Halbmond auf der Spitze eines Minarettes der Kölner Zentralmoschee der Ditib
Halbmond auf der Spitze eines Minarettes der Kölner Zentralmoschee der Ditib

05.09.2021

Deutsches Islamforum kommt an einen Wendepunkt Eisbrecher im Dialog mit Muslimen

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 standen Muslime weithin unter Terrorverdacht. Ein deutscher Gesprächskreis hat die Verständigung zwischen Muslimen, Kirchen und Staat in Gang gebracht. Nach 20 Jahren beginnt eine Transformation.

Terror zwang zum Handeln. Nach den Anschlägen von Al Kaida wollten zwei Männer in Deutschland gegen die Sprachlosigkeit das Gespräch setzen, Verständigung statt Verdächtigung, Wissen statt Vorurteile. Das 2002 gegründete Deutsche Islamforum tagte meist halbjährlich in Frankfurt am Main bis Herbst 2019 vor Ausbruch der Corona-Pandemie.

Es hat Muslime untereinander und der Gesellschaft nähergebracht. Am 5. September startet ein neues Dialogformat.

"Islam wurde negativ verstanden"

Es waren der Gießener Mediziner Yasar Bilgin, Vorsitzender des Rats der Türkeistämmigen Staatsbürger in Deutschland und Gründer der Türkisch-Deutschen Gesundheitsstiftung, und der Darmstädter Theologe Jürgen Micksch, Mitgründer der Ausländerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland und Vorsitzender des Interkulturellen Rates in Deutschland, die sich im Herbst 2001 zusammentaten.

"Ich habe in Deutschland erlebt, wie Islam negativ verstanden wurde", erinnert sich Bilgin, "und es gab auch Muslime, die glaubten, dass die Muslime und sogar die islamische Lehre schuld daran sind".

Konflikte unter Muslimen

Die beiden luden im Juni 2002 erstmals Vertreter islamischer Verbände und Gruppen, von Kirchen und Innenministerien einschließlich des Verfassungsschutzes ein. Konflikte gab es vor allem unter den Muslimen selbst. Anfangs sogar zur Frage, wer überhaupt kommen darf.

"Wenn der eine eingeladen wird, kommt der andere nicht", seufzt Bilgin. So gab es eine gegenseitige Ablehnung von Milli Görüs und der Aleviten oder aller Verbände gegen die Ahmadiyya.

Die freundliche Beharrlichkeit der Veranstalter überwand die Vorbehalte, mit Ausnahme der Aleviten, die nach einigen Jahren dem Forum fernblieben. Doch auch außenpolitische Konflikte schlugen durch.

Ärger über politische Inhalte

Als im April 2018 der Leiter der Gülen-Bewegung in Deutschland als geladener Gast in Begleitung erschien, verließ der Vertreter des türkisch-islamischen Verbands Ditib die Runde. Als dann die gastgebende Moschee die Gülen-Vertreter des Raumes verwies, kehrte der Ditib-Vertreter zurück. "Ärger gab es nie über religiöse Inhalte, nur über Vereine und politische Inhalte", stellt Bilgin fest.

An Themen war kein Mangel. Zur Frage des Kopftuches befand das Forum, dass ein Verbot "die institutionelle Diskriminierung einer Religionsgemeinschaft" bedeute. Zum Thema, ob muslimische Schülerinnen am Schwimmunterricht der Schule teilnehmen müssen, befand das Gremium, "dass der Glaubensfreiheit der Schülerin der Vorrang zukommt".

Das Forum begrüßte die Demokratie, die Trennung von Staat und Religion und die Wahrung der Menschenrechte. Doch die Diskussion über Grundrechte ging weiter.

Der Bundesvorsitzende der Ahmadiyya verteidigte im April 2017 die islamische Tradition, ein Mann dürfe neben seiner standesamtlich getrauten Ehefrau weitere Frauen nach islamischem Recht heiraten. Dem widersprachen die übrigen Muslimvertreter entschieden.

Eine Art zweite Chance

Im Rückblick ist das Echo der Teilnehmer positiv, mit wenigen kritischen Anmerkungen. Das Deutsche Islamforum kreiere so etwas wie eine "zweite Chance" für Muslime in Deutschland, sagt Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. So habe der Verfassungsschutz die Muslimische Jugend in Deutschland, der früher eine Nähe zur Muslimbruderschaft nachgesagt wurde, aus dem Bericht herausgenommen.

"Das Forum hat eine Kommunikation aufgebaut, wo muslimische Akteure das erste Mal in einer zivilisierten Form miteinander diskutiert haben", resümiert der Vorsitzende der Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland, Abdullah Wagishauser.

Leider reiche die Auseinandersetzung nicht immer in die Tiefe, sagt Waqar Tariq vom Liberal-Islamischen Bund. Man könne nicht nur sagen, man lehne Gewalt ab und habe mit Terrorismus nichts zu tun, sondern müsse dann auch der klassischen islamischen Theologie widersprechen, wo sie Gewalt als Mittel der Politik rechtfertige, argumentiert er.

Digitale Religionsgespräche

Das Deutsche Islamforum sei an seine Grenzen gekommen, findet der Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland, Detlef Görrig. "Die Pionierarbeit ist zum Mainstream geworden." Inzwischen gebe es auch viele andere Gesprächsforen, etwa den Bundeskongress der Räte der Religionen. "Es bräuchte eine Transformation von Zielen und Aufgaben."

Genau das hat der Moderator Jürgen Micksch mit seinen 80 Jahren vor. Am 5. September starten die monatlich geplanten "Digitalen Religionsgespräche" - dabei sind beim ersten Mal Vertreter von neun Religionsgemeinschaften. Sie müssten lernen, gegen die wichtigen Themen wie Rassismus, Antisemitismus oder Klimawandel zusammenzustehen." Das Deutsche Islamforum wird er zum 20-Jahr-Jubiläum im Juni nächsten Jahres noch einmal einladen.

Jens Bayer-Gimm
(epd)

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