Sinti und Roma, Juden und Protestanten gedenken in Auschwitz
Sinti und Roma, Juden und Protestanten gedenken in Auschwitz
Bedford-Strohm in Gedenkstätte Auschwitz
Bedford-Strohm in Gedenkstätte Auschwitz

04.08.2020

Bedford-Strohm gedenkt Sinti und Roma in Auschwitz Die vergessenen Opfer des Holocaust

Zum Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma besuchen hochrangige Vertreter des Zentralrates der Juden, des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma und der Evangelischen Kirche gemeinsam die KZ-Gedenkstätte Auschwitz. Heinrich Bedford-Strohm zeigt sich tief bewegt.

DOMRADIO.DE: Wie haben Sie diese Gedenkfeier erlebt?

Heinrich Bedford-Strohm (Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland): Ja, es war natürlich eine sehr berührende Stunde. Man ist an dem Ort, an dem das tatsächlich alles passiert ist, an dem die Menschen aussortiert wurden, an dem die Menschen in die Gaskammern geschickt wurden, an dem Menschen geschrien haben, vielleicht auch noch zeitweise gehofft haben, weil man sie hinters Licht geführt hat. Und dann den Tod gefunden haben. Allein an einem Tag sind es über 4.000 gewesen, und wir haben die Zahl gehört, eine halbe Million insgesamt. Es sind unfassbare Zahlen, aber jedes einzelne Schicksal ist auch unfassbar, die Brutalität. Und dann ist man da und steht da, legt den Kranz nieder. An dem Ort, an dem das tatsächlich alles passiert, es ist ein Tag, den ich nicht vergessen werde.

DOMRADIO.DE: Vor allen Dingen, wenn wir über Sinti und Roma sprechen, ist das tatsächlich auch vielen Menschen so gar nicht bewusst. Staatsminister Roth hat jetzt gesagt, er findet den Wissensstand zu diesem Thema teilweise beschämend. Wie bewerten Sie das?

Bedford-Strohm: Ja, das kann ich nur unterstreichen. Das ist tatsächlich so. Wenn wir das Wort Sinti und Roma hören, dann denken wir in der Regel nicht zuallererst an den Holocaust, an die Massenvernichtung hier in Auschwitz und an anderen Orten. Viele sind ja auch standrechtlich erschossen worden in ganz unterschiedlichen Regionen, sondern wir denken an bestimmte Dinge, die in den Zeitungsschlagzeilen auftauchen, dass irgendwo Sinti und Roma zugeordnet wird. Ein falsches Verhalten, dass Müll aus dem Fenster geworfen wird oder was immer es ist. Die Tatsache, dass Sinti und Roma unter uns ganz normal leben, dass sie arbeiten, Steuern zahlen und viele gar nicht wissen, welcher Volksgruppe sie angehören - das gerät in den Hintergrund. Dazu gehört eben auch, dass die Geschichte völlig unbekannt ist, was den Sinti und Roma angetan worden ist. Umso wichtiger ist es heute, zu gedenken und darauf hinzuweisen, wer Sinti und Roma sind und dass wir in Freundschaft mit ihnen zusammenleben.

DOMRADIO.DE: Sie arbeiten ja ganz stark auch an der Aufklärung junger Leute. Ein Programmpunkt auf ihrer Reise ist zum Beispiel der Besuch der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz. Der Aufbau dieser Einrichtung wurde stark von der EKD unterstützt. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Bedford-Strohm: Ich stehe jetzt tatsächlich genau hier in der Begegnungsstätte, während wir telefonieren. Wir übernachten hier auch, und mir ist das sehr, sehr wichtig, weil gerade junge Leute natürlich ein Schlüssel sind. Die Menschen, die wir hier getroffen haben, die Jugendlichen, haben das auch selbst erzählt. Sie erfahren das hier sehr hautnah. Aber sie sind eben auch Botschafterinnen und Botschafter in unterschiedlichen Ländern. Sie erzählen die Geschichten weiter. Sie begleiten Seminare, die hier stattfinden, von Besuchergruppen, sodass es nicht nur ein tiefer emotionaler Eindruck ist. Manche sind vielleicht auch einfach sprachlos, fassungslos, ohne dass es verarbeitet werden kann. Das ist ganz wichtig, dass es hier den Ort gibt, wo man hinfahren kann, auch gerade mit jungen Leuten hinfahren kann und die Dinge verarbeiten kann, wo man auch noch mehr weiß, mehr erfährt. Und die jungen Leute, die hier stationär sozusagen sind, die können dabei sehr helfen.

DOMRADIO.DE: Und sehen Sie diesen Auftrag ganz konkret auch bei sich persönlich als Religionsvertreter?

Bedford-Strohm: Auf jeden Fall. Das ist ein Tag, oder eine Erfahrung, die man nie vergisst, wenn man hier selbst war, wenn man an der Rampe gestanden hat, wo die Selektion stattgefunden hat. Die einen wurden noch zum Arbeitseinsatz eingeteilt und die anderen direkt in die Gaskammern geschickt. Und wenn man vor den Ruinen der Gaskammern steht oder durch ein Gebäude geht, wo die Öfen noch stehen. Das vergisst man einfach nicht. Deswegen ist für mich der Auftrag eine riesengroße Selbstverpflichtung, nie wegzuschauen, wenn Unrecht passiert. Sich früh zu Wort zu melden, gerade wenn auch Worte beginnen zu töten, die dann später auch wirklich in physische Gewalt sich fortsetzen. Das alles sind Dinge, die heute auch hoch relevant sind, gerade beim Erstarken rechter Bewegungen in Europa. Und deswegen müssen wir da klar sein, klare Worte finden und uns klar dagegen einsetzen - für die Menschenwürde, für Demokratie.

Das Gespräch führte Verena Tröster.

(DR)

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