Neues Buch "Leben mit Auschwitz" über die Dritte Generation

Wie Enkel von Holocaust-Überlebenden mit der Geschichte umgehen

Können sich Traumata vererben? Inwieweit prägte Auschwitz nicht nur die Überlebenden, sondern auch die Nachfahren - bis zur dritten Generation? Die Enkel von Holocaust-Überlebenden kommen in einem neuen Buch zu Wort.

Zaun in Auschwitz-Birkenau  / © Markus Nowak (KNA)
Zaun in Auschwitz-Birkenau / © Markus Nowak ( KNA )

"Auschwitz war immer irgendwie im Raum. Man konnte es natürlich auch nicht verschweigen, weil die Nummer auf den Arm meines Opas tätowiert war. Wenn wir als Kinder danach gefragt haben, hat er gesagt. 'Ist eine Telefonnummer, konnte ich mir nie merken.'" Jenny Claus, 42, akzeptierte die Antwort damals, als kleines Mädchen in Chemnitz. "Ich war ja noch in einem Alter, in dem man nicht drüber nachdenkt."

Erst später begann sie, Fragen zu stellen, sprach mit ihrem Opa Justin Sonder, heute 94, über seine Vergangenheit. So erfuhr sie, dass die Mutter ihres Opas, von der es lange nur geheißen hatte, dass sie tot sei, in Auschwitz ermordet worden war.

Urgroßeltern öffnen sich

Dass ihr Großvater sich ihr öffnete, ihr, der ältesten Enkelin erzählte, was seinen Kindern gegenüber oft kein Thema war, scheint typisch für viele Holocaust-Überlebende zu sein. Die Berliner Publizistin Andrea von Treuenfeld hat daraus jetzt ein Buch gemacht: "Leben mit Auschwitz - Momente der Geschichte und Erfahrungen der Dritten Generation".

Darin versammelt sie Zeugnisse der Enkel von Auschwitz-Überlebenden. Was macht es mit einem, wenn die Uroma vergast wurde? Wenn die Angst um das eigene Leben die Großeltern jahrelang beherrscht hat? 75 Jahre nach Befreiung des Lagers durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 zeigt sich, dass die Vergangenheit bis heute das Leben der Nachkommen prägt.

Schweigen der Überlebenden

"Anders als die zweite Generation, die der Kinder, die noch sehr viel stärker geschützt werden sollte und umgekehrt auch die verletzten Eltern schützen wollte, und deshalb das Schweigen der Überlebenden akzeptierte, stellte die dritte Generation Fragen. Und bekam (meistens) Antworten", schreibt von Treuenfeld in ihrem Vorwort. 16 Enkel von Holocaust-Überlebenen, die in Deutschland zu Hause sind, geben in dem Band einen sehr persönlichen Einblick in ihre Familien und legen eine Spur frei, die Folter, Hunger, Todesangst und die Ermordung von Angehörigen in den Biografien ihrer Großeltern und damit auch in ihren Leben hinterlassen haben. Ein Buch, das dem Leser nahegeht und Auschwitz aus der Ferne und der Vergangenheit holt - in den Alltag und die Mitte der Gesellschaft des Jahres 2020.

Zufällig überlebt

"Ich habe lange gebraucht, um zu verarbeiten, was mein Opa mir erzählt hat. Dass er, weil man dachte, dass er tot ist, auf einen Leichenberg geschmissen wurde. Er neben diesen Leichen lag und noch gerade so atmen konnte", erzählt die 18-jährige Vanity Katz, Abiturientin aus Frankfurt am Main. Ihr Opa Schihe, der als Zwölfjähriger nach Auschwitz kam, war an Typhus erkrankt.

Man ging davon aus, dass Vergasen eine Verschwendung gewesen wäre. "Am nächsten Tag wurde mein Opa aus Auschwitz befreit. Die Alliierten-Soldaten fanden ihn per Zufall auf dem Leichenberg, denn sie bemerkten, dass er noch atmete." Schihe Katz, der 2014 in Frankfurt starb, war damals 17 Jahre alt.

Widerstand über den Tod hinaus

Alexander Nachama, Landesrabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen in Erfurt, ist Enkel von Estrongo Nachama, des "Sänger von Auschwitz", der das Vernichtungslager nur wegen seines Gesangs überlebte und nach dem Krieg bekannter Kantor der Jüdischen Gemeinde Berlin war. Er begreift es auch als Auftrag, trotz der Vergangenheit in Deutschland zu bleiben. "Das ist, hat meine Großmutter schon immer gesagt, der Grund, warum sie geblieben ist: dass das Ziel, der Wunsch von Hitler, Deutschland 'judenrein' zu machen, nicht in Erfüllung geht."

Stolz auf die Vorfahren

Und das, obwohl auch die Nachkommen der Holocaust-Überlebenden Antisemitismus aus eigener Erfahrung kennen. Rebekka Goldstein etwa, die 35-jährige Enkelin von Julius Goldstein, der Auschwitz und Buchenwald überlebt hat. Anfang der 90er Jahre stand an der Steinmauer vor ihrem Haus in großen roten Lettern "Jude". "Das war ganz furchtbar für mich", sagt Goldstein, die in Berlin als Team- und Projektassistentin eines Bundesverbandes arbeitet. Dann stellt sie fest: "Trotzdem wurde ich nicht mit Angst erzogen. Nicht mit 'Du heißt Goldstein, halt dich mal lieber zurück'. Ich bin stolz auf den Namen. Und auf meinen Großvater."

Betont wird im Vorwort des Buchs auch, dass die Interviews mit den Nachfahren vor dem Anschlag auf die Synagoge in Halle geführt worden sind. Ob sie sich drei Monate danach im Hinblick auf ihr Lebensgefühl im heutigen Deutschland anders äußern würden, muss offen bleiben.

Erzbischof Ludwig Schick ist jedes Jahr bei einem Workshop mit jungen Erwachsenen aus ganz Europa in Auschwitz / © N.N. (shutterstock)
Erzbischof Ludwig Schick ist jedes Jahr bei einem Workshop mit jungen Erwachsenen aus ganz Europa in Auschwitz / © N.N. ( shutterstock )
Autor/in:
Nina Schmedding
Quelle:
KNA
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