Jacques Tilly hält den Entwurf für den Toleranzwagen in den Händen
Jacques Tilly hält den Entwurf für den Toleranzwagen in den Händen

30.01.2020

Karnevalswagen von Tilly erhalten international Aufmerksamkeit Satire gegen den Hass

Brexit, Papst und Terrorismus - Jacques Tilly scheint kein Thema zu heikel. Seit 36 Jahren baut er Wagen für den Rosenmontagszug in Düsseldorf. Einige sind im Ausland bekannt, wie eine Ausstellung in Oberhausen zeigt.

Er ließ Gerhard Schröder nackt durch Düsseldorf fahren, die Banken faule Kredite auf den Steuerzahler erbrechen und Greta Thunberg der Elterngeneration die Ohren lang ziehen: Jacques Tilly sorgt mit seinen überdimensional großen Figuren auf den Wagen des Rosenmontagszugs in Düsseldorf regelmäßig für Lacher - und manchmal für einen Skandal. Nun haben es seine Werke sogar ins Museum geschafft. Ab Sonntag zeigt die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen die erste Jacques Tilly-Ausstellung mit gut 200 Zeichnungen, Skizzen, Fotos und etwa einem Dutzend Plastiken.

Weitermachen trotz Hassnachrichten 

"Die Satire ist wichtiger geworden in den letzten Jahren", erklärte der 56-Jährige am Donnerstag vor Journalisten. Weltweit sei autoritäres Denken im Aufschwung. Auch er bekomme Hassnachrichten von Anhängern des Rechtspopulismus. Seine Reaktion: Er versuche, sich in die Absender hineinzuversetzen, "um dann umso wirksamer einen Wagen zu bauen, der sie wirklich ärgert".

Seit 1984 erstellt Tilly Wagen für den "Zoch" in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt. Dass seine Arbeit international immer mehr wahrgenommen wird, verdeutlicht eine Medienwand im Museum: Fotos seiner Plastiken sind unter anderem in der chinesischen, iranischen und US-amerikanischen Presse erschienen. Zum Beispiel eine Darstellung, die den saudischen Kronprinzen mit blutverschmierter Kettensäge zeigt - hinter ihm US-Präsident Donald Trump als nackter Schutzengel. "Es ist sehr erstaunlich, dass jemand in der Lage ist, Bildwelten zu erdenken, die internationale Politik auf der ganzen Welt präsent machen", erklärte die Direktorin der Ludwiggalerie, Christine Vogt. Darin liege die besondere Qualität von Tillys Arbeit.

Politik präsent machen will der Satiriker auch außerhalb der Karnevalszeit. Eine seiner Auftragsarbeiten in der Ausstellung zeigt ein mehrköpfiges Gebilde mit dem Schriftzug "Brexit is a monstrosity" (deutsch: "Der Brexit ist ein Monstrum"). Tilly stellte das Werk 2017 für die "Remainer"-Bewegung in Großbritannien her, die damit gegen den EU-Austritt demonstrierte. 2019 folgte ein weiterer Wagen, auf dem die britische Ex-Premierministerin Theresa May die Wirtschaft ihres Heimatlands mit einer langen Lügennase aufspießt. Bilder der Plastik, die die "Remainer" in London aufstellten, gingen um die Welt.

Auch Ärger mit der Kirche 

Zu einem der ersten deutschlandweiten Aufreger kam es 1994. Damals stellte der Satiriker Altkanzler Helmut Kohl mit einem so kurzen Baströckchen dar, dass das Kleidungsstück den Intimbereich nicht wirklich verdeckte. Zwei Jahre später handelte sich Tilly Ärger mit der Kirche ein. Das Bundesverfassungsgericht hatte zuvor festgestellt, dass eine Verordnung in Bayern, die christliche Kreuze in staatlichen Volksschulen vorschrieb, verfassungswidrig war. Tillys Plan: Drei Jecken mit weiß-blauen Ringelshirts ans Kreuz nageln. Den musste er allerdings aufgeben - der Protest gegen dieses Motiv war zu groß.

Ein Baustopp wäre heute kaum mehr denkbar. Seit 2000 hält der Künstler seine Entwürfe geheim. Zudem gehören kirchenkritische Plastiken zum festen Repertoire Tillys. 2009 ließ er zum Beispiel Papst Benedikt XVI. einem "Antisemitismus"-Teufel in Gestalt des Holocaust-Leugners Richard Williamson die Hand schütteln. Der Papst hatte zuvor die Exkommunikation Williamsons und drei weiterer sogenannter Traditionalisten-Bischöfe aufgehoben, weil er auf eine Aussöhnung hoffte. Als falsch und verletzend bezeichnete deshalb der damalige Kölner Kardinal Joachim Meisner Tillys Darstellung.

Viel Zuspruch erhielt der Künstler dagegen 2015, als er nach dem islamistischen Anschlag auf die französische Satire-Zeitschrift "Charly Hebdo" gleich vier Wagen zu diesem Thema durch Düsseldorf schickte. In anderen Karnevalshochburgen war man zurückhaltender - auch aus Angst vor islamistischen Angriffen. "Der Anschlag auf Charly Hebdo war ein gezielter Angriff auf den Humor, auf unser Kerngeschäft", erklärte Tilly in Oberhausen. "Man darf diesen Leuten in keiner Weise entgegenkommen."

Von Anita Hirschbeck

(KNA)

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