Kirchenvertreter warnen vor Rechtsruck in Europa

Massive Bedrohung

Auf einem aus aktuellen Gründen zusätzlich ins Programm genommenen Podium des Katholikentags haben Experten aus Kirche und Gesellschaft am Samstag vor einem Rechtsruck in Europa gewarnt. In Richtung AfD gibt es Signale der Gesprächsbereitschaft.

Rechtspopulismus: Ein europäisches Problem / © Sebastian Kahnert (dpa)
Rechtspopulismus: Ein europäisches Problem / © Sebastian Kahnert ( dpa )

Das Aufkommen rechtspopulistischer Strömungen in etlichen Ländern wird nach Einschätzung des Wiener Theologen Paul M. Zulehner begünstigt, wenn Politik mehr von Gefühlen bestimmt wird als von Argumenten. Auf dem Podium zum wachsenden Rechtspopulismus in Europa beklagte Zulehner auf dem Katholikentag den Einbruch der politischen Mitte in seinem Land. Zulehner gilt als einer der bekanntesten Pastoraltheologen im deutschsprachigen Raum.

Vor dem Hintergrund der jüngsten Bundespräsidentenwahl in Österreich, die der als Unabhängiger angetretene Grünen-Politiker Alexander Van der Bellen knapp vor dem FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer für sich entschied, sagte er: "Ich wünsche mir eine Auferstehung der politischen Mitte in Österreich."

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, bezeichnete große Koalitionen als problematisch für Demokratien. Menschen dächten, sie kämen mit einer gegenteiligen Haltung nicht mehr durch. Sinnvoll seien deshalb starke Oppositionen in den Parlamenten. Sternberg, selbst CDU-Politiker, bemängelte auch die Sprache in Medien und Politik: Vieles werde über die Köpfe der Menschen hinweg formuliert. Die fühlten sich abgehängt und fragten sich, wer noch ihre Sprache spreche. Das bringe die Gefahr mit sich, dass eine Partei entstehe, die das Gefühl vermittle, Menschen aufzufangen.

Sternberg: Gespräche mit AfD möglich

Sternberg bezeichnete neue nationalistische Entwicklungen als massive Bedrohung für Europa: "Das gefährdet all das, was uns seit 50 Jahren Frieden und Wohlstand garantiert hat." Er rief alle Christen dazu auf, Populisten entschieden entgegenzutreten: "Wir dürfen nicht die Deutungshoheit darüber verlieren, was christlich ist. Das Christentum setzt nicht auf Abgrenzung, sondern auf Integration."

In der Debatte um die Ausladung der AfD vom Katholikentag signalisierte Sternberg Gesprächsbereitschaft in Richtung der rechtskonservativen Partei. Den Dialog mit AfD-Chefin Frauke Petry werde er schon führen, sagte Sternberg. Dies werde aber nicht als "Schauveranstaltung" geschehen. Er sei nicht bereit, denjenigen, die Sorgen und Ängste der Menschen ausnutzen und für ihre Zwecke missbrauchen, ein Podium zu geben, sagte der ZdK-Präsident und verteidigte damit erneut die Entscheidung der Katholikentagsorganisatoren, die AfD von Podien fernzuhalten.

Der Bonner Politologe Andreas Püttmann sprach mit Blick auf Deutschland von der Gefahr einer Radikalisierung der Mitte. Die derzeitige öffentliche Hetze gegen Kanzlerin Angela Merkel etwa erinnere ihn an Hetze zu Zeiten der Weimarer Republik.

Laut Püttmann wählt "die katholische Mehrheitsströmung" in ihrer "Schwarmintelligenz" nicht rechte Parteien. Zugleich gebe es in Deutschland aber auch Formen eines Rechtskatholizismus, der Angst habe vor einer "Homosexualisierung der Gesellschaft" und der Gleichberechtigung der Frau. Hier gebe es auch Berührungspunkte mit neuen rechten Zeitschriften und Internetforen, die derzeit einen "dramatischen Aufschwung" erlebten, so Püttmann. Fast immer gehe es diesen Medien nicht mehr um den demokratischen Austausch der Meinungen, sondern nur darum, möglichst laut und aggressiv den politischen Gegner anzugreifen.

Püttmann erklärte zudem: "Ich halte es für kontraproduktiv, AfD-Leuten immer den Nazivorwurf zu machen." Allerdings müsse die Gesellschaft bei einem "giftig-ideologischen Gebräu" von Rechtspopulisten sehr wachsam sein. Püttmann hatte im Vorjahr die Studie "Radikalisierungstendenzen am rechten Rand der Kirchen" vorgelegt.

Situation in Frankreich dramatischer

Der Präsident der Semaines Sociale de France, eine Art französisches ZdK, Jerome Vignon, sprach vom extremen Populismus des Front National. Der Unterschied zu Deutschland sei, dass die französische Neigung zu einer rechtspopulistischen Partei keine Protestwahl, sondern vielmehr eine Überzeugungswahl sei. Der Gedanke dabei sei, dass weniger Europa mehr Souveränität für Frankreich bedeute. Ein Viertel der Jugendlichen wähle Marine le Pen. Nach Vignons Einschätzung steigt bei Katholiken die Zustimmung zum Front National, je weiter sie von ihrer Kirche entfernt seien.

Die Veranstaltung in Leipzig mit katholischen Laienvertretern aus Deutschland, Österreich, Frankreich und Belgien stand unter dem Titel "Von der seltsamen Rückbesinnung auf das 'Christliche Abendland' - Populismus, Nationalismus, Neue Rechte in Europa".

Präses Rekowski: Menschenfeindlichen Aussagen klar widersprechen

Der rheinische Präses Rekowski erklärte derweil, er könne zwar verstehen, dass die katholische Kirche der AfD auf dem Katholikentag kein Forum für ihre teils menschenverachtenden Positionen bieten wolle. "Ich selber bin aber dafür, dass wir uns sehr aktiv mit den Positionen der AfD auseinandersetzen", sagte der leitende Theologe der Evangelischen Kirche im Rheinland am Freitagabend im WDR-Fernsehen. Die rheinische Landeskirche, die sich auch auf Teile von Rheinland-Pfalz erstreckt, werde das etwa in Bezug auf die AfD-Fraktion im rheinland-pfälzischen Landtag tun.

Menschenfeindlichen Aussagen über Ausländer und Flüchtlinge werde man aber klar widersprechen, betonte Rekowski. Zugleich müsse die Kirche auch die Ängste der Menschen ernst nehmen, die die AfD wählen. Die rheinische Kirche plane dazu im Herbst ein Dialogforum zum Thema Islam.

Kretschmann: Fehlende Humanität der AfD

Nach der Kritik der AfD an der kirchlichen Flüchtlingshilfe warf Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) der Partei derweil fehlende Humanität vor. In den Vorwürfen des bayerischen AfD-Landesvorsitzenden Petr Bystron zeige sich, welche "inhumane Grundstimmung in der AfD herrscht, indem man das Gute, das andere tun, noch desavouiert", sagte Kretschmann der in Düsseldorf erscheinenden "Rheinischen Post" (Montagsausgabe).

Bystron hatte in einem Gastbeitrag für die "Huffington Post" den Vorwurf erhoben, das Engagement von katholischer und evangelischer Kirche für Flüchtlinge sei von wirtschaftlichen Interessen bestimmt. Die Amtskirchen verdienten über ihre Wohlfahrtsverbände "alleine an der Flüchtlingskrise mehrere Milliarden Euro pro Jahr" und hätten deshalb ein Interesse an mehr Zuwanderung.

 


Paul M. Zulehner (KNA)
Paul M. Zulehner / ( KNA )

Thomas Sternberg / © Caroline Seidel (dpa)
Thomas Sternberg / © Caroline Seidel ( dpa )

Dr. Andreas Püttmann / © privat
Dr. Andreas Püttmann / © privat
Quelle:
epd , KNA