Bahai-Sprecher zum 200. Geburtstag von Baha'u'llah

"Wir haben alle eine gemeinsame Quelle"

Vor 200 Jahren wurde Baha'u'llah, der Gründer der Bahai-Religion, im Iran geboren. In Deutschland leben rund 6.000 Bahai in etwa 100 Gemeinden nach seinen Lehren. An diesem Wochenende feiern sie vielerorts seinen Geburtstag.

Der Schrein des Bab in den Gärten der Bahai im israelischen Haifa / © Stefanie Järkel (dpa)
Der Schrein des Bab in den Gärten der Bahai im israelischen Haifa / © Stefanie Järkel ( dpa )

KNA: Wer sind die Bahai und was machen sie in Deutschland?

Ingo Hofmann (Sprecher der deutschen Bahai-Gemeinde): Die Bahai-Religion gilt als die jüngste in der Reihe der Weltreligionen. In Deutschland leben Bahai seit mehr als einem Jahrhundert, die erste Gemeinde wurde im Raum Stuttgart gegründet. Derzeit zählen wir etwa 6.000 Anhänger.

Nach unserem Glauben haben alle Religionen eine gemeinsame Quelle und Ursprung; es verbindet sie sehr viel mehr als sie trennt. Dieser gemeinsame Kern aller Religionen ist ein zentraler Gedanke. Leider gerät er bei den meisten Konflikten der Geschichte völlig aus dem Blick. Für die Bahai stellt die Menschheit eine Einheit dar. Wir Menschen sollten deshalb lernen, das Einende - und nicht die Unterschiede, Gräben und Konflikte - zu sehen. Diesen Lernprozess voranzutreiben ist ein Grundanliegen der Bahai.

KNA: Vor 200 Jahren wurde der Stifter der Bahai geboren. Welche Bedeutung hat die Religionsgemeinschaft heute?

Hofmann: Wir sind eigentlich noch in den Anfängen. Für Religionen sind 200 Jahre keine lange Zeit. Jede Religion braucht eine Anlaufzeit, in der sie sich eine Gestalt gibt, so auch bei uns. Es hat ein halbes Jahrhundert gedauert, bis Anfang des 20. Jahrhunderts erste Bahai-Gemeinden in verschiedenen Ländern und Kontinenten Gestalt annahmen. Man muss dabei bedenken, dass die Bahai-Religion keinen Klerus hat. Es gibt zwar Gremien, die gewählt werden und die Gemeinden leiten. Aber der Prozess der Bildung einer Gemeinschaft ging in den vergangenen 100 Jahren ausschließlich von "unten", von den Bahai-Anhängern aus. Inzwischen gibt es Gemeinden in aller Welt.

Wir gehen von sechs Millionen Bahai aus, die über alle Kontinente verstreut sind. Vor allem in Südamerika, Afrika und ganz besonders stark in Indien. Dort gibt es allein über eine Million Bahai.

Wir verzeichnen keine explosive Entwicklung, sondern eher ein stetiges Wachstum. Die Bahai-Gemeinde wächst in dem Maße wie das Bewusstsein dafür, dass die Erde und die Menschheit eine neue Ausrichtung benötigen und im geistigen Sinn eine Einheit sind. Je mehr dieses Bewusstsein wächst, umso mehr wird auch die Bahai-Gemeinde Fuß fassen.

KNA: Die Bahai vertreten eine weltoffene, friedliebende Haltung. Welche Bedeutung hat sie gerade in der heutigen Zeit, die von vielerlei Konflikten geprägt ist?

Hofmann: Als Baha'u'llah Mitte des 19. Jahrhunderts lehrte, konnten die meisten Menschen nicht verstehen, wovon er redete - mit der Vorstellung, dass die Erde nur ein "Land" ist, konnte früher niemand etwas anfangen. Heute sehen wir die Aktualität der Bahai-Gedanken viel besser. Denn in den letzten Jahrzehnten haben wir erlebt, dass die Erde durch die Globalisierung in einer unglaublichen Geschwindigkeit zusammengewachsen ist - und dass sich daraus sehr viele ungeahnte Konflikte ergeben haben.

Baha'u'llah sagt, dass die Menschheit nicht mehr nach den Mustern der Vergangenheit leben kann, sondern ein neues Gesellschaftsbild benötigt: Die Menschen müssen ihre Vorurteile und Konfliktthemen - ob in religiöser, ethnischer oder nationaler Hinsicht - abbauen und den Blick in die Zukunft richten. Ohne Einigung der Menschheit ist kein Frieden möglich. Der Gedanke, dass die Menschheit in eine Zukunft ohne Kriege steuert und eine starke Verbundenheit spürt, das ist eine zentrale Perspektive der Bahai.

KNA: Inwiefern werden die Bahai in diesem Geiste auch politisch, sozial oder in der Ökumene aktiv?

Hofmann: Unsere Gemeinden engagieren sich nicht parteipolitisch - eher interreligiös und ökumenisch. Denn wir wollen ein Bewusstsein für den gemeinsamen Kern der Religionen schaffen. In unseren Andachten lesen wir aus den Schriften aller Religionen - aus dem Koran, dem Alten und Neuen Testament, der Thora, buddhistischen und hinduistischen Schriften. Das zeigt die große Wertschätzung, die Baha'u'lla allen Religionen entgegengebracht hat.

Die Bahai-Gemeinden öffnen sich deshalb auch stark nach außen und versuchen, vor Ort gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen, um auf die Einheit der Menschheit hinzuwirken. In Deutschland engagieren sich Bahai beispielsweise ganz konkret für Menschenrechte, den Abbau von Vorurteilen und Rassismus und für den Naturschutz.

KNA: Basierend auf den Lehrern Baha'u'llahs wurden 1912 zwölf ethische Grundsätze formuliert, die sehr an Hans Küngs 1995 formulierte Weltethos-Gedanken erinnern...

Hofmann: Baha'u'llah hat die Menschen von Anfang an darauf hingewiesen, dass sie ein gemeinsames Verständnis der Welt und der Religionen benötigen, dass es gemeinsame Werte geben muss, weil nur dadurch Gräben überwunden werden können. Baha'u'llahs Sohn Abdu'l-Baha präzisierte die Lehre seines Vaters und formulierte eine weltumspannende Ethik. Sie wurde damals aber nur von den wenigsten verstanden. Die Bahai-Schriften sagen, dass die Menschheit zu einer echten Gemeinschaft zusammenwachsen muss, um Herausforderungen zu meistern - nicht nur im geistig-spirituellen Sinn, sondern auch im gesellschaftlichen und sogar politischen. Diese Gedanken sind damals, um 1900 herum nur von ganz wenigen geteilt worden.

Als Küng dann Ende des 20. Jahrhunderts seine Thesen formulierte, war die Akzeptanz eines gemeinsamen ethischen Fundamentes schon größer geworden. Die Erkenntnis, dass die Religionen einander nicht mehr Feind sein dürfen, sondern einander verstehen sollten, lag quasi in der Luft. Küng hat diese Entwicklung aufgegriffen.

KNA: Wie sehen eigentlich das Gemeindeleben und das religiöse Leben im Alltag aus, wenn die Bahai keinen Klerus haben?

Hofmann: Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch einen direkten Zugang zu Gott hat. Im Mittelpunkt des Gemeindelebens, das durch demokratische Strukturen getragen ist, steht unser 19-Tage-Fest am Beginn eines jeden, 19 Tage umfassenden Bahai-Monats. Es ist das zentrale Fest, wo sich die Menschen begegnen. Sie halten eine Andacht, lesen aus den heiligen Schriften ihrer Religion, im Anschluss gibt es eine Beratung mit geselligem Beisammensein, wo man über anstehende Themen spricht - derzeit etwa die Feier zum 200. Geburtstag Baha'u'llahs. 

Jede Gemeinde organisiert zudem private Andachtsversammlungen. Die Bahai laden dazu bewusst auch Menschen anderen Glaubens aus ihrem Umfeld ein, um im Kleinen diese Einheit zu fördern. Für die Gestaltung der Andacht gibt es keine bestimmten Rituale. Jedem Gastgeber steht es frei, nach eigenem Belieben eine würdevolle Atmosphäre zu schaffen.

KNA: Und das gelingt auch ohne feste Formen? 

Hofmann: Durchaus. Wir möchten Menschen wieder einen niederschwelligen Zugang zu geistig-spirituellen Themen ermöglichen.

Da sehen wir uns in der gleichen Blickrichtung wie die Kirchen. Denn der Zugang dazu geht immer mehr verloren. Wir versuchen auch, Kinder und Jugendliche spirituell anzusprechen und zu sozialem Engagement zu bewegen. Gerade Kinder haben einen leichten Zugang zu Gott, zu Gebeten und geistigen Themen. Der wird allerdings in der Gesellschaft wenig gefördert, da möchten wir auch als Bahai ein wenig gegensteuern.

Das Interview führte Angelika Prauß.


Quelle:
KNA