Mann mit Kippa in einer deutschen Innenstadt
Mann mit Kippa in einer deutschen Innenstadt
Abraham Lehrer
Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

25.05.2021

Krisen überschatten Gedenkjahr zu "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" "Ich vermisse den Ruck des kleinen Mannes"

Die Feierlichkeiten zu "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" haben erst die Corona-Pandemie, dann Raketen in Nahost und schließlich Attacken auf Synagogen überschattet. Abraham Lehrer blickt dennoch auch positiv auf das Gedenkjahr.

DOMRADIO: Gerade herrscht Waffenruhe in Nahost. Was macht das mit Ihnen persönlich, wenn Sie sehen und hören, dass vor Synagogen in Deutschland demonstriert wird, dass Steine fliegen und Fahnen brennen, dass antisemitische Sprüche skandiert werden?

Abraham Lehrer (Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und Gründungsmitglied des Vereins "2021 Jüdisches Leben in Deutschland"): Für uns Juden in Deutschland ist dies unerträglich. Vor allen Dingen für die ältere Generation, für Überlebende des Holocaust, ist das ein Signal, das Erinnerungen weckt an Dinge, die sie in ihrer Kindheit miterleben mussten: Aufmärsche in Deutschland vor jüdischen Geschäften, vor jüdischen Einrichtungen, Synagogen und so weiter.

Diese Dinge wecken Traumata bei den Überlebenden der Shoah wieder auf. Ich persönlich bin ein Kind von Überlebenden der Shoah. Meine Mutter hat Auschwitz überstanden und natürlich bin ich geprägt und erzogen worden mit dem Hintergrund dieser Dinge, die meine Eltern erlebt haben. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich eines Tages ein Video sehe, wo Menschen auf der Straße stehen und solche besonders "netten" Worte über Juden skandieren.

DOMRADIO: Viele Politiker und Politikerinnen haben ihre Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft ausgedrückt. Wo oder von wem hätten sie vielleicht sich noch mehr gewünscht?

Lehrer: Die Politik war dieses Mal sehr schnell, sehr einhellig auf Seiten der jüdischen Gemeinschaft, aber auch auf Seiten des Staates Israel. Die Stellungnahmen, die Positionierungen, dass der Staat Israel ein Recht zur Verteidigung seiner Bürger hat und damit auch ein Recht zur Selbstverteidigung, kamen sehr deutlich und sehr schnell. Auch nachdem die Dinge vor den Synagogen geschehen sind, waren die Stellungnahmen von den Landesregierungen, der Bundesregierung, der Kommunalverwaltungen sehr, sehr eindeutig.

Das, was die jüdische Gemeinschaft ein wenig vermisst, ist der berühmte Aufschrei, der Ruck durch die Gesellschaft, dass der "kleine Mann", die "kleine Frau" einfach ein Zeichen setzt und sagt: Auch wir stehen an der Seite unserer jüdischen Bürger und Bürgerinnen in diesem Land und wir lassen nicht zu, dass diese Dinge, ja ich hätte beinahe gesagt, repräsentativ für das ganze Land angesehen werden. Da hätten wir uns ein wenig mehr Unterstützung gewünscht.

DOMRADIO: Das Jubiläumsjahr soll den Menschen hier im Land ein bisschen mehr Wissen über die jüdische Kultur vermitteln. Jetzt dominiert wieder der Nahostkonflikt und auch antisemitische Reaktionen in den Schlagzeilen, oder?

Lehrer: Ja, so ist es tatsächlich. Corona hat das Gedenkjahr überschattet. Viele Veranstaltungen mussten ausfallen, mussten in die zweite Jahreshälfte oder gar in das Jahr 2022 verschoben werden. Das macht das Leben etwas schwieriger.

Aber dennoch bin ich der Überzeugung, dass die vielen digitalen Veranstaltungeneine die Möglichkeit bieten, sich zu informieren und mal einen anderen Blick auf die jüdische Gemeinschaft zu werfen, statt nur mit erhobenem Zeigefingen am 9. November oder am 27. Januar an die Shoah, an den Holocaust zu erinnert, sondern auch die positiven Dinge, die die jüdische Gemeinschaft mit der christlichen Umgebungs-Gesellschaft in dieser Region, in diesem Land verbunden hat. 

Das Interview führte Michelle Olion.

(DR)

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