Kondolenzbuch für Kardinal Meisner
Kondolenzbuch für Kardinal Meisner

05.07.2018

Erster Todestag von Joachim Kardinal Meisner Fromm und streitbar bis zuletzt

Der frühere Kölner Erzbischof Joachim Meisner war einer der profiliertesten Köpfe des Katholizismus in Deutschland. Er scheute keine Konflikte in Richtung Politik und Kirche. An diesem Donnerstag jährt sich sein Tod zum ersten Mal.

Sehen Sie hier das Leben Joachim Meisners in der Bildergalerie.

Er pflegte das klare und das kritische Wort. Wenn der frühere Kölner Erzbischof Joachim Meisner Glaubenslehre oder gesellschaftliche Moral bedroht sah, dann ging er als Verteidiger in die Offensive. Seinen Unmut zu spüren bekam selbst Papst Franziskus, für dessen Ehe-Lehre er wenig übrig hatte. Dagegen sah er dessen Vorgänger, Johannes Paul II. und Benedikt XVI., ganz an seiner Seite.

Zweifel am Zölibat, Forderungen nach dem Frauenpriestertum oder die Anerkennung der "Homo-Ehe" forderten den Widerspruch Meisners heraus. Und eben auch das Schreiben "Amoris laetitia" von Franziskus. Gemeinsam mit drei anderen Kardinälen forderte er im November 2016 den Papst in einem öffentlich gewordenen Brief zur Klärung mehrerer "Zweifel" ("Dubia") auf. Dass wiederverheiratete Geschiedene in Einzelfällen zur Kommunion zugelassen werden, ließ dem Ruheständler keine Ruhe.

Ausstieg aus Schwangerenberatung

Meisner, der nach 25 Jahren an der Spitze des mitglieder- und finanzstarken Erzbistums Köln im Februar 2014 altersbedingt aus dem Amt schied, scheute keine Konflikte. So missfiel ihm, dass die Bescheinigung über eine Schwangerenberatung Frauen einen straffreien Abbruch ermöglichte. Auf seine Initiative hin verfügte Papst Johannes Paul II. 1999 den Ausstieg der katholischen Kirche in Deutschland aus dem staatlichen System der Schwangerenberatung - ein Schritt, den eine beträchtliche Anzahl von Bischöfen nur ungern vollzog.

Gegenwind aushalten - diese Haltung hat der 1933 im schlesischen Breslau (Wroclaw) geborene Geistliche besonders in der DDR entwickelt. Mit der Familie flüchtete er 1945 nach Thüringen, wo er nach einer Banklehre Priester und dann Weihbischof in Erfurt wurde.

Honecker Contra gegeben

1980 kam er als Bischof in die geteilte Stadt Berlin und legte sich mit Honecker und Genossen an. Angesichts der Sowjetsterne auf vielen öffentlichen Gebäuden der DDR rief er beim Dresdner Katholikentag 1987 in die Menge, dass die Katholiken "keinem anderen Stern folgen als dem von Bethlehem".

Johannes Paul II., zu dem Meisner ein enges persönliches Verhältnis pflegte, wollte ihn nach dem Tod von Kardinal Joseph Höffner gegen den Willen des Domkapitels an der Spitze des Erzbistums Köln haben.

Meisner wechselte am 12. Februar 1989 von der Spree an den Rhein - neun Monate vor dem Fall der Mauer. In Köln, seiner vierten "Heimat", kämpfte er seitdem nicht mehr gegen staatlich verordneten Atheismus, sondern gegen die Gottvergessenheit in einer konsumorientierten Welt.

Augenmerk auf den Lebensschutz

Die besondere Aufmerksamkeit Meisners galt dem Lebensschutz. Scharf wandte er sich gegen Versuche, aktive Sterbehilfe zu erlauben: "Der Mensch soll an der Hand des Menschen sterben, nicht aber durch seine Hand." Nicht minder energisch prangerte er Abtreibungen und Forschungen an Embryonen an, um "alt und krank gewordenes Leben sanieren zu können".

Meisner wollte den Glauben an den Mann oder die Frau bringen, ohne diesen "zu verbilligen". Glaubensfeste wie der Kölner Weltjugendtag 2005 oder der Eucharistische Kongress 2013 in der Stadt mit Elementen wie Anbetungen und Beichten lagen ihm mehr als Katholikentage, wo "zu viel diskutiert und zu wenig gebetet" werde. Ihm gefiel auch nicht das abstrakte Dom-Fenster des Künstlers Gerhard Richter, weil es "eher in eine Moschee oder ein anderes Gebetshaus" als in die gotische Kathedrale passe.

Erschüttert über Papstrücktritt

Erschüttert reagierte der Kardinal 2013 auf den Rücktritt von Papst Benedikt XVI., mit dem er ebenfalls freundschaftlich verbunden war. "Bis zum Tod - das habe ich nicht nur in Bezug auf Ehen so gesehen, sondern auch auf das Papstamt", beschrieb er seine erste Reaktion. Später seien seine Vorbehalte aber "weggeschmolzen", bekundete der Kardinal Verständnis für die körperliche Schwäche Benedikts.

Zwischen Franziskus und Meisner bestand ein eher distanziertes Verhältnis, wenngleich der Kardinal keinen Zweifel daran ließ, dass der Lateinamerikaner legitimer "Nachfolger Petri" ist. Meisners kompromisslose Haltung hat ihm das Etikett "konservativ" eingebracht. Er sah das positiv. Denn konservativ meine doch nur, "den Glauben zu bewahren".

Bewegende Trauerfeier

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Meisner starb am 5. Juli 2017 im Alter von 83 Jahren während seines Urlaubs in Bad Füssing. Die bewegende Trauerfeier am 15. Juli wartete mit zahlreichen Zeichen auf - und viel kirchlicher Prominenz: Für einen Tag war Köln das Zentrum der katholischen Welt. Ab 9 Uhr gab es keine Sitzplätze mehr im Dom. Auch wenn es nicht 10.000 waren wie 1987 bei der Beisetzung von Meisners Vorgänger Kardinal Joseph Höffner, so hatten sich doch Tausende an diesem frischen Sommermorgen aufgemacht, um Abschied zu nehmen.

Begonnen hatte der Tag mit einer Prozession von der Basilika Sankt Gereon, wo Meisner zuvor aufgebahrt war. Ein kilometerlanger Trauerzug hatte den schlichten Eichensarg in einem dunkelblauen Leichenwagen zum Dom begleitet. Vor ihm wurden Meisners Mitra sowie sein Bischofsstab mit der Krümme nach unten getragen. Rund 50 Bischöfe aus 20 Ländern sowie Hunderte Priester und Ordensleute gingen betend mit. Auch zahlreiche Mitglieder der Kölner Karnevalsvereine, von katholischen Verbänden und Schützenbruderschaften bis hin zur Schlesischen Landsmannschaft waren mit ihren traditionellen Fahnen und Uniformen vertreten.

Vertretern aus Politik und Gesellschaft

Ranghöchster Politiker war Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Neben amtierenden Bischöfen waren auch ehemalige deutsche Oberhirten nach Köln gekommen, unter ihnen aus Rom Kardinal Gerhard Ludwig Müller sowie der frühere Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, der Blicke auf sich zog. Viele Menschen säumten betend oder fotografierend die Strecke. Sie führte in Sichtweite am Kölner Bischofshaus vorbei, in dem Meisner rund ein Vierteljahrhundert lang wohnte.

Im Dom dauerte es fast 20 Minuten, bis die Prozession unter dumpfem Glockengeläut Einzug gehalten hatte. Meisners Nachfolger Kardinal Rainer Maria Woelki leitete die Feier. Auf dem Sarg vor dem Altar standen Meisners Primizkerze, Mitra und Kelch.

Botschaft von Papst Franziskus

Zu Beginn der Feier überbrachte der Apostolische Nuntius, Erzbischof Nikola Eterovic, eine Botschaft von Papst Franziskus, in der er den unerschrockenen Einsatz Meisners für Glauben und Kirche und die Menschen in Ost und West hervorhob. Die Predigt hielt der Erzbischof von Esztergom-Budapest, Kardinal Peter Erdö, ein langjähriger Wegbegleiter des aus Schlesien stammenden Meisner. Als Bischof von Berlin sei Meisner in beiden Teilen der damals geteilten Stadt pastoral zuständig gewesen. "Es war eine ganz heikle Position, die viel Verständnis und Diplomatie von ihm verlangt", sagte Erdö. "In dieser verantwortungsvollen Stellung hat er einen kaum zu überschätzenden Beitrag zur deutschen Wiedervereinigung geleistet." In seiner "Freude am Glauben und der pastoralen Arbeit" sei der Kardinal "mit Papst Franziskus kongenial" gewesen, führte Erdö aus.

Bei der Botschaft von Benedikt XVI. war die Spannung im Dom fast mit Händen zu greifen. Er habe noch am Tag vor Meisners Tod am 5. Juli mit ihm telefoniert, las Gänswein vor. "Wir wissen, dass es ihm, dem leidenschaftlichen Hirten und Seelsorger schwerfiel, sein Amt zu lassen, und dies gerade in einer Zeit, in der die Kirche besonders dringend überzeugender Hirten bedarf, die der Diktatur des Zeitgeistes widerstehen und ganz entschieden aus dem Glauben leben und denken", so der frühere Papst. Doch Meisner habe aus der tiefen Gewissheit gelebt, "dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist". Nach dem etwa fünfminütigen Vortrag, bei dem Gänswein mit Tränen zu kämpfen schien, gab es spontanen Beifall.

Letzte Ruhestätte in der Gruft

Dann wurde der Sarg feierlich zum Hochchor getragen, wo Woelki Meisners Beerdigung vornahm. Um Punkt zwölf Uhr läuteten die Glocken für den 94. Kölner Erzbischof. Der Sarg wurde durch eine Öffnung in die Bischofsgruft hinabgelassen, wo er seine letzte Ruhe gegenüber Kardinal Josef Frings findet.

Die Musik durch die Chöre des Kölner Doms, die Meisner stets förderte, gab der Feier eine eigene Prägung. Die dramatischen Klänge des Requiems von Gabriel Faure sorgten für Gänsehaut, während Mozarts Krönungsmesse eine eher festliche Stimmung heraufbeschwor. Als dann das Weihnachtslied "Adeste fideles" erklang, konnte sich Mancher ein Schmunzeln nicht verkneifen. Meisner, der am 25. Dezember geboren war, hatte sich dieses Lied für seine Beisetzung gewünscht.

Das geistliche Testament 

In seinem geistlichen Testament, das Meisner 2011 verfasst hatte, betonte er seine tiefe Frömmigkeit und seinen unerschütterlichen Glauben. Er habe stets versucht, allen im Erzbistum Köln zu dienen. Die Gläubigen bat er inständig, "stehen Sie zu unserem Heiligen Vater. Er ist der Petrus von heute. Folgen Sie seiner Weisung, hören Sie auf sein Wort." Meisner erinnerte in seinem Schreiben weiter daran, sowohl im Nationalsozialismus, als auch im Kommunismus und in der Demokratie habe ihm stets "der Dienst des Papstes immer Orientierung, Ermutigung und Beistand geschenkt".

Das Testament schließt mit den Worten: "Haltet immer zum Papst und Ihr werdet Christus nie verlieren. Nicht die Gnade, die der Apostel Johannes empfangen, begehre ich. Nicht die Vergebung, mit der du dem Petrus verziehen. Die nur, die du am Kreuz dem Schächer gewährt hast, die erflehe ich. Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein."

(KNA)