Religion bleibt ein großes Thema

"Ein christliches Deutschland gibt es nicht mehr"

Ein fröhliches Glaubensfest soll der Katholikentag in Münster werden. Doch auch religionspolitische Konflikte drängen sich auf die Tagesordnung. Das zentrale Thema Frieden muss auch innerkirchlich buchstabiert werden.

Autor/in:
Christoph Arens
 (DR)

Der Streit um Kreuze in bayerischen Amtsstuben ist ein echter Aufreger. Genauso wie die Debatte über Antisemitismus, die Kopftücher für muslimische Mädchen und die Integration der Muslime in die Gesellschaft. Trotz scheinbar unaufhaltsamer Säkularisierung haben religiöse Fragen derzeit in der deutschen Gesellschaft einen hohen Stellenwert.

Themen und Gesprächsstoff genug auch für den 101. Deutschen Katholikentag, zu dem von Mittwoch bis Sonntag mehr als 45.000 Dauergäste in Münster erwartet werden. War der Katholikentag 2016 noch bewusst in das weitgehend religionslose Leipzig gegangen, so findet das Christentreffen jetzt in einer der am stärksten katholisch geprägten Großstädte der Bundesrepublik statt.

Nicht mehr so katholisch wie einst

Doch auch die Bischofsstadt ist lange nicht mehr so katholisch und "schwarz", wie es der Volksmund immer noch gern behauptet. Der Anteil der Katholiken lag 2016 bei 47,7 Prozent, der der Protestanten bei 20,3 Prozent. 32 Prozent werden unter der Rubrik "sonstige Religion/ohne Religion" geführt. Ein fest gefügtes katholisches Milieu - das war früher einmal.

Für ganz Deutschland sieht die Lage aus Sicht der Kirchen noch viel dramatischer aus. Zwar stellt die katholische Kirche mit ihren rund 23,58 Millionen Mitgliedern - das sind 28,5 Prozent der Gesamtbevölkerung - die größte Glaubensgemeinschaft. Zusammen mit den 21,9 Millionen Protestanten machten die beiden großen Kirchen 2016 jedoch nur noch 55 Prozent der Bevölkerung aus. In den 50er Jahren waren es noch 95 Prozent.

Kirchensteuern in Deutschland

Wer über Macht und Einfluss der Kirchen in Deutschland diskutiert, kommt schnell beim Thema der zuletzt sprudelnden Kirchensteuern an. Rund 11,4 Milliarden Euro verbuchten katholische Bistümer und evangelische Landeskirchen 2016 auf ihren Konten, 6,09 Milliarden Euro davon die katholische Kirche.

Dank dieses Geldes und des Engagements vieler Bürger ist die Kirche in der Öffentlichkeit stark präsent: Rund 400 von 2.000 Krankenhäusern sind in katholischer Trägerschaft. Die Caritas mit ihren Altenheimen, Sozialstationen und Kindergärten ist der wohl größte private Arbeitgeber in der Bundesrepublik. Und katholische Schulen genießen weithin einen guten Ruf.

Weniger Gottesdienstbesucher

Doch andere Zahlen verweisen auf eine deutliche Schwächung: Der durchschnittliche sonntägliche Gottesdienstbesuch in der katholischen Kirche sank von 10,4 auf 10,2 Prozent. Zwar stieg die Zahl der Taufen in der katholischen Kirche aufgrund der demografischen Entwicklung wieder leicht an, zuletzt auf 171.531. Doch gleichzeitig traten 2016 rund 162.000 Menschen aus.

Ein auf dem Münsteraner Katholikentag sicher breit diskutiertes Problem ist der Rückgang an Priestern: In den 27 Bistümern werden 2018 voraussichtlich lediglich 61 junge Männer zu Diözesanpriestern geweiht, wie eine Umfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) ergab. Das ist die zweitniedrigste Zahl seit 1945.

Was könnte die Lösung sein?

"In Kürze werden uns die Priester in einem so katastrophalen Ausmaß fehlen, dass es bald kein größeres Problem mehr für uns geben wird", sagte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, in einem Interview der "Welt am Sonntag". Das Problem werde die Kirche "zu Lösungen zwingen, die wir bislang kaum zu denken wagen".

"Kirchliches Leben ist heute hochgradig gesellschaftlich integriert, gut organisiert und oft auch politisch einflussreich - doch als religiöser Anbieter für viele Menschen unattraktiver denn je", zieht der Münsteraner Zeithistoriker Thomas Großbölting eine kritische Bilanz. "Ein christliches Deutschland gibt es nicht mehr."

Komplizierte Konflikte

Der Streit über den Kreuzerlass der bayerischen Staatsregierung zeigt, wie kompliziert die daraus entstehenden religionspolitischen Konflikte bisweilen sind. Da geraten Bischöfe in die für sie schwierige Situation, die Pflicht zum Aufhängen von Kreuzen in staatlichen Gebäuden zu kritisieren. Und Theologen werfen Ministerpräsident Markus Söder (CSU) vor, das Kreuz im Wahlkampf als «Logo für Bayern» und zur Abgrenzung gegenüber dem Islam zu missbrauchen. Selbst die einst so enge Allianz zwischen Kirche und Union ist Vergangenheit.


Quelle:
KNA