Jüdisches Leben
Jüdisches Leben

18.09.2018

Wie eine jüdische Gemeinde in Berlin Jom Kippur feiert "Immer ein Gemeinschaftsgefühl"

Die jüdischen Gemeinden in aller Welt bereiten sich auf den feierlichsten Tag im jüdischen Jahr vor: Jom Kippur. Schon am Vorabend beginnt dieser Abstinenztag. Wie begeht eine jüdische Gemeinde diesen Versöhnungstag in Deutschland?

DOMRADIO.DE: Warum ist Jom Kippur so wichtig?

Benno Simoni (Vorstandsmitglied der freien, jüdischen Gemeinde Bet Haskala in Berlin): Jom Kippur ist der höchste jüdische Feiertag, der Abschluss der zehn Bußtage. Im Gegensatz zum üblichen Neujahrsrummel, den man beim bürgerlichen Neujahrsfest hat, ist bei uns das neue Jahr etwas anders geprägt. Wir haben vor zehn Tagen den Beginn des Neujahrsfestes gefeiert, Rosch Haschana, und unser Glaube sagt, an Neujahr wird das Buch des Lebens geöffnet. Dort werden die eingetragen, die im nächsten Jahr leben werden.

Zu Jom Kippur wird dann dieses Buch besiegelt, das heißt man hat 10 Tage die Möglichkeit zu überlegen, was habe ich falsch gemacht. Jeder soll sich dies überlegen, aber keiner weiß, wo er eingetragen wird. Wenn man vielleicht Umkehr getan hat, dann wird endgültig das Buch besiegelt. Dann ist besiegelt, wer im kommenden Jahr leben wird und wer im kommenden Jahr geht.

DOMRADIO.DE: Wie bereiten Sie sich auf das Fest vor?

Simoni: Indem man sich wirklich Gedanken macht, was habe ich im letzten Jahr gut und was habe ich schlecht gemacht. Wie kann ich mein Leben ändern? Welche Sachen kann ich eventuell verbessern? Das sind die wichtigsten Vorbereitungen. Und dann ist natürlich eine wichtige Vorbereitung, dass ich heute Mittag nochmal genug gegessen habe. Jetzt gilt es ungefähr 25 Stunden nichts essen und nichts trinken. Das gehört zu Jom Kippur dazu. Das ist ein absoluter Fasttag. Wir dürfen weder arbeiten, noch essen, noch trinken. Man soll sich  ganz und gar gedanklich hingeben und dann endgültig ins neue Jahr eintreten.

DOMRADIO.DE: Aber das passiert durchaus gemeinsam?

Simoni: Ja, das passiert nur gemeinsam. Das erkennt man auch an unseren Gebeten. Wir sagen zum Beispiel nicht "Ich habe gesündigt", sondern wir beten "Wir haben Fehler gemacht". Es ist immer eine Gemeinschaftsgefühl und man muss auch gemeinsam alles durchstehen.

DOMRADIO.DE: Was passiert dann nach den 25 Stunden?

Simoni: Da darf man wieder essen. Wir werden morgen Abend nach unserem Gottesdienst, um 20.28 Uhr, nach Aufgehen des Abendsterns, wieder etwas essen dürfen. Wir essen da auch eine Kleinigkeit gemeinsam. Man kann eben nach 25 Stunden kein ganzes Menu essen.

DOMRADIO.DE: Nun ist in Israel an diesem Tag alles geschlossen. Das öffentliche Leben steht still, das jüdische zumindest. In Berlin ist das natürlich anders. Ist es schwierig für Sie in Feiertagstimmung zu kommen?

Simoni: Wir leben ja schon lang in der Diaspora und kennen es nicht anders. Unser Leben ist dadurch geprägt, dass das Umfeld nicht die jüdischen Feiertage einhält. Es ist überhaupt kein Problem. Ich bin ja nicht gezwungen einkaufen oder in Restaurants zu gehen. Die sind trotzdem da und ich kann vorbeilaufen. Ich kenne auch niemanden, der damit ein Problem hat. Natürlich ist es ein anderes Erlebnis, wenn man Jom Kippur in Israel erlebt, wenn alle Geschäfte geschlossen sind. Aber es ist normal, dass das Leben weitergeht. Wir kennen das ja auch jede Woche, am Sabbat soll man ja auch nicht arbeiten oder einkaufen.

Das Gespräch führte Martin Mölder.

(DR)

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