Mauerfall in Berlin
Mauerfall in Berlin: Wie steht es um die Deutsche Einheit heute?
Iris Gleicke präsentiert den Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit
Iris Gleicke präsentiert den Jahresbericht zur Deutschen Einheit

07.09.2017

Dresdner Akademiedirektor zum Jahresbericht der Deutschen Einheit 2017 "Kirche an anderen Orten erleben"

Die Bundesregierung hat ihren Jahresbericht zur Deutschen Einheit 2017 vorgelegt. Es bestünden aber weiterhin große Unterschiede zwischen west- und ostdeutscher Kirche, resümiert der Direktor der Katholischen Akademie Dresden im Interview.

domradio.de: Wir sprechen immer noch von der Diaspora Ostdeutschland. Trifft das nach wie vor zu?

Thomas Arnold (Direktor der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen): In weiten Teilen natürlich ja. Wenn ich auf das Bistum Dresden-Meißen schaue, dann sind 3,5 Prozent der Bevölkerung katholisch. Über 80 Prozent sind nicht getauft. Wir sind daher nicht nur in einer Diaspora von Protestanten, sondern auch in einer Diaspora gegenüber einer Bevölkerung, die nichts von Gott gehört hat. Und das schon über Generationen hinweg. Die große Herausforderung ist, Gott wieder in ein gesellschaftliches Gespräch zu bringen. Ebenso ist es wichtig hinzuschauen, wie wir die Gesellschaft mit unserem Glauben bereichern können.

domradio.de: Seit letztem Jahr haben sie einen "Wessi" als Bischof im Bistum Dresden-Meißen: Bischof Heinrich Timmerevers. Wie hat er sich im Osten eingelebt?

Arnold: Es ist ja nicht der erste "Wessi" in unserem Bistum. Heiner Koch kam aus Köln, ich erinnere auch an Bischof Spülbeck aus Aachen. Kürzlich ist ein Buch erschienen mit Predigten und Ansprachen aus dem ersten Jahr von Bischof Heinrich Timmerevers. Darin wird deutlich, dass er ein hörender Bischof ist. In Gedenken an den 13. Februar 1945, an dem die größten Luftangriffe auf Dresden begannen, hat der Bischof in diesem Jahr den Menschen wirklich zugehört. Es geht an dem Tag immer um Schuldfragen und Erinnerungskultur. Bischof Timmerevers hat auf die Menschen zugehende Worte gefunden. Ich erlebe ihn insgesamt als Zuhörer. 

domradio.de: Wie steht es mit der Einheit zwischen west- und ostdeutscher Kirche?

Arnold: Wir sind uns in vielen Dingen, sowohl kirchlich als auch theologisch, sehr nah und doch fern. Bei uns im Osten ist das Volkskirchentum nicht so vertraut, Vereine konnten sich zum Beispiel in der DDR-Zeit nicht etablieren. Es ist daher eine andere Kirche. Wir sind aus finanzieller Perspektive auch auf die westdeutschen Bistümer angewiesen. Trotzdem gibt es hier einen großen Reichtum: den eigenen Glauben zu bezeugen und in eine Sprache zu übersetzen, die eine missionarische Dimension hat. 

domradio.de: Wir kennen hier im Erzbistum Köln ja nur die westdeutsche Sicht auf die Einheit. Wie sieht man den Weg zur Einheit im Osten? 

Arnold: Wir müssen über 1990 hinausdenken. Die DDR hat nicht mit dem Mauerfall 1989 geendet. Die Transformationsprozesse der letzten 27 Jahre müssen mit in den gesellschaftlichen Dialog eingebracht werden. Der Geschichtsunterricht in den meisten Schulen kann zum Beispiel nicht im Jahr 1945 aufhören. 

domradio.de: Was muss noch passieren, damit es keinen Unterschied mehr zwischen Ost oder West macht?

Arnold: Es darf immer Unterschiede geben. Zwischen Nord und Süd zum Beispiel, vereinzelt in anderen Regionen gibt es diese auch. Es braucht einen guten Austausch miteinander, das Wissen voneinander und eine Wertschätzung um die verschiedenen Narrativen, die unsere Gesellschaft geprägt haben. Ich denke, dann kommen wir gut zusammen und können Vorurteile abbauen. Vorurteile habe ich in den letzten Jahren stark erlebt, die mit Fakten nicht wirklich belegbar sind. 

domradio.de: Was könnte man Ihrer Meinung machen, um die Vorurteile abzulegen?

Arnold: Umeinander wissen, den Menschen zuhören, nicht alles glauben. Im kirchlichen Bezug natürlich anschauen, wie Kirche an anderen Orten gelebt wird.

Das Gespräch führte Milena Furman.

(dr)

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