Zaun in Auschwitz-Birkenau
Zaun in Auschwitz-Birkenau
Erzbischof Ludwig Schick ist jedes Jahr bei einem Workshop mit jungen Erwachsenen aus ganz Europa in Auschwitz
Erzbischof Ludwig Schick ist jedes Jahr bei einem Workshop mit jungen Erwachsenen aus ganz Europa in Auschwitz

20.01.2020

Neues Buch "Leben mit Auschwitz" über die Dritte Generation Wie Enkel von Holocaust-Überlebenden mit der Geschichte umgehen

Können sich Traumata vererben? Inwieweit prägte Auschwitz nicht nur die Überlebenden, sondern auch die Nachfahren - bis zur dritten Generation? Die Enkel von Holocaust-Überlebenden kommen in einem neuen Buch zu Wort.

"Auschwitz war immer irgendwie im Raum. Man konnte es natürlich auch nicht verschweigen, weil die Nummer auf den Arm meines Opas tätowiert war. Wenn wir als Kinder danach gefragt haben, hat er gesagt. 'Ist eine Telefonnummer, konnte ich mir nie merken.'" Jenny Claus, 42, akzeptierte die Antwort damals, als kleines Mädchen in Chemnitz. "Ich war ja noch in einem Alter, in dem man nicht drüber nachdenkt."

Erst später begann sie, Fragen zu stellen, sprach mit ihrem Opa Justin Sonder, heute 94, über seine Vergangenheit. So erfuhr sie, dass die Mutter ihres Opas, von der es lange nur geheißen hatte, dass sie tot sei, in Auschwitz ermordet worden war.

Urgroßeltern öffnen sich

Dass ihr Großvater sich ihr öffnete, ihr, der ältesten Enkelin erzählte, was seinen Kindern gegenüber oft kein Thema war, scheint typisch für viele Holocaust-Überlebende zu sein. Die Berliner Publizistin Andrea von Treuenfeld hat daraus jetzt ein Buch gemacht: "Leben mit Auschwitz - Momente der Geschichte und Erfahrungen der Dritten Generation".

Darin versammelt sie Zeugnisse der Enkel von Auschwitz-Überlebenden. Was macht es mit einem, wenn die Uroma vergast wurde? Wenn die Angst um das eigene Leben die Großeltern jahrelang beherrscht hat? 75 Jahre nach Befreiung des Lagers durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 zeigt sich, dass die Vergangenheit bis heute das Leben der Nachkommen prägt.

Schweigen der Überlebenden

"Anders als die zweite Generation, die der Kinder, die noch sehr viel stärker geschützt werden sollte und umgekehrt auch die verletzten Eltern schützen wollte, und deshalb das Schweigen der Überlebenden akzeptierte, stellte die dritte Generation Fragen. Und bekam (meistens) Antworten", schreibt von Treuenfeld in ihrem Vorwort. 16 Enkel von Holocaust-Überlebenen, die in Deutschland zu Hause sind, geben in dem Band einen sehr persönlichen Einblick in ihre Familien und legen eine Spur frei, die Folter, Hunger, Todesangst und die Ermordung von Angehörigen in den Biografien ihrer Großeltern und damit auch in ihren Leben hinterlassen haben. Ein Buch, das dem Leser nahegeht und Auschwitz aus der Ferne und der Vergangenheit holt - in den Alltag und die Mitte der Gesellschaft des Jahres 2020.

Zufällig überlebt

"Ich habe lange gebraucht, um zu verarbeiten, was mein Opa mir erzählt hat. Dass er, weil man dachte, dass er tot ist, auf einen Leichenberg geschmissen wurde. Er neben diesen Leichen lag und noch gerade so atmen konnte", erzählt die 18-jährige Vanity Katz, Abiturientin aus Frankfurt am Main. Ihr Opa Schihe, der als Zwölfjähriger nach Auschwitz kam, war an Typhus erkrankt.

Man ging davon aus, dass Vergasen eine Verschwendung gewesen wäre. "Am nächsten Tag wurde mein Opa aus Auschwitz befreit. Die Alliierten-Soldaten fanden ihn per Zufall auf dem Leichenberg, denn sie bemerkten, dass er noch atmete." Schihe Katz, der 2014 in Frankfurt starb, war damals 17 Jahre alt.

Widerstand über den Tod hinaus

Alexander Nachama, Landesrabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen in Erfurt, ist Enkel von Estrongo Nachama, des "Sänger von Auschwitz", der das Vernichtungslager nur wegen seines Gesangs überlebte und nach dem Krieg bekannter Kantor der Jüdischen Gemeinde Berlin war. Er begreift es auch als Auftrag, trotz der Vergangenheit in Deutschland zu bleiben. "Das ist, hat meine Großmutter schon immer gesagt, der Grund, warum sie geblieben ist: dass das Ziel, der Wunsch von Hitler, Deutschland 'judenrein' zu machen, nicht in Erfüllung geht."

Stolz auf die Vorfahren

Und das, obwohl auch die Nachkommen der Holocaust-Überlebenden Antisemitismus aus eigener Erfahrung kennen. Rebekka Goldstein etwa, die 35-jährige Enkelin von Julius Goldstein, der Auschwitz und Buchenwald überlebt hat. Anfang der 90er Jahre stand an der Steinmauer vor ihrem Haus in großen roten Lettern "Jude". "Das war ganz furchtbar für mich", sagt Goldstein, die in Berlin als Team- und Projektassistentin eines Bundesverbandes arbeitet. Dann stellt sie fest: "Trotzdem wurde ich nicht mit Angst erzogen. Nicht mit 'Du heißt Goldstein, halt dich mal lieber zurück'. Ich bin stolz auf den Namen. Und auf meinen Großvater."

Betont wird im Vorwort des Buchs auch, dass die Interviews mit den Nachfahren vor dem Anschlag auf die Synagoge in Halle geführt worden sind. Ob sie sich drei Monate danach im Hinblick auf ihr Lebensgefühl im heutigen Deutschland anders äußern würden, muss offen bleiben.

Nina Schmedding
(KNA)

Gottesdienste auch auf Facebook und Youtube

DOMRADIO.DE überträgt live gestreamte Gottesdienste wie wochentägliche Frühmessen sowie die Sonntags- und Feiertagsmessen ab sofort auch auf Facebook und Youtube.

DURCH-ATMEN - Der neue Podcast

Im Video: Täglicher Gottesdienst

Sehen Sie hier den täglichen Gottesdienst aus dem Kölner Dom. An Werktagen ab 9 Uhr, an Sonn- und Feiertagen ab 12 Uhr in der Mediathek.

Weihbischof Puff: täglicher Impuls und Fürbitten

Messenger-Gemeinde

Morgenimpuls mit Schwester Katharina

Jeden Morgen von Montag bis Freitag on Air und Online: Schwester Katharina Hartleib aus Olpe begleitet Sie mit spirituellen Impulsen in den Tag.

Der gute Draht nach oben!

Tageskalender

Radioprogramm

 31.03.2020
06:30 - 10:00 Uhr

DOMRADIO - Der Morgen

10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • (Kl)Osterpakete aus der Benediktinerabtei Münsterschwarzach
  • Wie funktioniert Seelsorge in Zeiten von Kontaktsperre?
  • Mundschutzmasken-Pflicht auch in Deutschland?
10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • (Kl)Osterpakete aus der Benediktinerabtei Münsterschwarzach
  • Wie funktioniert Seelsorge in Zeiten von Kontaktsperre?
  • Mundschutzmasken-Pflicht auch in Deutschland?
15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Nachmittag

15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Nachmittag

18:30 - 19:30 Uhr

Gottesdienst

19:00 - 22:00 Uhr

DOMRADIO Der Abend

  • Der "Dompolizist" geht in Rente
  • (Kl)Osterpakete in der Corona-Zeit
  • Mundschutzgebot in Österreich
22:00 - 22:30 Uhr

DOMRADIO Nachtgebet

Heutiges Evangelium:
In dieser Woche zu Gast:
In dieser Woche zu Gast:

Passionsspiele 2020

Berichte, Bilder, Interviews und Videos aus Oberammergau.

Wort des Bischofs

Der geistliche Impuls von Kardinal Woelki. Jeden Sonntag neu.

Wochenkommentar

Der DOMRADIO.DE Chefredakteur blickt auf die Woche.

Kostenlose Radio-App für iPhone und Android

Nehmen Sie Ihr DOMRADIO.DE mit wohin Sie wollen und wann immer Sie Lust haben. Funktionen: Nachrichten, Podcasts, Mediathek, Wecker, Sleep-Timer, Bluetooth, Chromecast, AirPlay, CarPlay, Android Wear…