20.01.2012

Das jüdische Leben in Deutschland 70 Jahre nach der Wannsee-Konferenz "Gemeinschaftlich gegen Vorurteile kämpfen!"

Am 20. Januar 1942 wurde auf der Wannsee-Konferenz der systematische Völkermord an den Juden beschlossen. Auch 70 Jahre später ist in Deutschland noch vieles im Argen. Im domradio.de-Interview fordert der Publizist Günther B. Ginzel ein neues gesellschaftliches Miteinander im Kampf gegen antisemitische Strömungen.

domradio.de: 70 Jahre ist die Wannsee-Konferenz jetzt her. Heute leben wieder mehr als 100.000 Juden in Deutschland. Wenn man sich das blühende jüdische Leben vor dem Massenmord anschaut, sind es eigentlich immer noch wenige Gläubige, oder?
Ginzel: Es sind wenige, aber immerhin weit über 100.000 in den Gemeinden - und daneben gibt es sicher auch noch weitere. Aber Sie haben insofern natürlich recht: Wenn man sieht, was einmal war. Das deutsche Judentum hatte ganz West-Europa und die übrige Welt beeinflusst. Judentum heute in seiner modernen Auffassung - von Reformjuden, liberal, konservativ bis orthodox - ist in Deutschland geprägt worden, hier ist die Wurzel. In Zusammenarbeit mit deutscher Kultur und mit deutschem Geist. Das ergab die faszinierende Situation, dass Menschen so tief verwurzelt waren in diesem Land, dass sie es eben auch nicht fertiggebracht haben, rechtzeitig auszuwandern.

domradio.de: Durch die geringe Zahl der Juden hierzulande ist den meisten Menschen in Deutschland die jüdische Religion fremd. Judentum wird meistens mit Schuld und Holocaust verbunden. Sehen Sie das auch so?
Ginzel: Ja, und ganz besonders in der Öffentlichkeit. Es ist ganz merkwürdig, dass wir als Juden im Grunde genommen nur durch die Brille des Holocaust wahrgenommen werden. Gleichzeitig wird es beklagt, und man sagt, es drehe sich immer nur um die Vergangenheit. Aber ich merke das an der Resonanz, etwa wenn ich zu Vorträgen eingeladen werde. Wenn es das Thema ist: Judentum heute, jüdische Gemeinden, jüdische Gesellschaft, jüdisches Leben heute - ist der Zuspruch minimal. Wenn es um die Shoa geht, wenn es um Jesus, den Juden geht, ist der Saal voll. Es ist ein merkwürdiges, riesiges Desinteresse am jüdischen Leben heute. Und gleichzeitig wird es beklagt. Das ist eine Schizophrenie. Und für Juden selbst, vor allen Dingen die jüngeren, spielt das auch nicht mehr die zentrale Rolle. Es sei denn, es fehlen bei so vielen Opa und Oma, also die dezimierten Familien erinnern daran. Aber man möchte die Gegenwart und die Zukunft gestalten in diesem Land mit der Mehrheitsgesellschaft. Und eben nicht immer nur als leidend dargestellt werden.

domradio.de: Welche antijüdischen Klischees halten sich denn auch heute noch in Deutschland?
Ginzel: Die speisen sich zum Teil daraus, indem es heißt: Die Juden drücken auf die Tränendrüse, die Juden kriegen den Hals nicht voll, die Juden wollen und wollen. Was ja erstaunlicherweise in diesem Ausmaß gar nicht stimmt. Es sind ansonsten die klassischen Klischees es religiösen und politischen Antisemitismus. Wobei der Anteil der Menschen in Deutschland, die ein anti-jüdisches Weltbild haben, in etwa dem entspricht, was wir auch in Frankreich oder England antreffen. Was die Sache nicht verharmlost. Aber wir müssen einfach wissen: Es gibt in der Gesellschaft einen Teil von Leuten, die können den Papst und die Katholiken nicht ausstehen. Und die können die Juden nicht ausstehen. Von den Protestanten will ich erst gar nicht reden. Es gibt nicht wenige Menschen, die ohne ein vorurteilbehaftetes nicht auskommen. Solange das eine kleine Minderheit ist, solange man ihr klarmacht, das ist nicht gesellschaftskonform, die Mehrheit will es nicht, die Kirchen wollen es nicht, die demokratischen Parteien wollen es nicht, ist das keine so große Gefahr. Wenn man aber den Eindruck gewinnt, wie in Teilen von Ostdeutschland, dass in Grunde genommen entweder die Lahmheit so ausgeprägt ist oder daneben eben eine stillschweigende Übereinkunft herrscht, dann bekommen wir auf einmal geschlossene neonazistische Strukturen, gerade in der Jugend, in Opposition zu den Lahmärschen in der Gesellschaft und im Bundestag. Und das macht die Gefahr aus. Und deswegen gibt es bis jetzt kein einziges funktionierendes Rezept bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus in Ostdeutschland, der viel antisemitischer ist, als der in Westdeutschland. Hier ist einfach gefordert, dass die Gesellschaft als Gesellschaft aufsteht und sich wehrt. Und solange sie das nicht in nötigem Umfang tut, bis ins letzte Dorf hinein, solange werden wir das Problem eines wirklich veritablen, organisierten Rechtsextremismus, der ebenso antisemitisch wie kirchenfeindlich ist, haben. Und von daher haben wir heute eine neue Situation, als dass wir als Christen und Juden gemeinschaftlich gegen diese Vorurteile kämpfen müssen. Und im Großen und Ganzen auch kämpfen.

Das Gespräch führte Christian Schlegel.

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