte. Schließlich wurde der Artikel gelöscht. Demir sagt heute, er habe die Theorie lediglich für "interessant" gehalten.

Philipp Mattheis
(KNA)

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