Flüchtlingsunterkunft in Pfarrei
Flüchtlingsunterkunft in Pfarrei
Eine geöffnete Kirchentür symbolisiert Kirchenasyl
Eine geöffnete Kirchentür symbolisiert Kirchenasyl

21.02.2017

Kirchenasyl gibt Flüchtlingen neue Hoffnung Die letzte Chance

Viele Christen engagieren sich in der Flüchtlingshilfe. Manchmal bleibt Flüchtlingen als letzte Hoffnung nur das Kirchenasyl. Es ist eine schwierige Gratwanderung. Und immer mehr Menschen nutzen das Kirchenasyl.

Am Ende ist er nur noch verzweifelt. Rund drei Monate braucht Ahmad Nuri, um aus seiner Heimat im Norden Afghanistans nach Berlin zu gelangen. Doch das Glücksgefühl, es nach einer Odyssee durch zig Staaten und über das Mittelmeer endlich geschafft zu haben, weicht schnell einem Schockzustand. Weil die ungarische Polizei von ihm Fingerabdrücke nahm und dies als Asylantrag gilt, soll er Deutschland binnen 25 Tagen verlassen und dorthin zurück. Der 28-Jährige taucht unter, schläft tagelang auf der Straße, ist am Boden zerstört. Dann hat ein Anwalt die rettende Idee: Kirchenasyl.

Seit Jahrzehnten gewährt die Kirche Menschen zeitweise Obhut, die sich verfolgt und bedrängt fühlen, denen in der Heimat Diskriminierung, Folter oder Tod drohen. Denn der Schutz von Verfolgten ist tief im christlichen Selbstverständnis verwurzelt. "Wir wissen zurzeit von 323 Kirchenasylen mit mindestens 547 Personen, davon sind etwa 145 Kinder", sagt die Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche, Genia Schenke Plisch. Viele kämen aus Syrien, Afghanistan oder dem Iran. Die Tendenz ist steigend.

Viele wollen Ausreisefristen aussitzen

"Den größten Anteil haben die Dublin-Fälle", heißt es aus den Landeskirchen und Diözesen. Menschen also, die über ein anderes EU-Land nach Deutschland kamen und in diesem Land auch ihr Asylverfahren durchlaufen müssen. Sie sind zur Ausreise verpflichtet. Zwar war die Regelung im Zuge des starken Flüchtlingsandrangs 2015/2016 zeitweise faktisch außer Kraft, wird aber nun wieder angewendet.

Im Kirchenasyl versuchen Betroffene nicht zuletzt, Ausreisefristen auszusitzen - weitgehend geschützt vor polizeilichem Zugriff. Der deutsche Staat ist über dieses Hilfsangebot nicht glücklich. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) polterte vor zwei Jahren heftig gegen die Kirchen, die sich nicht über das Recht stellen dürften. Ergebnis der folgenden heftigen Debatte war eine Vereinbarung zwischen den großen christlichen Kirchen und dem Staat.

Danach werden die Fälle von Menschen im Kirchenasyl vom Bundesamt für Flüchtlinge und Migration (BAMF) nochmals individuell geprüft - auf Basis eines Dossiers, das Betroffene, Anwälte und Helfer in den Gemeinden schreiben. Oft mit dem Ergebnis, dass die Betreffenden zumindest vorerst in Deutschland bleiben dürfen - etwa weil ihr Asylverfahren doch hier geführt wird, sie krank sind, hier Verwandte haben oder in ihrer Heimat Gefahren ausgesetzt sind. Im Gegenzug stellten die Bischöfe öffentlich klar, dass das Kirchenasyl nur in Einzelfällen und zeitlich begrenzt eine "ultima ratio" sein könne.

BAMF: Enger Draht zu den Kirchen

Inzwischen hat sich das Verfahren, das laut BAMF seit Februar 2015 rund 800 Menschen durchliefen, nach Meinung aller Beteiligten grundsätzlich bewährt. "Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass durch die erneute Überprüfung der von den Kirchenvertretern vorgetragenen Fälle individuelle Härten vermieden werden können und die Möglichkeit eines Asylverfahrens in Deutschland eröffnet wird", sagt der Sprecher der katholischen Bischofskonferenz, Matthias Kopp. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) spricht von "lösungsorientiertem Vorgehen" und vertrauensvollem Kontakt mit dem BAMF. Im Amt selbst heißt es, es bestehe ein "guter, enger Draht" zu den Kirchen.

"Kirchenasyl ist kein Rechtsbruch", betont die Pfarrerin der Evangelischen Hoffnungskirchengemeinde in Berlin-Pankow, Margareta Trende. "Es ist vielmehr Merkmal eines Rechtsstaates, den die Kirche an seine Gesetze und mögliche Auslegung zum Wohl der Menschen erinnert." Die Pankower Gemeinde bietet einem halben Dutzend Zuwanderern Kirchenasyl, Ahmad Nuri gehörte dazu. Sie finanziert ihnen 200 Euro Taschengeld und ein Ticket für Busse und Bahnen, hat auch eine Wohnung angemietet.

Pfarrerin fühlt sich von Menschen in Kirchenasyl "beschenkt"

Mit der staatlichen Asylpolitik, die zunehmend auf Abschottung und Rückkehr setzt, ist Trende nicht einverstanden. "Wir sind als Staat noch gar nicht an unsere Grenzen gestoßen und machen die Grenzen trotzdem dicht." Sie fühle sich durch die Menschen im Kirchenasyl "beschenkt", weil diese viel zurückgäben.

Auch Ahmad Nuri fühlt sich beschenkt. Etwa dadurch, dass Christen ihm als Muslim helfen. Der Afghane lernt derzeit Deutsch, möchte hier später als Computerfachmann arbeiten. Eine Etappe auf seinem Weg hat er inzwischen erreicht: Sein offizielles Asylverfahren läuft nun in Deutschland. "Das Kirchenasyl", sagt er, "war meine letzte Chance."

Stefan Kruse
(dpa)

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