Islamunterricht an Schulen
Islamunterricht in Frankfurt am Main
Dr. Thomas Lemmen
Thomas Lemmen

13.10.2016

Experte fordert Islamunterricht gegen Extremismus Alle an einem Strang

Immer mehr junge Menschen werden in sozialen Netzwerken radikalisiert. Der Experte für christlich-islamischen Dialog im Erzbistum Köln, Thomas Lemmen, fordert deshalb einen Islam-Unterricht gegen Extremismus.

domradio.de: Wie groß ist die Gefahr im Internet wirklich?

Dr. Thomas Lemmen (Theologe und Experte für christlich-islamischen Dialog im Erzbistum Köln): Ich glaube, das ist nicht zu unterschätzen. Die Gefahr ist groß, weil es sehr viele Angebote gibt, die Jugendlichen auf ihre Fragen, die sie haben, die falschen Antworten geben. Das Problem besteht darin, dass hinter diesen Netzwerken, die von Salafisten betrieben werden, Leute stecken, die ein ganz bestimmtes Islambild vermitteln wollen, was Jugendliche im Grunde dazu bringt, sich solchen Gruppierungen anzuschließen. Das ist in einer Sprache vermittelt, die für Jugendliche ansprechend ist.

domradio.de: Es spricht also die Jugendlichen an, die irgendwo hinten überfallen und keine Antworten auf ihre Fragen kriegen? Ist das so wie der klassische Fall beim Schüler, der außen steht?

Lemmen: So ist es. Der findet keine Antwort bei seiner Familie oder in der Moschee, weil man seine Frage nicht versteht und die Sprache nicht spricht. Der sucht und findet dann für ihn plausible, überzeugende Antworten in deutscher Sprache und in einer Sprache, die er vom Duktus her verstehen kann. Da werden klare Antworten wie "Ja" oder "Nein" oder "Schwarz" oder "Weiß" gegeben. Er meint, dann Dinge zuordnen zu können und für sich Deutungen zu finden.

domardio.de: Man hört auch immer wieder von jungen Nicht-Muslimen, Mädchen oder Jungen, die über die sozialen Medien wie Facebook angesprochen werden. Wie funktioniert das?

Lemmen: Die Methodik oder die Mission der Salafisten richtet sich eben nicht nur an Muslime, sondern auch auf Nicht-Muslime. Die werden gezielt angesprochen – auch auf der Straße oder bei Sportereignissen. Wenn ein Jugendlicher auf diese Spur gebracht wurde, dann sucht der nach Versatzstücken, um nun seine neue Identität zusammenzusetzen. Und wo findet er die am besten? Im Internet bei Facebook oder Youtube. Da sind ellenlange Predigten oder auch Beispiele und Antworten auf Fragen, die man als Muslim hat, wenn man in einer nicht-islamischen Gesellschaft lebt.

domradio.de: Man kennt das ja vom Normalfall: Man lernt jemanden kennen, befreundet sich dann über Facebook oder tauscht Youtube-Links aus. Passiert das hier auch so?

Lemmen: Man muss sich das so vorstellen, dass die Salafisten im Grunde die Protagonisten sind. Sie treten im wahrsten Sinne des Wortes als Wanderprediger auf. Das sind Leute, die durch die Straßen ziehen, zum Teil in Moscheen gehen, in jedem Fall aber ganz gezielt dahin gehen, wo Jugendliche sind. Sie sprechen die Jugendlichen dann beispielsweise an der Bushaltestelle an, fragen sie nach ihrem Leben und ihren Problemen und versuchen so, einen Kontakt zu knüpfen. Auf dem Fußballplatz spielt es sich dann so ab, dass Spiele gegeneinander verabredet werden und falls die Salafisten gewinnen, so sollen die Jugendlichen doch einmal mitkommen. So laufen die Dinge. Man versucht unterschwellig, wie Sekten und andere extremistische Gruppen, Kontakt zu finden, um dann über diesen Kontakt die Leute allmählich für die Ideologie, die man vertritt, zu gewinnen.

domradio.de: Wen sprechen die denn an?

Lemmen: Die primäre Zielgruppe sind muslimische Jugendliche. Da kann man einfacher anknüpfen, weil man mit der Religion schon einen Bezugspunkt hat. Aber auch nicht-muslimische Jugendliche und auch häufig Menschen, die auf der Suche sind und keine stabile Identität haben, sondern auf der Suche nach dem Weg des Lebens sind, werden angesprochen.

domradio.de: Wie erkenne ich Anzeichen, dass mein Kind in Gefahr ist?

Lemmen: Man muss die Kinder sorgfältig beobachten. Wenn sie sich zurückziehen, wenn sie sich anders verhalten oder wenn sie Dinge und Selbstverständlichkeiten nicht mehr machen wollen, dann sollte man dem auf den Grund gehen.

domradio.de: Haben Sie da ein Beispiel?

Lemmen: Das fängt damit an, dass das Kind oder der Jugendliche jetzt nicht mehr zum Geburtstag gratuliert bekommen will oder an Weihnachten nicht mitfeiern will. Das muss zwar nicht alles Extremismus sein. Aber es schadet nicht, sich zu fragen, woher kommt das? Solche Veränderungen können mit ein Hinweis sein.

domradio.de: Hatten Sie schon mal Kontakt mit Eltern, die diese Befürchtungen hatten?

Lemmen: Es kommt vor, dass Menschen anrufen und sagen "unsere Tochter hat sich verändert" oder "wir denken, sie konvertiert zum Islam". Nicht jede Konversion soll gleich das Schlimmste bedeuten, also das mal vorweg. Schlimm ist es, wenn es in extremistischen Kreisen passiert. Aber es ist richtig, das Gespräch mit Fachleuten zu suchen. Wir können nicht immer helfen, aber wir können zu Fachleuten vermitteln.

domradio.de: Hatten Sie schon Kontakt mit Salafisten?

Lemmen: Also ich hatte Kontakt mit Salafisten, die die Angebote im Bereich der Seelsorge nutzen wollten, um ihre Mission zu verbreiten. Zum Beispiel in der Seelsorge, im Justizvollzug, in Krankenhäusern oder in der Notfallseelsorge. Ob es jetzt um Anwerbung ging, das will ich nicht behaupten. Allgemein lässt sich sagen: Extremsituationen machen Menschen sensibel für religiöse Angebote. Kommt da ein falsches Angebot, dann ist das verheerend. Deshalb muss man in solchen Situationen besonders sorgfältig schauen, wen man in solchen Extremsituationen als Freiwilligenhelfen zulässt. Wir brauchen Muslime als Partner in den Seelsorgefeldern, aber man muss in jedem Fall über die Motivation sprechen. Ist das salafistisch? Dann ist das fehl am Platz.

domradio.de: Wie kann man Aufklärung betreiben?

Lemmen: Es ist notwendig, dass der Islam als Lehrfach in die Schulen kommt, um eine vernünftige Alternative zu dem kruden Zeug der Salafisten zu bieten. Dazu brauchen wir gut qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer. Wir haben entsprechende Institute und Ausbildungsstätten. Es muss jetzt halt nur umgesetzt werden.

Wir brauchen endlich Imame, die in Deutschland ausgebildet werden und nicht aus der Türkei kommen und die Sprache nicht kennen. Die Moscheegemeinden müssen das Thema auch wahrnehmen und erkennen. Die islamische Gemeinschaft Millî Görüş tut dort sehr viel, andere sind nicht so aktiv in der Präventionsarbeit.

Das geht nur mit den Muslimen zusammen. Das kann nicht ohne oder über sie gehen, sondern wir müssen ein Netzwerk von Menschen schaffen, die gegen jede Form von Extremismus einstehen.

Das Interview führte Silvia Ochlast.

(DR)

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