Anhänger des türkischen Staatspräsidenten Erdogan
Anhänger des türkischen Staatspräsidenten Erdogan

04.04.2017

Erdogan vergleicht die Europäer mit den Kreuzrittern Griff in die historische Mottenkiste

Wenn der türkische Präsident Erdogan gegen die EU wütet, bemüht er gern einen historischen Mythos: das Leid, das die Christen den Muslimen während der Kreuzzüge angetan haben. Ein Vergleich mit Tücken.

Kreuzritter, Kreuzfahrer, Kreuzzüge: Über 900 Jahre haben diese Begriffe eine erstaunliche Karriere gemacht. Der frühere US-Präsident George W. Bush etwa rief nach dem 11. September 2001 den "Krieg gegen den Terror" aus und bezeichnete ihn als "Kreuzzug". Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) wendet sich in ihrer Propaganda gegen die "ungläubigen Kreuzfahrer". Und derzeit greift auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan tief in die Mottenkiste religiös aufgeladener Begriffe, um vor dem Verfassungsreferendum einen Gegensatz zwischen muslimischer Welt und Europa zu konstruieren und die Türken hinter sich zu vereinen.

"Kreuzritter-Allianz" EU?

Mitte März nutzte Erdogan das Kopftuch-Urteil des Europäischen Gerichtshofs dazu, den Europäern einen "Kreuzzug" gegen den Islam vorzuhalten. Und am Sonntag verwies er auf eine Audienz von Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Staaten bei Papst Franziskus und bezeichnete die EU als eine "Kreuzritter-Allianz". Bewusst verknüpfte Erdogan dabei die Erinnerung an historische Demütigungen der Muslime mit aktuellen Themen: Seit Beginn der Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei 2005 "haben sie uns die ganze Zeit belogen", sagte er bei einer Wahlkampfveranstaltung.

Historiker verweisen darauf, dass die Kreuzzüge bei Europäern und Muslimen sehr unterschiedlich verstanden werden: Die gängige europäische Interpretation definiert sie als die christlichen Heerzüge zur Eroberung oder Befreiung Jerusalems und des "Heiligen Landes" von etwa 1095 bis 1291, als die letzte Festung Akkon wieder an die Muslime fiel.

Kritische Aufarbeitung

Jenseits von Mittelalter-Romantik werden die Kreuzzüge dabei im Westen kritisch aufgearbeitet: Experten wie der Münsteraner Historiker Gert Althoff und der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt werfen die Frage auf, wie das Christentum trotz der Friedensbotschaft Jesu diese Gewalt rechtfertigen konnte. "Für das Töten im Dienste der Kirche stellten die Päpste Belohnung in Aussicht, die die Aufnahme in den Himmel ermöglichte", schreibt Althoff. Der Missionsauftrag des Evangeliums wurde als Aufforderung interpretiert, die "Heiden" notfalls mit Gewalt zum Heil zu zwingen.

In der Vorstellung vieler Kreuzritter ging es um ihr eigenes Seelenheil und eine spirituelle Reform. Wer sich im Kampf gegen die Ungläubigen bewährte, dem versprach die Kirche die Vergebung aller Sünden. Ökonomische und soziale Ursachen kamen hinzu: etwa die Flucht aus Überbevölkerung und Armut oder soziale Verteilungskämpfe und die Aufwertung des Ritterstandes.

Aus muslimischer Perspektive dauerte die Epoche der Kreuzzüge viel länger, wie der Kulturhistoriker Paul M. Cobb in seinem 2015 erschienenen Buch "Der Kampf ums Paradies" schreibt. Demnach begann die "fränkische" Aggression schon 1061 mit der Eroberung des islamischen Sizilien durch die Normannen. Der zweite Schrecken war die christliche "Rückeroberung" des muslimischen Spanien und der iberischen Halbinsel. Der Kampf um das "Heilige Land" geriet beinahe zum Nebenkriegsschauplatz. Aus dieser Sicht endeten die Kreuzzüge erst mit der Vertreibung der letzten Muslime aus Spanien 1492.

Macht, Reichtum und Sklaven

Es hat, darauf besteht Cobb, nie einen gemeinsamen islamischen "Gegenkreuzzug" gegeben; dazu waren die muslimischen Herrscher viel zu uneinig. Dass die Kreuzfahrerstaaten wieder unter islamische Herrschaft kamen, war einzelnen Machthabern zu verdanken. Religion spielte dabei nie die entscheidende Rolle, betont Cobb: Es ging um Macht, Reichtum und um Sklaven.

Dennoch sind insbesondere die Massaker der Kreuzritter an den Muslimen in Jerusalem in der muslimischen Welt zu einem Mythos geworden – das gilt auch mit Blick auf die demütigende Kolonialzeit.

Gern übergangen wird dabei, dass den Kreuzzügen, wie der französische Historiker Jean Flori schreibt, eine mehr als 300-jährige gewaltsame islamische Expansion vorausging. Seit dem 7. Jahrhundert hatten die Muslime den Nahen Osten, Nordafrika, Sizilien und die iberische Halbinsel erobert – viele blühende christliche Gebiete. Nicht zu vergessen, dass 1453, also vor der Vertreibung der Muslime aus Spanien, die Osmanen Konstantinopel eroberten, das Zentrum der orthodoxen Christenheit.

Christoph Arens
(KNA)

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