Dompropst em. Norbert Feldhoff
Dompropst em Feldhoff

06.07.2017

Emeritierter Dompropst erinnert sich an Kardinal Meisner Nepomuk-Figur und Alice Schwarzer

Eine beeindruckende erste Begegnung, die öffentliche Darstellung und fair geführte Kontroversen: Im domradio.de-Interview erinnert sich der emeritierte Kölner Dompropst Norbert Feldhoff positiv an den verstorbenen Kardinal Joachim Meisner.

domradio.de: Mittwochabend haben Sie den WDR-Kollegen gesagt, Kardinal Meisner war "ein liebenswerter, von mir sehr respektierter Gesprächspartner". Was hat ihn so liebenswert gemacht?

Nobert Feldhoff (Emeritierter Kölner Generalvikar und Dompropst): Im direkten Umgang war er freundlich und umgänglich. Ich war in manchen Punkten anderer Meinung als er. Wir hatten aber nie Streit gehabt, was sich wahrscheinlich die meisten gar nicht vorstellen können. Er hatte viel Humor. Das zeigte sich vor allem, wenn man mit ihm auf Reisen oder unterwegs war. Wir haben viel Freude miteinander gehabt, bei aller Ernsthaftigkeit der Arbeit.

domradio.de: Jetzt, nach seinem Tod, erleben wir, dass Kardinal Meisner viel Respekt gezollt wird. Das öffentliche Bild von ihm war jedoch nicht immer positiv geprägt. Wenn Sie dieses öffentliche Bild verändern könnten, was würden Sie sagen?

Feldhoff: Das öffentliche Bild kann man nicht verändern, das würde ich auch nicht versuchen. Es ist bei solchen Persönlichkeiten ja oft so, dass es festgelegte Meinungen gibt, die zum Teil sachlich begründet sind, zum Teil aber auch durch Medien vermittelt sind. Der Kardinal hat einmal gesagt, er sei den Medien dankbar für das schlechte Bild, das sie von ihm zeichnen. Er könne in der Wirklichkeit immer besser dastehen.

Er ging ganz nüchtern damit um, dass seine Provokationen so negativ aufgegriffen wurden. Er hat immer gesagt: "Ich bin nicht für die Menschen da. Ich will die Wahrheit verkünden." Er wollte Menschen helfen, die sich in Sackgassen befinden. Mit seinem öffentlichen Bild ging er sehr nüchtern um.

domradio.de: Sie waren nicht immer einer Meinung mit dem Kardinal, zum Beispiel bei der Schwangerenkonfliktberatung. Wie lief eine Diskussion mit Kardinal Meisner ab?

Feldhoff: Die Diskussion zur Schwangerenkonfliktberatung ging natürlich über viele Monate. Ich habe gelernt, seine Position zu verstehen, die ja auch die Position des Papstes war. Ich habe ihm aber auch in aller Ruhe meine Überzeugung mitteilen können, die ich heute noch habe. Ich bin der Meinung, man hätte in der staatlichen Schwangerenkonfliktberatung bleiben können. Ich habe aber auch Verständnis dafür, wenn man eine andere Meinung hat. Mich störte, dass die andere Position dann die amtliche war und meine faktisch verboten wurde. Großartig war, dass Kardinal Meisner mir erlaubt hat - ohne jeden äußeren Druck -, dass ich in der Kommission der Bischofskonferenz unter Kardinal Lehmann mitarbeiten konnte, obwohl er wusste, dass ich eine andere Position vertrat als er. Das ist eine Größe.

Es ist, wie gesagt, nie zu einem menschlichen Zerwürfnis gekommen. Dann habe ich im Dom einmal in einer längeren Predigt die verschiedenen Positionen klargemacht, ehe der Papst entschieden hatte. Mein Ziel war, den Menschen zu helfen, sich nicht gegenseitig in dieser Auseinandersetzung zu zerreiben. Das war sehr schwierig damals. Erst nachher habe ich dem Kardinal nach der Predigt den Text gegeben. Und er sagte nur: "Du hättest sagen können, dass der Kardinal eine andere Position hat."

domradio.de: Im Jahr 1989 hat Papst Johannes Paul II. Joachim Meisner als Erzbischof nach Köln berufen. Sie haben von Anfang mit ihm zusammengearbeitet. Können Sie sich noch an die erste Begegnung erinnern?

Feldhoff: Wann ich ihm genau zum ersten Mal begegnet bin, weiß ich nicht. Eine der ersten Begegnungen war die Beerdigung des Bischofs in Erfurt. Ich war damals als Vertreter aus Köln von Kardinal Höffner dorthin geschickt worden, da kein Weihbischof konnte. Da sagte er zu mir: "Ach ja, Generalvikare, das sind ganz arme Kerle. Die müssen all' den Dreck aushalten. Ich schenke Ihnen eine Nepomuk-Figur." Nepomuk war damals einer der ersten Generalvikare, der heilig gesprochen wurde. Diese Figur, aus Holz geschnitzt und in Papier eingewickelt, kam nach einiger Zeit. Das war die erste Begegnung mit ihm. Ich war beeindruckt, dass ein Erzbischof aus Berlin Mitleid mit einem Kölner Generalvikar hatte.

domradio.de: Was würde man nicht denken von Kardinal Meisner? Was ist überraschend?

Feldhoff: Sicher hat es viele überrascht, dass er persönlich Kontakte zu Menschen hatte, mit denen man nicht gerechnet hat. Zum Beispiel gab es einen Jesuitenpater, Friedhelm Mennekes, der sehr viel mit moderner Kunst zu tun hatte und sich durchaus kritisch zur Kirche äußerte. Dieser Pater hatte immer, wenn er Ausstellungen in Sankt Peter hatte, ein Exponat im Haus von Kardinal Meisner ausgestellt. Die beiden haben sich trotz aller Kontroversen sehr gut verstanden.

Ein anderer Kontakt bestand zu Alice Schwarzer, die über den Kardinal sagt: "Ich mochte ihn". Beide haben einige kontroverse Themen in ihren Gesprächen ausgespart, aber Schwarzer hat auch mehrere Male bei Fronleichnamsprozessionen in einem Café am Rande gesessen und Kardinal Meisner hat davon erzählt. Er hatte - das bestätigen auch viele - einen guten Zugang zu Menschen, was man nicht unbedingt erwartet, wenn man ihn in Glaubensstärke über Positionen reden hörte. Ein Mensch ist vielschichtiger.

domradio.de: Nachdem der Kardinal 2014 emeritiert ist, hat man in der Öffentlichkeit wenig mit ihm zu tun gehabt. Sie sind quasi Nachbar. Wie haben Sie ihn in dieser Zeit seines Ruhestandes erlebt?

Feldhoff: Wir haben uns ab und zu bei Gottesdiensten im Dom getroffen, seltener auf der Straße, wenn er zur Anbetung in die Kapelle ging; sonst regelmäßig beim Konveniat des Domkapitels, zu dem die pensionierten Domkapitulare eingeladen sind, aber auch die Erzbischöfe und pensionierten Erzbischöfe. Das waren die normalen Begegnungen. Ich glaube, ich war nur einmal in seiner Wohnung.

domradio.de: Können Sie sich noch an die letzte Begegnung erinnern?

Feldhoff: Es ist eine Tradition, dass am Vorabend von Sankt Peter und Paul, am 28. Juni, Weihbischof Schwaderlapp in seinen Garten einlädt. Diesmal gab es wegen des Wetters keinen Grill, sondern einen Braten aus dem Ofen. Da haben wir alle zum letzten Mal Kardinal Meisner gesehen. Er erzählte, er sei gerade in Litauen zu einer Selig- oder Heiligsprechung eines früheren Bischofs von Vilnius gewesen. Darüber hat er sehr intensiv erzählt, auch von früheren Begebenheiten, von Reisen, die ich mit ihm gemacht hatte.

Er war geistig total frisch. Dann ging er etwas früher, wobei er das auch öfter gemacht hat. Da merkte man, dass ihm das Gehen schon schwerer fiel. Und wir merken, dass er schwächer geworden ist - nicht geistig, aber körperlich. Doch niemand hat in diesem Augenblick gedacht, dass er bald sterben würde.

Das Gespräch führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)