Kardinal Meisner bei der Eröffnung des Kolumba-Museums im Jahr 2007
Kardinal Meisner bei der Eröffnung des Kolumba-Museums im Jahr 2007
Stefan Kraus
Stefan Kraus
Ausstellung im Kolumba-Museum
Ausstellung im Kolumba-Museum

11.07.2017

Leiter des Kölner Kolumba-Museums zu Kardinal Meisner "Es ist sein Erbe"

Ohne ihn hätte es das Museum Kolumba nicht gegeben, er mochte die Werke von Josef Beuys und warnte vor "entarteter" Kultur. An das Verhältnis des Kölner Kardinals Joachim Meisner zur Kunst erinnert Kolumba-Leiter Stefan Kraus.

domradio.de: Kardinal Meisner wurde vielfach unterstellt, er sei rückwärtsgewandt und konservativ gewesen. Was denken Sie da?

Dr. Stefan Kraus (Leiter des Kunstmuseums "Kolumba" des Erzbistums Köln): Man muss zunächst einmal ganz klar sagen, dass es ohne Kardinal Meisner das Kolumba-Museum gar nicht gegeben hätte. Es ist sein Erbe. Er hat es angestoßen, als er nach Köln kam und gesehen hat, dass es hier ein altes Diözesanmuseum gibt, das von einem Verein getragen war, der kaum die Mittel dafür aufbringen konnte.

Als erstes hat er entschieden, dass sich dieser Verein auflösen möge, und diese Institution in die direkte Trägerschaft des Erzbistums Köln überführt werden soll. Dann hat er festgelegt, dass der neue Leiter des Museums zum ersten Mal in der 140-jährigen Museumsgeschichte kein Geistlicher mehr sein soll, sondern ein studierter Kunsthistoriker. Joachim Plotzeck hat diese Aufgabe übernommen. Er hat daraufhin mit seinem Team zusammen von Kardinal Meisner den Auftrag erhalten, ein neues Konzept zu entwickeln, eine Sammlung aufzubauen und darüber nachzudenken, wo ein Neubau für ein solches Museum entstehen könnte.

domradio.de: War dann das Konzept von Kolumba, eine Mischung aus zeitgenössischer Kunst und alter, kirchlicher Kunst zusammenzubringen, ganz im Sinne von Kardinal Meisner?

Kraus: Sowohl als auch, würde ich sagen. Ich erinnere mich gut an die Eröffnung der Vaticana-Ausstellung 1992 im damaligen Diözesanmuseum, wo wir dank seiner Vermittlung zum ersten Mal den Zugriff auf Leihgaben aus den vatikanischen Museen hatten. Bei dieser Eröffnung haben wir sowohl mittelalterliche Gesänge zur Aufführung gebracht, als auch etwas Zeitgenössisches. Das war damals schon sehr schwierig für ihn, ungewohnt und von ihm so nicht erwartet. Es gab da sicherlich Irritationen.

Ich kann aber rückblickend sicher feststellen, dass aus dieser Irritation heraus ein vertrauensvolles Verhältnis erwachsen ist, das ihm gezeigt hat, dass wir alte und neue Kunst gleichermaßen ernst und seriös verantworten und mit einer großen Leichtigkeit zusammenführen wollen. Hinter unserem Konzept steckte ein ganz einfacher Gedanke: Wenn Kirche in Kunst und Kultur investiert, dann sollte sie das tun, was sie Jahrhunderte lang hervorragend gemacht hat, nämlich mit der größten Souveränität Kulturförderin zu sein.

Ich glaube, auf diese Weise haben wir uns dann sehr schnell gefunden, so dass ab Mitte der 1990er Jahre völlig klar war, in welcher Weise sich dieses Haus weiterentwickeln wird. Ich fand es großartig an Kardinal Meisner, dass für ihn Kultur und Kirche wirklich zusammengehörten. Das war für ihn untrennbar. Keine Kultur ohne Kirche, aber auch keine Kirche ohne Kultur. Er hat immer auf den Kultus verwiesen, wo beides im Grunde auch immer zusammenkommt. Er hat uns das Vertrauen geschenkt, diesen Gedanken mit Inhalt zu füllen, und er hat sich im Grunde nie eingemischt.

domradio.de: Gab es nicht Situationen, in denen Sie Kardinal Meisner überreden mussten?

Kraus: Die ersten Jahre waren manchmal auch ein wenig schwierig. Wir wollten bewusst machen, dass wir nach einem Jahrhundert der Diskussion um Kunst und Kirche, die in Köln nie wirklich fruchtbar geworden ist, und angesichts der Tatsache, dass spätestens in den 1950er Jahren der Kontakt zwischen den zeitgenössischen Künstlern und der Kirche abgebrochen ist, die Chance darin besteht, sich von der Kunst her kommend der Kirche anzunähern.

domradio.de: Schlagzeilen machte die Äußerung Kardinal Meisners, als er vor "entarteter“ Kultur warnte. Er wurde daraufhin stark angegriffen. Haben Sie diese Aufregung verstehen können?

Kraus: Überhaupt nicht. Das ist in meinen Augen völlig unkritisch. Ich sage immer, dass es von einer Schweizer Schokoladenfirma eine Pralinenschachtel mit dem Namen "Auslese" gibt. Auch daran könnte man sich stoßen. Ich denke, das war eine künstliche Aufregung, und man wollte bewusst ein kleines bisschen von der Spitze wegnehmen, als man gesehen hat, dass Meisner einen 17-jährigen Planungs- und Bauprozess durchgestanden hat, um so ein schönes Haus zu eröffnen. Da wollte man bewusst Essig in den Wein gießen.

domradio.de: Da hat man ihm also Unrecht getan?

Kraus: Es war aus dem Zusammenhang ganz verständlich, was er meinte. Insofern war das eine künstliche Aufregung. Er hat, wie ich finde, eine ganz große Souveränität darin gezeigt, dass man merken konnte, dass das, was in Kolumba als zeitgenössische Kunst im Zusammenhang mit dem Mittelalter gebracht wurde, nicht unbedingt seinem persönlichen Geschmack entsprach. 

domradio.de: Das Kolumba-Museum wird auch immer wieder als Vermächtnis Kardinal Meisners bezeichnet. Würden Sie auch so weit gehen, dies zu bestätigen?

Kraus: Unbedingt. Er hatte eine Eigenschaft, dass er bei getroffenen Entscheidungen auch felsenfest bleiben konnte und diese auch verteidigt hat. Er war so klug, dass er uns von Anfang an dazu aufgefordert hat, im Abstand von drei Jahren immer wieder seine Räte neu zu überzeugen, um dieses Projekt auf eine breite Plattform zu stellen. Insofern ist das unbedingt sein Vermächtnis.

Mich persönlich hat sehr gefreut, dass es Überschneidungen gab. Zum Beispiel konnte man in Kolumba bei der Vorstellung des Heilig-Geist-Retabel erleben, wie genau er bei mittelalterlicher Kunst hinschaute und wie genau er Kunst verstand und lesen konnte.

Oder bei meiner letzten persönlichen Begegnung mit ihm: Da habe ich ihm unser Buch "Glauben. Andachtsbildchen von A bis Z" gebracht, das gerade zu einem der 25 schönsten deutschen Bücher gewählt worden ist. Da er selber ein großer Sammler von Andachtsbildchen war, hat ihn das sehr gefreut, dass wir so eine umfassende Veröffentlichung auch zu diesem Thema leisten, und auch darüber, wie ernsthaft wir uns neben der Beschäftigung mit der ihm nicht immer zugänglichen Moderne auch mit den tradierten christlichen Inhalten auseinandersetzen.

domradio.de: Josef Beuys hat mit seiner Aktionskunst Geschichte geschrieben. Er war aber auch sehr umstritten. In Erinnerung bleibt bei manchen vielleicht die "Fettecke". Viele konnten mit seiner Kunst nichts anfangen. Überraschenderweise war Kardinal Meisner war ein Anhänger der Kunst von Beuys. Was schätzte er an Beuys?

Kraus: Ich denke, man muss vielleicht so manches Klischee in der Diskussion um sein Erbe und seinen Nachlass überdenken. Ich wusste, dass Kardinal Meisner sehr stark an der Volksfrömmigkeit und unmittelbar erlebbaren Inhalten hängt. Bei allem, was zu intellektuell wurde, wurde für ihn der Zugang dann schon schwieriger. Aber  die Arbeiten von Beuys, der sehr stark über Materialien und die direkte Lesbarkeit von Materialien sprach, war Kardinal Meisner schon sehr zugänglich. Wir haben ja später auch eine sehr wichtige Arbeit von Josef Beuys aus Privatbesitz übernehmen können.

domradio.de: Was war denn für Kardinal Meisner die wichtigste Ausstellung in Kolumba? Gab es die überhaupt?

Kraus: Er hat sich ja nie eingemischt. Ich glaube, das war eine Grundbedingung unserer Arbeit, dass dieses Haus einen Verkündigungsauftrag der Kirche erfüllt, der ganz anders aussieht. Auch in Kolumba werden Menschen mit Christus berührt. Von Beuys stammt der wunderschöne Begriff des "Christus-Impulses" in seinem Werk. Deshalb hat sich Kardinal Meisner nie eingemischt. Das ist auch eine Grundbedingung, wie Kunst sich in einem Haus, das von der Kirche getragen wird, entfalten kann.

Er hat sich zwei Ausstellungen gewünscht. Die erste war zum 100. Geburtstag von Hildegard Domizlaff, einer Kölner Bildhauerin, die er persönlich gekannt hat und deren Nachlass er übernommen hatte und dann über diese Ausstellung in die Sammlung von Kolumba übergegangen ist. Da haben wir eine feine, kleine Ausstellung gehabt, bei der wir im Grunde eine Neubewertung ihres Werkes vorgenommen haben.

Als er den Eucharistischen Kongress nach Köln geholt hatte, hat er uns sehr früh zu verstehen gegeben, dass er sich sehr darüber freuen würde, wenn wir eine Sonderausstellung machen würden. Wir haben es geschafft, die Sonderausstellung mit eine Ausstellung im Jahresthema zu verbinden. Wir haben eine Sonderausstellung mit internationalen Leihgaben zum spezifischen Thema der Eucharistie implantiert. Das hat ihn unglaublich gefreut und er hat uns damals bei der Eröffnung der Ausstellung sehr warmherzig gedankt.

Das Interview führte Silvia Ochlast.

(dr)

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