16.05.2021

Jüdisches Museum Halberstadt steht im Zentrum des Museumstags Mit Poesiealbum in die Emigration

Eine große jüdische Gemeinde gibt es in Halberstadt nicht mehr. Dabei war sie noch im 19. Jahrhundert zahlenmäßig bedeutender als die Berliner Gemeinde. Davon erzählt das Berend Lehmann Museum, das jetzt wiedereröffnet wird.

Ihr blau eingebundenes Poesiealbum hat Ruth Oppenheimer dem Museum gestiftet. Es war dabei, als sie 1939 als Elfjährige mit einem Kindertransport nach England kam, und auch, als sie nach dem Zweiten Weltkrieg zu ihrem Vater in die USA reiste. "Lebe glücklich, fröhlich, heiter, wie der Frosch am Blitzableiter", schrieb ihr Kinderfreund Walter Beverstein 1939 hinein.

Mehr als 80 Jahre später ist das Büchlein zurückgekehrt ins sachsen-anhaltinische Halberstadt - und Teil der neuen Dauerausstellung im Berend Lehmann Museum, das sich mit der jüdischen Geschichte von Stadt und Region befasst. Am Sonntag wird es nach umfangreicher Sanierung wiedereröffnet. Anlass ist der 44. Internationale Museumstag unter Schirmherrschaft von Bundesratspräsident Reiner Haseloff (CDU). Da derzeit auch das Jubiläum "1.700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland" begangen wird, hat sich der Museumsverband Sachsen-Anhalt entschieden, das Berend Lehmann Museum ins Zentrum der digitalen Auftaktveranstaltung zu stellen - sie wird am Sonntag auf youtube übertragen.

Jüdische Gemeinde in Halberstadt größer als in Berlin

Die jüdische Geschichte der Stadt reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. "Halberstadt gehört zu den ganz wenigen Orten in Deutschland, in denen ein nahezu komplettes Ensemble von baulichen Zeugnissen an die jüdische Tradition der Stadt erinnert", erklärt die Leiterin des Berend Lehmann Museums, Jutta Dick. Es existiert noch das Mikwenhaus, die alte Klaussynagoge sowie das Kantorhaus. "Und wir haben hier drei jüdische Friedhöfe, die ehemalige jüdische Schule, einen Kindergarten und ein ehemaliges jüdisches Altersheim", zählt Dick auf.

Noch bis ins 19. Jahrhundert war die jüdische Gemeinde von Halberstadt größer als die in Berlin. Doch die Nationalsozialisten deportierten in den 1940er Jahren die letzten Halberstädter Juden, nachdem sie ihre barocke Synagoge bereits 1938 zerstört hatten.

Das an sie erinnernde Museum ist nach Berend Lehmann (1661-1730) benannt, einem der bedeutendsten "Hofjuden" seiner Zeit. Von Halberstadt aus war er vor allem für August den Starken in Sachsen tätig. Aus dieser starken Position heraus konnte Lehmann viel zur Verbesserung der Situation der Juden leisten. So finanzierte er die erste Synagoge Berlins in der Heidereuter Gasse, die bis 1942 bestand.

Jüdische Geschichte zu DDR-Zeiten in den Hintergrund gerückt

Die erste Dauerausstellung im Berend Lehmann Museum wurde im September 2001 im ehemaligen Mikwenhaus in der Judenstraße eröffnet. Die neue Schau wird jetzt zusätzlich in der benachbarten Klaussynagoge präsentiert. Bis dahin war es ein langer Weg: Zu DDR-Zeiten war die jüdische Geschichte der Stadt vollständig in den Hintergrund gerückt. In der Klaussynagoge, im Kantorhaus und im Mikwenhaus wurden Wohnungen eingerichtet.

"Die DDR ist praktisch bruchlos in die Arisierung der Nazis eingetreten", so Dick - bereits 1943 wurde aus den ehemaligen jüdischen Einrichtungen ein Zwangsarbeitslager. Erst in den 1980er Jahren habe sich das Bewusstsein verändert, berichtet die Expertin. Stadtpfarrer Martin Gabriel und der Lokalhistoriker Werner Hartmann fingen an, die Nachkommen der jüdischen Halberstädter im Ausland zu kontaktieren.

Sammlung in Halberstadt wächst stetig

20 Familien, die mittlerweile in der ganzen Welt verstreut leben, stifteten für die Schau zahlreiche Fotos und Gegenstände aus ihrem persönlichen Besitz. Dazu gehören ein Thoravorhang oder religiöse Kopfbedeckungen. Eine weitere Besonderheit der Schau: ein Geschäftsbuch von 1749, das 2015 bei der Restaurierung eines Fachwerkhauses in der Unterstadt gefunden wurde. Es steckte, in Lappen gewickelt, im Mauerwerk und gehörte einem gewissen Isaac Melcher. In hebräischer und deutscher Schrift verzeichnet es seine Verkäufe.

"Mittlerweile haben wir mit der dritten und vierten Generation der Nachkommen zu tun. Und die Sammlung wächst stetig - besonders im Corona-Jahr: Die Leute haben einfach mehr Zeit und kramen in alten Familienunterlagen", freut sich Museumsleiterin Dick. Ruth Oppenheimer, die Besitzerin des blauen Poesiealbums, lebt heute hochbetagt in New York. Ihre Mutter aber konnte nicht emigrieren, sie wurde in Auschwitz ermordet. Auch davon erzählt die Ausstellung.

Nina Schmedding
(KNA)

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