Jüdische Gemeindemitglieder versammeln sich im New Yorker Stadtteil Brooklyn für einen Trauermarsch
Jüdische Gemeindemitglieder versammeln sich im New Yorker Stadtteil Brooklyn für einen Trauermarsch

30.04.2020

De Blasio wegen Auflösung jüdischen Trauerzugs unter Druck Nur "harte Liebe" oder Antisemitismus?

New Yorks Bürgermeister de Blasio muss sich nach der Auflösung einer Trauerfeier für einen Rabbiner gegen Antisemitismusvorwürfe verteidigen. Die jüdische Gemeinde hält ihm vor, die Minderheit zu Sündenböcken zu machen.

Yvonne Moore kämpfte sich auf dem Heimweg von ihrer Arbeit als Altenpflegerin mit Schutzmaske und Latex-Handschuhen durch die Trauergemeinde, die Bürgersteige und Straßen in Williamsburg verstopfte. Mehr als 2.500 überwiegend junge Männer der ultraorthodoxen Chassiden-Gemeinde waren gekommen, um Rabbiner Chaim Mertz von der "Kahal Tolath Yakov" das letzte Geleit zu geben.

Trauergäste standen wohl eng nebeneinander 

"Ich habe Hochzeiten gesehen und Beerdigungen", sagt Moore über die Ansammlung der Orthodoxen, die in diesem Teil New Yorks den Ton angeben. "Aber das war die Krönung", erinnert sie sich an die Männer in schwarzen Anzügen und Hüten, die Schulter an Schulter standen - viele ohne Schutzmaske und unter klarer Missachtung der Abstandsregeln im Epizentrum der Corona-Pandemie. "Ich dachte mir: Oh mein Gott, was für ein Gedränge."

So reagierte auch Bürgermeister Bill de Blasio, als er von der Ansammlung erfuhr. Er eilte aus dem Rathaus herbei, um sich selbst ein Bild der Lage zu machen. Er kam zum selben Ergebnis wie die Altenpflegerin, die an vorderster Front gegen das Virus im Einsatz ist. "Absolut inakzeptabel", twitterte der Demokrat. So etwas werde er nicht tolerieren, solange die Stadt das Virus bekämpfe.

"Meine Botschaft an die jüdische Gemeinde und alle Gemeinden ist einfach: Die Zeit der Warnungen ist vorüber." Er habe die Polizei angewiesen, große Gruppen aufzulösen. "Es geht darum, die Krankheit zu stoppen und Leben zu retten."

Die Chassiden in Williamsburg und ihre Unterstützer äußern einen anderen Verdacht. De Blasio gehe es darum, die Juden für die Pandemie verantwortlich zu machen. Es sehe danach aus, klagt Chaim Deutsch, der Williamsburg im Stadtrat vertritt, "dass er eine Gemeinde, die zunehmend das Ziel von Hassverbrechen ist, ins Visier nimmt, sich nicht an die Vorschriften zu halten".

Jonathan Greenblatt, Chef der jüdischen Organisation Anti-Defamation League, sieht das ähnlich. Es sei "empörend", so etwas in einer Zeit zu sagen, "in der so viele Menschen Juden zu Sündenböcken machen".

Kritiker des Bürgermeisters heben hervor, dass am Tag der Beisetzung in anderen Teil New Yorks Tausende Menschen auf den Straßen viel zu dicht nebeneinander standen, um den Salut der "Blue Angels" zu verfolgen, einer Fliegerstaffel für Ärzte und medizinisches Personal.

"Nur Bigotte haben ein Problem, wenn ein paar hundert Chassiden machen, was Tausende Menschen überall in New York am selben Tag auch tun", so der Orthodox Jewish Public Affairs Council.

Trauernde nicht auf Distanz gehalten

Tatsächlich sind die Dinge wohl etwas komplexer. Die Polizei in Williamsburg war offenbar gewillt, die strengen Distanzregeln flexibel anzuwenden. Die Leiter der orthodoxen Gemeinde hatten zugesagt, dafür zu sorgen, dass der Abstand eingehalten wird. Die Idee war, dem Sarg des Rabbiners in einer Prozession zu folgen, bei der die Trauenden weit genug auseinander bleiben.

Jacob Mertz, Sprecher der Synagoge des Verstorbenen, räumt ein, dass der Versuch gescheitert sei, die Trauernden auf Distanz zu halten. "Unglücklicherweise funktionierte das nicht, und die Polizei hat die Menge aufgelöst."

De Blasio entschuldigte sich bei einer Pressekonferenz am Mittwoch (Ortszeit) für seine Wortwahl, blieb aber entschieden in der Sache. Es sei ihm nicht darum gegangen, eine religiöse Gemeinschaft ins Visier zu nehmen. Er habe es mit Liebe gesagt, aber mit "harter Liebe". Wenn seine Sprache verletzend gewirkt haben sollte, so bedauere er das.

Rückendeckung erhält der Bürgermeister von der Polizei. Die Chassiden hätten nicht um Genehmigung gefragt, sondern lediglich ihre Pläne mitgeteilt. Man habe nicht mehr als 100 Teilnehmer erwartet. Dass 25 mal so viel Trauernde kamen, "hat uns auf dem falschen Fuß" erwischt".

Mehr als 162.000 Corona-Infizierte und mehr als 11.800 Tote gibt es allein im Stadtgebiet von New York. Die dicht besiedelten Nachbarschaften der ultraorthodoxen Juden gehören zu den Hotspots der Pandemie. Auch der verstorbene Rabbiner Mertz war selbst ein Opfer des Virus.

Bernd Tenhage
(KNA)

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