Aiman Mazyek
Aiman Mazyek

03.02.2015

Aiman Mazyek zu Rassismus, Radikalisierung und Prävention Es ist kein Antagonismus, Muslim zu sein und deutsch zu sein

"Der Islam braucht den Schulterschluss mit der Gesellschaft", meint der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Mazyek. Im Interview mit Radio Vatikan fordert er eine klare Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus.

Radio Vatikan: In Deutschland gehen ja aktuell nicht nur Pegida-Demonstranten auf die Straße sondern mehr und mehr auch Menschen, die gegen Pegida protestieren. Was sehen sie in diesen Anti-Pegida-Protesten?

Mazyek: Ich erkenne ein Gefühl in der Bevölkerung, dass das was Pegida macht, bzw. deren Rädelsführer, nicht in Ordnung ist, weil es rassistisch ist, weil es an die Grundfesten unserer demokratischen Kultur geht. Zweitens sehe ich eine gewisse Solidarität mit Minderheiten. Es sind ja Flüchtlinge, die insbesondere angriffen werden, aber eben auch Muslime. Und ich glaube, das spürt unsere Bevölkerung. Sie hat ein feines Gefühl dafür, dass man zwar sicherlich eine kritische Auseinandersetzung suchen muss, aber die heißt eben nicht, dass man in den Rassismus abgleitet. Und deswegen gehen so viele Menschen gegen Pegida auf die Straße bzw. für eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft ohne Abstriche.

Radio Vatikan: Trotzdem fühlen sich laut einer Bertelsmann-Umfrage immer noch über die Hälfte der Deutschen vom Islam bedroht. Was muss denn geschehen, damit die Mehrheit der Bevölkerung wirklich sagt: "Der Islam gehört zu Deutschland“?

Mazyek: Wir müssen auch von muslimischer Seite öfter den Schulterschluss mit der Gesellschaft deutlich machen - so wie wir das vor zwei Wochen am Brandenburger Tor gemacht haben. So dass sich auch die Gesellschaft schützend vor die Muslime stellt und klar wird: Wir lassen uns nicht auseinanderdividieren, zum Beispiel durch die Terroranschläge von Paris. Wir sind nicht nur Teil sondern auch glühende Verfechter dieser freiheitlichen Gesellschaft in der wir leben und wollen das auch nicht geändert wissen.

Radio Vatikan: In der aktuellen Debatte gibt es Menschen, die sagen, der Islam sei gleichzusetzen mit Terror. Was setzen sie dieser Kritik entgegen?

Mazyek: Ich glaube, das ist keine Frage von Kritik. Kritik an Muslimen ist gut und wichtig und muss auch weiter so sein. Oft passiert es aber, dass sich hinter der Kritik eigentlich ein Rassismus verbirgt. Es heißt dann Islamkritik, aber es ist nichts anderes als eine hasserfüllte Ablehnung und eine Phobie gegen Muslime und den Islam. Das darf nicht stattfinden. Zweitens müssen wir in Zukunft die Auseinandersetzungen ohne diese ständigen religiösen Zuschreibungen führen. Wenn wir Terror beschreiben, dann ohne dass man einen religiösen Bezug macht. Terror hat keine Religion. Terror ist etwas, was kein Gott, keine Religion in irgendeiner Weise rechtfertigen. Also muss das auch in den medialen Kontext. Das ist in der Vergangenheit sehr oft nicht passiert. Das, was die Pegida-Leute da skandieren, sind zum Teil Slogans aus Überschriften der Qualitätspresse - "Das Boot ist voll", "Entfremdung" und anderes mehr. Ich glaube, da müssen wir selbstkritisch feststellen: Hoppla, da haben wir doch sehr oft diese Trennschärfe zwischen Terrorismus und Extremismus auf der einen Seite und der friedliebenden Religion des Islam nicht eingehalten.

Radio Vatikan: Was ist denn aus ihrer Sicht innerhalb des Islam nötig, damit der Terror die Religion nicht mehr für Gewalt instrumentalisieren kann?

Mazyek: Die Auseinandersetzung, die wir zum Beispiel theologisch zu führen haben, ist, dass bestimmte Aussprüche des Propheten oder Verse von Terroristen missinterpretiert bzw. instrumentalisiert werden. Die Gelehrten oder wir als muslimische Gemeinschaft müssen hier wieder ganz klar versuchen, die Deutungshoheit über diese Verse zu erlangen. Aber auf der anderen Seite spricht das, was der Islam seit 1.400 Jahren sagt und tut - im Kontext des Friedens und des Dialogs mit anderen Religionen – für sich selber. Das muss nicht extra herausdestilliert werden.

Radio Vatikan: Wir erleben gerade von westlich sozialisierten Jugendlichen eine zunehmende Radikalisierung und den Willen, den Islamischen Staat zum Beispiel in Syrien zu unterstützen. Wo sehen sie den Grund für diese Entwicklung?

Mazyek: Wir sehen diese Radikalisierung ja nicht nur in der westlichen Gesellschaft sondern auch in der muslimischen und in anderen Teilen der Welt. Ich glaube, das ist eine Art Faszination für bestimmte Leute, die aus der Gesellschaft aussteigen wollen. Sie haben vielleicht das Gefühl, dass es in der Welt nicht immer gerecht zugeht und sie wollen dagegen was tun. Außerdem lassen sie sich leicht verführen von der archaischen Vorstellung: "Hier die gute Gesellschaft, dort die Bösen." Das ist ein Teil der gefährdeten Leute. Bei wieder anderen ist die Radikalisierung nichts anderes als die Fortsetzung einer kriminellen Laufbahn. Sehr oft sind diese Jugendlichen hier in Deutschland zum Beispiel schon kriminell aufgefallen oder vorbestraft. Sie sehen dort ein Betätigungsfeld, als Rambo aus Terminator zu fungieren und ihren gewalttätigen Exzessen Geltung zu verschaffen. Und dann können sie auch noch draufsetzen, dass das, was sie tun, angeblich religiös legitimiert ist.

Allerdings dürfen wir auch nicht übertreiben: Jeder Einzelne, der das macht, ist einer zu viel. Aber die paar hundert, die wir haben, sind keine große Menge, angesichts von über vier Millionen Muslimen in Deutschland. Trotzdem müssen wir viel früher bei der Prävention ansetzen. Wir müssen die muslimischen Gemeinschaften unterstützen und stärken -  in ihrer Jugendarbeit, in dem, was sie in der Aufklärung leisten. Die Imame müssen qualifiziert werden, um ihr theologisches Wissen noch besser argumentativ rüberzubringen und um Menschen, die vielleicht auf der Kippe sind, wieder zurückzugewinnen. Das sind Dinge, an die wir gesamtgesellschaftlich rangehen müssen. Bei denen es nicht darum geht, den Schuldigen zu suchen und mit dem Zeigefinger auf den anderen zu zeigen. Es ist kein Antagonismus, Muslim zu sein und deutsch zu sein. Das gehört zusammen.

(rv)

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