Salafisten verteilen Koran
Salafisten verteilen Koran

23.10.2014

Kölner Dialogbeauftragter über Radikalisierung von Jugendlichen durch Salafisten Paroli den Rattenfängern

Das gelungene Zusammenleben von Christen und Muslimen sei ein wirksames Mittel gegen Extremismus, sagt Thomas Lemmen im domradio.de-Interview. Er ist Experte für christlich-islamischen Dialog im Erzbistum Köln.

domradio.de: Was ist am Salafismus so attraktiv für junge Menschen?

Dr. Thomas Lemmen (Experte für christlich-islamischen Dialog im Erzbistum Köln): Salafisten haben das Prinzip einer aufsuchenden Sozialarbeit. Sie gehen dorthin, wo junge Menschen sind. Auf die Straße, auf den Spielplatz. Nicht unbedingt in die Moscheen, sondern dort, wo die jungen Menschen sind. Sie sind eben häufig nicht in Moscheen anzufinden. Sie sprechen sie an, manchmal auf ganz lockere Art und Weise. Zum Beispiel: "Lass uns miteinander Fußballspielen! Wenn wir gewinnen, dann geht Ihr mit zu uns und wir reden weiter". So sind sie damit wirklich in der Lebensrealität vieler Jugendlicher angekommen, in der Sprache, in ihrem Auftreten. Was die Salafisten anbieten, was sie so reizvoll macht: Sie bieten Orientierung, Gemeinschaftsgefühl, Werte. Dinge, die viele Jugendliche bei ihren Eltern vermissen, die sie auch so in den Moscheen nicht richtig mitgeteilt bekommen.

Wir müssen uns vorstellen, die Jugendlichen, die angesprochen werden, das sind diejenigen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, die ihren Platz in ihrer Gesellschaft suchen und die manchmal vermittelt bekommen, "entweder oder". Entweder bist Du Muslim oder Du fügst Dich in diese Gesellschaft hinein. Man muss ihnen aber vermitteln, dass es ein "sowohl als auch" gibt: Muslim und Teil dieser Gesellschaft sein, dass das möglich ist. Diese Antworten suchen sie, und die bekommen sie häufig nicht in ihren Familien oder bei ihren Ansprechpartnern in den Moscheen.

domradio.de: Bisweilen konvertieren ja auch Jugendliche zum radikalen Salafismus, die vorher überhaupt nicht gläubig, sondern sogar atheistisch waren. Das kann man ja gar nicht nachvollziehen, oder?

Lemmen: Das sind im Grunde dieselben Prinzipien und Methoden, die wir in früheren Jahrzehnten bei den sogenannten Jugendsekten oder Jugendreligionen hatten. Da geht es um eine Passung. Da bieten Rattenfänger, sag ich mal,  Jugendlichen etwas an, was genau auf sie passt, wo sie sich einfügen können, wo sie eine Heimat finden. Das wären vor 20-30 Jahren andere gewesen, andere Gruppen, andere Namen, andere Personen. Die Instrumentarien sind aber die gleichen.

domradio.de: Viele Jugendliche radikalisieren sich durch das Internet. Wie werden die Jugendlichen da von den Salafisten aufgesucht?

Lemmen: Die Jugendlichen sind im Internet zuhause, jeder hat ein Smartphone oder ein Laptop. Auf diesem Markt oder besser in dieser Nische haben die salafistischen Gruppierungen sich sehr bewusst mit ihren Angeboten platziert. Sie bieten in einer allgemein verständlichen, einfachen Sprache Antworten auf die Lebensfragen der Jugendlichen. Sie bieten ein klares Schwarz-Weiß-Denken, nicht zu kompliziert oder differenziert, sondern ganz einfach so, dass es jeder auch sprachlich nachvollziehen kann. Die Imame in den Moscheen haben es da etwas schwerer, da sie zum Teil nicht so gut deutschsprachig sind. Da zeigt sich eben, dass Religionsunterricht in den Schulen fehlt, es fehlen  Imamausbildungen, um wirklich Paroli bieten zu können.

domradio.de: Sie selbst stehen im Dialog mit vielen muslimischen Gemeinden hier im Erzbistum Köln. Ist das Thema in den Gesprächen und in den Austauschplattformen, die sie haben?

Lemmen: Das ist natürlich ein Thema, weil auch die Moscheegemeinden und die Eltern auch erleben, wie Jugendliche ihnen entgleiten, abdriften. Es gibt auch Fälle, wo Eltern zur Polizei gehen und sagen, unsere Kinder sind verschwunden, sie halten sich im salafistischen Umfeld auf. Das Thema ist in den Moscheegemeinden angekommen, natürlich. Man muss da ganz klar eine Haltung haben, dass man deutlich macht, Muslime sind nicht das Problem, sondern sie sind Teil der Lösung des Problems. Nur in einem gesamtgesellschaftlichen Diskurs, an dem alle teilhaben, kann man das Phänomen oder das Problem bewältigen.

domradio.de: Was kann denn auch die katholische Kirche als Dialogpartner tun?

Lemmen: Der interreligiöse Dialog, das gelungene Miteinander von Muslimen und Christen im Alltag, im Stadtteil, in der Einrichtung, in der Jugendeinrichtung, in Kindergärten - das ist eine wirksame Prävention gegen Extremismus. Wir zeigen dadurch, dass wir unterschiedlich sein und trotzdem zusammenleben. Vieles verbindet uns, unsere Religionen fordern uns auf, das Zusammenleben positiv zu gestalten. Das ist einfach ein wirksames Zeichen, das eine gute Prävention gegen solche Bestrebungen ist.

domradio.de: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Matthias Friebe.

(dr)

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