Christian Hermes
Christian Hermes
Deutscher Katholikentag
Deutscher Katholikentag

17.03.2021

Stadtdekan will "Stuttgarter Gesicht" für Katholikentag Kritik am frühen Anmeldeschluss für Programm

In gut einem Jahr sind Stuttgart und die Diözese Rottenburg Gastgeber des 102. Katholikentags. Im Mai 2022 werden Zehntausende Christen erwartet. Schon jetzt wird am Programm gearbeitet. Aber es gibt auch bereits leichte Kritik im Vorfeld.

Nach vielem Hin und Her findet der Ökumenische Kirchentag vom 12. bis 16. Mai in Frankfurt nur online statt. Das nächste große bundesweite Christentreffen ist somit der 102. Katholikentag, der im Mai 2022 in Stuttgart geplant ist.

Katholikentage sind Treffen, bei denen sich die Kirche mit ihren Verbänden und Institutionen über mehrere Tage der Öffentlichkeit präsentiert. Sie finden in der Regel alle zwei Jahre in wechselnden Städten statt. In Nicht-Pandemie-Zeiten kommen Zehntausende Teilnehmer.

Stadtdekan Christian Hermes will, dass der Katholikentag "ein Stuttgarter Gesicht bekommt". Zu den Besonderheiten der Landeshauptstadt zählt, dass der Katholizismus dort sehr stark migrantisch geprägt ist. In drei großen Zuwanderungswellen zogen zunächst Menschen aus anderen Teilen Deutschlands und wegen der boomenden Autoindustrie - später auch Menschen aus allen Teilen der Welt nach Stuttgart.

Dieser internationale Charakter spiegelt sich auch in den 18 muttersprachlichen katholischen Gemeinden wider.

Nicht nur "Pizza, Cevapcici, irakische Süßspeisen und Volkstanz"

Neben jeweils vier kroatischen und vier italienischen Gemeinden gehört dazu auch die große Gruppe chaldäischer Christen, die vor dem IS-Terror aus dem Irak geflohen sind und jetzt in Stuttgart Heimat gefunden haben. Vermeiden will Hermes, dass sich die Gemeinden auf "folkloristische Dekoration" nach dem Motto "Pizza, Cevapcici, irakische Süßspeisen und Volkstanz" reduzieren.

Der Stadtdekan registriert indes, dass sich in den Gemeinden vor dem Hintergrund der Pandemie "allgemeine Müdigkeit bemerkbar" mache. Hermes: "Wegen Corona sind alle ziemlich durch den Wind." Zwar habe das Stadtdekanat alle Gemeinden um Initiativen zur Programmgestaltung gebeten, "aber die Menschen haben im Moment anderes zu tun, als sich interessante Dinge für den Katholikentag im Mai kommenden Jahres zu überlegen".

Für ein Problem hält Hermes, dass Programmvorschläge bereits am 7. April bei den Veranstaltern des Katholikentages, dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und dem Bistum Rottenburg-Stuttgart, vorliegen sollen.

Lange die "evangelischste Stadt Deutschlands"

Eine weitere Besonderheit ist, dass Stuttgart lange als evangelischste Stadt Deutschlands galt. Um 1900 waren 83 Prozent der Bevölkerung Protestanten und 15 Prozent Katholiken. Das hat sich ganz erheblich geändert. Inzwischen sind beide Konfessionen gleichauf und stellen jeweils ein knappes Viertel der rund 630.000 Stuttgarter.

Trotzdem hält Hermes den Protestantismus immer noch für "kulturell prägend". Mit der evangelischen Kirchenkreissynode ist er aktuell im Gespräch, ob und wie Kooperationen möglich sind.

Der Stadtdekan will, dass sich die katholische Seite mehr Gedanken über die ökumenische Dimension des Treffens macht. "Finden wir uns mit dem ab, was Kardinal Kurt Koch sagt, als er einer stärkeren Annäherung eine Absage erteilte?", so der Stadtdekan. Er geht damit auf die Kritik des Kurienkardinals an einem Papier des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen (ÖAK) zu dem Thema ein, das seit Ende Januar Theologen viel Gesprächsstoff bietet.

Zentrale Fragen urbanen Lebens

Für wichtig hält der Stadtdekan auch, dass die Kirche der Stadt beim Treffen mitten in der City die zentralen Fragen urbanen Lebens einbringt: "Wie gehen wir mit dem Wohnungsnotstand und anderen sozialen Fragen um, wie steht es im städtischen Leben um Mobilität und Ökologie, und wie will diese Stadt Geld verdienen, wenn es der Automobilindustrie einmal schlecht gehen sollte?" All dies sei anhand des Katholikentags-Leitwortes "leben teilen" "gut durchdeklinierbar".

Aber natürlich werden auch grundsätzliche kirchliche Fragen auf den Tisch kommen. "Vielleicht ist dann der Synodale Weg in einer kritischen Phase." Nach intensivem Ringen hatten die Bischöfe 2019 einen verbindlichen Synodalen Weg beschlossen. Dabei geht es vor allem um Macht, Sexualmoral, Lebensform der Priester und die Rolle von Frauen in der Kirche. 2022 soll der Reformprozess enden. Hermes will, dass der Katholikentag "ehrlich ist", eine Show-Veranstaltung dürfe es nicht geben: "Man kann nur ins Schaufenster stellen, was man hat."

Michael Jacquemain
(KNA)

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