Autor Steinke: Staat muss jüdische Einrichtungen besser schützen
Symbolbild Judentum

25.05.2021

Jüdisches Leben in Deutschland Viel mehr als nur die eine Identität

Die Frage stellt sich meist dann, wenn wieder etwas passiert ist. Wie leben Juden hierzulande? Diesem Thema widmen sich die neue WDR-Talkreihe "Freitagnacht Jews" wie auch das vom Zentralrat der Juden entwickelten Projekt "Meet a Jew".

Ausgerechnet Hass und Extremismus lösen in Deutschland oft eine Beschäftigung mit jüdischem Leben aus. So war es nach dem rechtsterroristischen Attentat von Halle, so ist es aktuell wieder nach antisemitischen Übergriffen im Umfeld der jüngsten Demonstrationen zum Nahost-Konflikt.

Talkreihe "Freitagnacht Jews" 

Da soll es für David Hadda aber nicht enden. Der 36-Jährige produziert eine neue Talkreihe beim WDR und will ausdrücklich kein "Betroffenheitsfernsehen" machen. Mit "Freitagnacht Jews" will er Berührungsängste nehmen und Brücken bauen, wie er sagt: "Juden leben nicht in einer geheimen, unbekannten Welt nebenan. Und sie sind auch keine gleichförmige Gruppe. Das Format soll den Blick für jüdische Vielfalt öffnen."

Viele Themen in der Show würden zwar aus jüdischen Perspektiven verhandelt, beträfen aber die gesamte Gesellschaft. Über sich selbst sagt er: "Ich bin nicht nur Jude, sondern auch vieles andere."

Projekt "Meet a Jew"

Das will auch Galina Tchechnitskaia zeigen. Die 24-Jährige ist eine von rund 350 Freiwilligen beim Projekt "Meet a Jew" (übersetzt: Triff einen Juden) des Zentralrats der Juden und seit 2018 dabei. Jüdinnen und Juden ab 14 Jahren besuchen dabei Schulklassen, Sportvereine oder andere Gruppen, in der Regel zu zweit und seit Ausbruch der Pandemie auch virtuell.

"Ich steige meist mit einem Video eines Auftritts von mir bei der Jewrovision ein", erzählt Tschenitskaia. Der jährliche europäische Tanz- und Gesangswettbewerb richtet sich an jüdische Jugendliche. Sie selbst tanzt, Lateinamerikanisch und Hip-Hop. Mit dem Clip sei das Eis normalerweise gebrochen, berichtet die Studentin mit den braunen Locken.

Tschenitskaia wurde in Russland geboren, wuchs in Israel und Deutschland auf und studiert heute in Berlin Geschichte. Sie will Gymnasiallehrerin werden. "Ich habe in drei Ländern gelebt. Was sich nicht geändert hat dabei ist, dass ich jüdisch bin", sagt sie. Aber genauso sei Deutschland ihr Land. "Ich erzähle viel von jüdischen Festen", berichtet die 24-Jährige. "Ich versuche, über die schönen Dinge zu reden, Gemeinsamkeiten zu finden." Einer Schülerin mit Kopftuch, die ihr von Anfeindungen berichtete, habe sie gesagt: "Das ist mit der Kippa auch so". Die Kippa ist die traditionelle religiöse Kopfbedeckung jüdischer Männer.

"Damit der Antisemitismus verschwindet"

Sie selbst habe keinen Antisemitismus erfahren, weder bei "Meet a Jew" noch außerhalb, sagt Tschenitskaia. "Aber damit bin ich ein Einzelfall." Normalerweise trage sie einen Davidstern um den Hals. An diesem Freitag vor Pfingsten, nach den antisemitischen Vorfällen der vergangenen beiden Wochen, hat sie sich doch für ein neutrales Silberkettchen entschieden.

Für manche ihrer Gesprächspartner ist es die erste bewusste Begegnung mit einer Jüdin. Ist das nicht anstrengend? Nein, sagt Tschenitskaia. "Die Fragen beantworte ich gerne. Das ist etwas, das ich tun kann, damit der Antisemitismus verschwindet." Unter ihren Freunden seien auch Muslime.

Sie sei ein optimistischer Mensch, sagt die junge Frau. Deutschland habe aus seiner Vergangenheit gelernt hat. "Die heutige Generation trägt keine Verantwortung dafür, was geschehen ist, aber dafür, was in der Zukunft sein wird." Sie will auch selbst Einfluss nehmen, das ist ihr wichtig: Tschenitskaia ist in der Jungen Union und im Studentenparlament der Humboldt-Universität aktiv.

Historikerin kritisiert Fahrten zu Gedenkstätten 

Die Historikerin Juliane Wetzel beschäftigt sich mit Judenfeindlichkeit. "Das Problem ist, dass Juden häufig nur als Opfer und aus der historischen Distanz wahrgenommen werden", sagt die Wissenschaftlerin vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. "Was nicht hilft gegen aktuellen
Antisemitismus, obwohl es immer wieder gefordert wird: Fahrten zu Gedenkstätten. Auch Begegnungen mit Zeitzeugen reichen nicht aus."

Viel besser seien da persönliche Begegnungen wie bei "Meet a Jew", insbesondere um Kinder und Jugendliche zu erreichen, bevor die überhaupt erst Vorurteile entwickelten, meint Wetzel. Eine der Koordinatorinnen des Projekts beim Zentralrat sagt: "Wir kommen als Juden, aber wir hoffen, dass wir als komplexe Persönlichkeiten gehen."

Handlungsbedarf sieht Wetzel auch bei der Lehrerausbildung. Kenntnisse zum Nationalsozialismus und zum Holocaust hätten viele zwar, wenn auch nicht alle. "Es hapert aber noch mehr mit der Sattelfestigkeit beim Thema Antisemitismus heute und was den Nahost-Konflikt angeht. Manche pflegen da auch selbst Vorurteile gegen Israel, gerade im linken Spektrum."

Bewusstsein für Komplexität schaffen

Produzent Hadda treibt insbesondere die Debatte in sozialen Netzwerken um, wo komplexe Wirklichkeit zu einfachen Schlagworten herunterkocht. "Der Konflikt in Israel löst einen Drang aus, sich zu äußern, oft indem man einfach verkürzte Positionen übernimmt", sagt er.

Für viele Juden sei es "superlästig", dass sie von vornherein als Anwälte Israels wahrgenommen würden. Gerade komme viel zusammen, "die Corona-Pandemie, alte Feindbilder, Verschwörungsmythen". Ein Bewusstsein für Komplexität, eine bessere Streitkultur, das würde er sich wünschen.

"Freitagnacht Jews" sei das erste Format, in dem er sich mit jüdischem Leben befasse, sagt Hadda. Davor hat der studierte Jurist eher Comedy-Formate entwickelt. "Comedy ist für mich eine Art, auf die Welt zu gucken, das eigene Tun zu hinterfragen." Doppelbödig, ironisch ist auch die Sendung im WDR, deren acht Folgen vor der jüngsten Eskalation im Nahost-Konflikt gedreht wurden.

Popkultur gegen Antisemitismus

"Junge, ich hab keinen Bock auf deinen ganzen jüdischen Holocaust-Kram", wirft sich Moderator Daniel Donskoy selbst an den Kopf und verspricht dann: "Hey! Du hast Glück! Bei uns - bei uns geht's gar nicht um den Holocaust."

Wer harmloses Wohlfühl-Fernsehen erwartet, irrt aber. Donskoy, der in der Netflix-Serie "The Crown" übrigens einen Liebhaber von Prinzessin Diana spielt, plaudert sich scheinbar beiläufig an Schmerzgrenzen und darüber hinaus. "Eine der ältesten Verschwörungstheorien ist ja, dass Juden mit Christen-Kinderblut kochen", merkt er an im Gespräch mit einem Gast, dem er Borschtsch, also Rote-Beete-Suppe, serviert. "Und ich habe mir die besten Kinder ausgesucht für diese wunderschöne purpurrote Suppe."

Auch Popkultur könne ein Mittel sein gegen Antisemitismus, meint Hadda. Und Humor: "Das ist ein fantastisches Ventil, weil es die nötige Distanz aufbaut, um das Schwierige auszuhalten."

Von Martina Herzog

(dpa)

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