Karikaturen orthodoxer Juden auf einem Umzugswagen
Karikaturen orthodoxer Juden auf einem Umzugswagen

25.02.2020

Empörung über Antisemitismus bei Aalster Karnevalsumzug "Hat mit närrischem Geist nicht das Geringste zu tun"

​Religiöse Organisationen, Politiker und die EU-Kommission haben den Aalster Karnevalsumzug als antisemitisch kritisiert. Dort hat eine Karnevalsgruppe Juden als Insekten dargestellt. Auch die Teilnehmer trugen entsprechende Verkleidungen.

"Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass diese Bilder (...) 75 Jahre nach der Schoah nicht auf den Straßen Europas zur Schau gestellt werden", sagte der EU-Kommissionssprecher Adalbert Jahnz am Montag in Brüssel. Antisemitismus sei unvereinbar mit den Werten und Prinzipien der EU. Die Kommission habe aber keine rechtlichen Möglichkeiten, gegen diese antisemitischen Darstellungen bei dem Karnevalsumzug vorzugehen.

Hakennase, Schläfenlocken und Goldbarren

Beim Aalster Umzug hatte eine Karnevalsgruppe Juden als Insekten dargestellt. Auch trugen Zugteilnehmer Verkleidungen mit Hakennasen, Schläfenlocken und Goldbarren sowie stilisierte Nazi-Uniformen. Im Dezember hatte die Unesco den Straßenkarneval in Aalst von der Liste des Immateriellen Kulturerbes gestrichen, weil die Stadt selbst darum gebeten hatte. Zur Begründung hieß es: "In den vergangenen Jahren nahmen wiederholt Festwagen mit rassistischen und antisemitischen Darstellungen am Straßenkarneval teil."

Bürgermeister Christoph D'Haese (NVA) verteidigte seine Stadt. Die Karnevalszeit sei eine "besondere". Es gebe weder Rassismus noch Antisemitismus in Aalst. Die belgische Regierungschefin Sophie Wilmes (MR), die selbst jüdischer Abstammung ist, rief zu Dialog und Einfühlungsvermögen auf. "Stereotypen, die Gemeinschaften und Bevölkerungsgruppen aufgrund ihrer Herkunft stigmatisieren, führen zu Spaltung und bringen das Zusammenleben in Gefahr", so Wilmes.

Europäische Rabbiner üben Kritik aus

Die Konferenz der Europäischen Rabbiner kritisierte den Karnevalsumzug als judenfeindlich und beleidigend. Er missbrauche "die Macht der Redefreiheit, die ein so wesentlicher Bestandteil jeder liberalen Demokratie ist", sagte Präsident Pinchas Goldschmidt (Sonntagabend). Diese Art von Antisemitismus erinnere an "dunkle Momente der europäischen Vergangenheit". So habe man etwa seit den 30er Jahren keine Juden mehr gesehen, die mit einem gelben Davidstern gekennzeichnet waren.

"Wir können nicht so tun, als ob diese Bilder eine Art Witz wären oder keine Angst auslösen würden", so Goldschmidt. Es sei nicht hinnehmbar, dass führende Politiker wie Belgiens König zuletzt beim Holcoaust-Gedenken eine Woche lang "Nie wieder" erklärten und dann "untätig zusehen, wenn antisemitische Symbole nur Wochen später auf ihren Straßen auftauchen".

Auch die Vizepräsidentin des EU-Parlaments und Vorsitzende der Arbeitsgruppe gegen Antisemitismus, Nicola Beer (FDP), hatte sich kritisch geäußert. "Der Karneval in Aalst hat mit diesem närrischen Geist nicht das Geringste zu tun und ist auf das Schärfste zu verurteilen", erklärte sie am Montag in Brüssel. Antisemitismus dürfe auch nicht unter dem "Deckmäntelchen" des Karnevals geduldet werden.

Verbot des Umzugs

Bereits vor Beginn des Karnevalsumzugs in Aalst am Sonntag hatte es internationale Proteste gegen die Verkleidungen einiger Teilnehmer gegeben. Israels Außenminister Israel Katz hatte Belgiens Ministerpräsidentin aufgefordert, den "abscheulichen Umzug" zu verbieten.

Israels Botschafter in Belgien Emmanuel Nahshon betonte, es gehe nicht um ein Verbot des Karnevals als solchem, sondern um ein Verbot antisemitischer Karikaturen. Für ihn hier sei eine Grenze überschritten. Auch die Arbeitsgruppe gegen Antisemitismus des EU-Parlaments hatte die Aalster Behörden im Vorfeld aufgerufen, jede Form von Antisemitismus, Rassismus und Hass beim diesjährigen Zug zu unterbinden.

Franziska Broich
(KNA)

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