Kirche und Moschee
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Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime
Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime

23.11.2018 - 00:00

Aiman Mazyek zu interreligiösen Wegmarken in Europa "Europa braucht Muslime"

Wie können Religionen gemeinsam Zukunft gestalten, ohne sich selbst aufzugeben? Es dürfe kein Einheitsbrei geben, meint der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek im Interview.

DOMRADIO.DE: Wie religiös erleben sie Europa denn heute noch?

Aiman Mazyek (Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland): Ich glaube, wir erleben schon seit einigen Jahren eine Revitalisierung von Religionsgemeinschaften. Das gilt nicht nur für eine bestimmte, sondern für eine ganze Reihe Religionen. Da sind die Kirchen und auch die Christen natürlich mit einbezogen und es wächst dadurch natürlich eine Erwartung. Die Verantwortung war aber immer schon da.

Europa, wie wir es heute haben, mit all den Entwicklungen, Aufklärungen und auch Gegensätzen, mündeten in das, was wir heute haben. Frieden in Europa mit Gleichstellung und Gleichbehandlung kann nicht ohne Religionen funktionieren. Muslime verstehen sich hierbei nicht als Zaungäste der europäischen Entwicklung, sondern sie müssen sich auch viel stärker mit einbringen. Die Zahlen alleine machen es deutlich, etwa 20 Millionen Menschen muslimischen Glaubens leben in Europa. Wir haben viele geschichtliche Entwicklungen, jahrhundertealte Prägungen, auch von muslimischer Präsenz in Europa selbst. Es ist kein neuzeitliches Thema. Insofern braucht Europa Muslime – und Muslime brauchen Europa. Ein richtig verstandener Glaube macht aus einem Muslim einen europäischen Patrioten.

DOMRADIO.DE: Hier in Deutschland haben sich Populisten ja die Verteidigung des christlichen Abendlandes auf die Fahne geschrieben. Macht Ihnen das Angst?

Mazyek: Mir macht der Populismus Angst und er wirkt befremdend, weil er mit den geschichtlichen Zusammenhängen überhaupt nichts zu tun hat. Er klammert einfach radikal aus, dass beispielsweise Muslime mit der christlichen Prägung Europas nicht nur kein Problem haben, sondern vielmehr sie selbst hervorheben. Das ist ja nicht die Herausforderung, sondern die Herausforderung ist, wie wir das Christentum – was beispielsweise Nächstenliebe bedeutet – verstehen und wie wir es umsetzen. Umsetzen für die praktisch gesellschaftlichen Herausforderungen, zum Beispiel im Umgang mit Flüchtlingen, im Umgang mit Mitmenschen anderen Glaubens. Die gleiche Fragen stellen wir uns Muslime auch.

Die populistischen Aussagen sind einfach Slogans der Abgrenzung, um Menschen auszugrenzen. Ein richtig verstandenes Christentum oder auch das "Christ sein" kann ja nicht die Nächstenliebe einfach ausgrenzen. Das tun Populisten und auch Rechtsextreme. Letztendlich ist das nur eine Hülle, da ist kein religiöser Wert dahinter.

DOMRADIO.DE: Umgekehrt haben manche Menschen in Deutschland Angst davor, dass der Islam hierzulande zu stark werden könnte und verwechseln dabei häufig Islam und Islamismus. Wie versuchen Sie dem entgegenzutreten?

Mazyek: Indem wir immer wieder deutlich machen, dass die absolute Mehrheit der Muslime – wie wir sagen "Der Islam" – einen Friedensauftrag hat. Also einen Auftrag, wenn man so will oder auch ein Bewusstsein dafür, Einheit in Vielfalt und Vielfalt in Einheit zu unterstützen, zu verbessern und nicht zu zerstören. Diese Gedanken oder dieses Bewusstsein im öffentlichen Diskurs kommt bisweilen zu kurz. Der radikale Missbrauch des Islams bzw. der Missbrauch einer Religion, ist oft der Diskurs. Da wird eben nicht genau hingeguckt.

Sehr oft werden auch Themen einfach reduziert auf muslimische Prozesse. Wenn Menschen, die Religion für Machtzwecke missbrauchen, dann ist das ein höchst politischer Akt und hat mit Religion als solcher nichts zu tun. Trotzdem islamisieren wir die Debatten und machen es anderen sehr schwer, wirklich dahinter zu schauen. Wir sehen die Entwicklung gerade in Pakistan mit Asia Bibi, die dann höchstrichterlich freigesprochen worden ist und hoffentlich bald nach Deutschland kommt. Wir haben sie auch eingeladen dazu und wollen, dass dieser Prozess vorangeht und ein Großteil der pakistanischen Gesellschaft sieht das genauso. Trotzdem kommt es so rüber, als würde die ganze pakistanische Gesellschaft radikalisiert sein und sozusagen den Tod von Frau Bibi einfordern. Das macht eine sehr kleine Minderheit, die den Islam für ihre Zwecke missbrauchen und ein Stück weit die Politik vor sich her tragen. So wie die Rechtsextremen das hierzulande machen.

DOMRADIO.DE: Wie steht es in ihren Augen um die interreligiöse Zusammenarbeit?

Mazyek: Wir machen gerade auf der lokalen Ebene ganz viel dahingehend, auch auf institutioneller Ebene im Dialog mit der Kirche und den Religionsgemeinschaften – wenn ich an die EKD denke, an die Deutsche Bischofskonferenz oder auch an die Kirchentage. Muslime sind in diesem Kontext nicht mehr wegzudenken.

Das kann aber durchaus ausgeweitet werden. Diese Arbeit und der interreligiöse Dialog ist nicht nur eine einstudierte Übung, sondern er ist letztendlich ja, ich will es mal so salopp sagen, nackte Friedensarbeit. Das ist ein Dienst an den Menschen und ein Dienst an der Gesellschaft selber. Und es ist nicht etwas von irgendwelchen Intellektuellen, die sich im Idealfall zusammentun, sondern es bedeutet dann auch in der Umsetzung: Wie gehe ich mit Fremden um, wie gehe ich mit Flüchtlingen und der Vielfalt um? Das ist richtige Arbeit vor Ort und bisweilen müssen wir auch für unsere Arbeit kämpfen, auch demonstrieren und aufstehen.

DOMRADIO.DE: Ein wichtiges Stichwort ist eine "drohende Selbstaufgabe". Ist das denn eine reale Gefahr? Das meint ja, wer sich auf andere Religionen zubewegt, auch ein Stück eigene Identität verlieren kann?

Mazyek: Unsere Traditionen, eingeschlossen die der christlichen, sagen das überhaupt nicht. Im Gegenteil. Wir haben für uns einen eigenen Wahrheitsanspruch entwickelt, für uns persönlich, in der Gott-Mensch-Beziehungen, aber gleichsam besteht auch Toleranz und Achtung vor allen Dingen. Ich benutze gerne das Wort "Achtung" in dem Zusammenhang. Eine Achtung gegenüber den anderen, die andere Vorstellungen von Gott haben und ebenso am Ende zur Wahrheit führen können. Letztendlich ist es Gottes Entscheidung und nicht meine. Der Mensch ist eben nicht der Richter, Gott besitzt die letzte Instanz.

Ich glaube auf diesen Weg können wir Wahrheitsanspruch zu uns deklarieren und gleichsam tolerant miteinander auskommen und den anderen achten. Dann ist der Dialog auch sehr fruchtbar, weil er deutlich macht, die Gemeinsamkeiten sind meist viel größer. Das Trennende ist höchst spannend, spannender als man ahnt. Manchmal passiert es ja tatsächlich, dass die eine oder andere Seite auch eine Position einnimmt oder sich eine von einem anderen verändert. Und das ist ja das Spannende an Dialog. Dialog bedeutet eben nicht Einheitsbrei, sondern ist ein ganz spannender Diskurs.

Das Gespräch führte Katharina Geiger.

(DR)

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