Symbolbild: Vertreter verschiedener Religionen
Symbolbild: Vertreter verschiedener Religionen

30.08.2021

Erstmals tagt Europa-Akademie für Religionen in Deutschland "Ein bisschen ein Tabu-Thema"

Rund 900 Forschende erwartet die Universität Münster zur Jahrestagung einer europäisch ausgerichteten Akademie für Religionen: Bei der "European Academy of Religion" geht es ab Montag vier Tage lang um das Thema Wandel. Ein Ausbick.

KNA: "Religion und Wandel" ist das Thema der European Academy of Religion. Wie viel Wandel steckt denn überhaupt in Religionen?

Prof. Hans-Peter Großhans (Evangelischer Theologe und Präsident der "European Academy of Religion"): Es gibt den Eindruck und auch die Erwartung, dass die Religionen inmitten des sich permanent wandelnden Zeitgeistes der Fels in der Brandung sind und über ihre Rituale, Gottesdienstformen, aber auch in der persönlichen religiösen Praxis eine gewisse Stabilität garantieren. Andererseits zeigen Forschungen, dass sich Religionen durchaus wandeln, zum Beispiel Dogmen in der katholischen Kirche.

In Deutschland haben wir oft den Eindruck, dass Religionen gesellschaftlich in der Defensive sind. So zeigen Mitgliederbefragungen die nachlassende Bindung an die beiden großen christlichen Kirchen. Andererseits übersehen wir dabei, dass die Religionsgemeinschaften in vielen Teilen der Welt eine gesellschaftstransformierende Bedeutung haben. Hier kann man Afghanistan als aktuelles Beispiel nennen. Wandel bedeutet ja nicht immer, dass es in eine progressive Richtung geht.

KNA: Was haben Religionen zu großen gesellschaftlichen Veränderungen wie etwa dem Klimawandel beizutragen?

Großhans: Seit den 1970er-Jahren positionieren sich die Kirchen in Deutschland klar in der ökologischen Frage. Die große Mehrheit der Glaubenden ist dafür, dass die Bewahrung der Schöpfung ein Ziel sein soll, das auch politisch verfolgt werden muss. Aktuell geht es aber mehr darum, wie dieses Ziel erreicht werden kann. Da bin ich mir nicht sicher, ob die Kirchen oder Religionsgemeinschaften sich einer Richtung anschließen müssen.

Wenn es um Detailfragen geht, gibt es unterschiedliche Positionen. Die Frage nach Wandel stellt sich für die Religionsgemeinschaften zentral an anderen Punkten, zum Beispiel bei der Beteiligung von Frauen an religiösen Ritualen oder der Demokratisierung von Kommunikationsprozessen. Da stecken die Modernisierungsdefizite.

KNA: Die European Academy of Religion tagt zum ersten Mal in Deutschland. 2017 wurde sie gegründet. Welches Ziel verfolgt sie?

Großhans: Es geht unter anderem darum, das Thema Religion auf die europäische Agenda zu setzen. Das ist in Europa ein bisschen ein Tabu-Thema mit der Konsequenz, dass man es heute mit einem weitgehenden religiösen Analphabetentum zu tun hat. Die Leute wissen häufig nicht einmal, was eigentlich die Mitglieder der eigenen Religion glauben und was der Sinn von Ritualen ist. Das führt potenziell auch zu Konflikten, weil Menschen nicht mehr sprachfähig sind und kein Verständnis für die eigene sowie für andere Positionen haben. In Europa gibt es eine plurale religiöse Situation. Wir finden, dass das Thema Religion in der EU auf die Agenda der gesellschaftlich wichtigen Themen gehört. Daran arbeiten wir.

KNA: Die European Academy of Religion ist kein reiner Theologen-Treff. Es halten zum Beispiel auch Psychologinnen und Politikwissenschaftler Vorträge. Warum dieser interdisziplinäre Ansatz?

Großhans: In Europa zerfallen die Diskurse über Fragen von Religionen und Glaube in verschiedene Bereiche - zum Beispiel sprachlich oder konfessionell geprägt. Zudem gibt es heute vermehrt religionsbezogene Forschung in ganz anderen Fächern. Da ein Forum des Austauschs und der Beteiligung zu bilden, ist das Anliegen der European Academy of Religion. Wir wollen diese Diskurse in einen gemeinsamen Diskursraum bringen.

KNA: Vorbild ist die American Academy of Religion, die mit Tausenden Teilnehmenden jährlich als größte religionswissenschaftliche Konferenz der Welt gilt. Sind Ihre Ambitionen ähnlich hoch?

Großhans: Bestimmt 5.000 der rund 15.000 Teilnehmenden pro Jahr sind europäische Forschende, die Flug, Unterkunft und Konferenzgebühr bezahlen. Das hat uns ermutigt auszuprobieren, ob ein solches Format auch in Europa laufen könnte. Meiner Überzeugung nach ist das dringend nötig, damit in der Theologie und den Religionswissenschaften eine europäische Dimension präsent ist. Wir sind weit weg von den Zahlen, die die American Academy of Religion auszeichnen. Aber man muss eben einmal anfangen und schauen, ob eine derartige Veranstaltung einen Widerhall findet.

KNA: Woran liegt es, dass die weltweit größte Konferenz zum Thema Religion in Nordamerika stattfindet? Spielen Religionen in den USA eine größere Rolle?

Großhans: Diese Frage kann man nur spekulativ beantworten. Speziell in Deutschland betrachten wir Religion immer noch unter dem Blickwinkel der Säkularisierung und Modernisierung. In den USA wird ganz anders auf das Feld geschaut. Dort blickt man nicht auf den Verfall eines früheren Staatskirchentums - das gab es nämlich nicht.

Stattdessen schaut man in den USA eher auf den Markt nach dem Motto "Konkurrenz belebt das Geschäft". Das amerikanische Modell zeichnet sich meiner Ansicht nach dadurch aus, dass ganz viele Akteure - christliche und andere - immer etwas anbieten und die Individuen dann entscheiden, was sie anspricht. Ich glaube, deshalb wird in den USA das Thema Religion stärker diskutiert. Zudem gibt es dort viele Bildungseinrichtungen, die sich mit Religion beschäftigen.

Das Interview führte Anita Hirschbeck.

(KNA)

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